zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 2
Zitate zur
MICHAELISCHEN KULTUR
Ich schlage vor, zwei Ebenen des «Zeitgeistigen» zu unterscheiden, eine «untere» und eine «obere»: Auf der «unteren» werden Kämpfe um Macht und Einfluss ausgetragen, mit mehr oder weniger fairen Mitteln. Es ist die Ebene des Wettbewerbs der Ideologien, Religionen [a], Diskursmoden, politischen Programme, kulturellen Trends, Kunstströmungen, Lebensstile, Zukunftskonzepte etc. Hier zanken sich alle um den Zeitgeist. Jeder fühlt sich im Einklang mit ihm. Auf der «oberen» Ebene waltet - als wahrer Hüter des Zeitenschicksals - ein weit über das ganze Gezänk hinausragendes Geistwesen. Halten wir uns an Rudolf Steiner und nennen es Michael. Das ist ein der [jüdisch-]christlichen Mythologie entlehnter Name eines Erzengels. Sicher gäbe es auch andere Möglichkeiten, diese nur imaginativ erfassbare Gestalt (oder Wirksamkeit) zu umschreiben.
Was tut Michael? Zunächst gar nichts. Er wartet. Sein Wesen ist Erwartung, Empfangsbereitschaft. Was sich auf der unteren Ebene abspielt, kann und will er nicht eigenmächtig beeinflussen. Michael wartet, dass Menschen ihre Blicke zu ihm erheben mögen. Niemals würde er unsere Freiheit antasten. Wer sich ihm aber zuwendet mit Fragen im Herzen, die aus allgemeiner Menschenliebe geboren sind, wird Inspiration und Ermutigung erfahren. Solange es mir nur um mein eigenes Wohlsein oder Fortkommen geht, bin ich für seine Botschaften taub. Michael antwortet auf Regungen selbstloser Sorge um Andere. Letzlich um das soziale Ganze.
Steiner gab Anregungen, wie man sich bewusst mit Michael in Verbindung setzen kann. Ich will nur wenige Grundgesten nennen: Entscheidend sei es, sich «in jedem Augenblick seines Lebens» zu vergegenwärtigen: «Die wirklichen Menschen ... sind unsichtbar.» Das der äußeren Wahrnehmung sich darbietende «Konglomerat von mineralischen Partikelchen» dürfe niemals verwechselt werden mit dem Menschen selbst. Dies stets zu beachten, so Steiner, «heißt michaelisch denken». Ist es mir selbstverständlich geworden, den unsichtbaren Menschen im Anderen realer zu nehmen als seine physisch-leibliche Erscheinung, kann ein «Bewusstsein der Präexistenz des Seelischen» aufdämmern. Ich beginne nun zu erfassen, was Empfängnis bedeutet: Ein geistiges Wesen offenbart sich im Seinsmodus der Leibhaftigkeit. Michaelisch denken heißt, «die Ungeborenheit denken».[b]
Übungen in Richtung des Angedeuteten lassen mich erst in voller Tragweite erfassen, was Menschenwürde bedeutet.[c] Daraus erwächst soziale Verantwortung. Man beginnt zu verstehen, was Emmanuel Lévinas gemeint haben könnte, als er notierte: «Das existenzielle Abenteuer des Nächsten ist dem Ich wichtiger als sein eigenes.» Diese Zusammenhänge zu begreifen, heißt, michaelisch denken. Und aus solchem Denken heraus etwas zu unternehmen in der Welt, das schließlich heißt, michaelisch handeln.
Henning Köhler
in »a tempo« september|2013; S.19
Eine Michael-Kultur entsteht, in der Gemeinschaften, aneinander erwachend, in einer Art sozialem Kultus mit Geistwesen-Anwesenheit, arbeiten.[d] In aus dem Geist sprechenden Diskursen mit Vertretern aller Geistesströmungen werden übersinnliche Wahrnehmungsfähigkeiten, Befreundungen mit Elementarwesen, durch die man in die Hierarchien schaut, sowie die Anwendung des „Saturnweges”, zu einer gediegenen spirituellen Übungs- und Forschungskultur entwickelt. Karmische Gruppen bilden aus einem tiefen „Sich-Verstehen” temporäre „Lebensgemeinschaften”, in denen es darauf ankommt, „gemeinsam den Geist zu erleben” und „an der eigenen Vervollkommnung zu arbeiten” (siehe Rudolf Steiners „Memorandum für das Komitee der Freien Anthroposophischen Gesellschaft”, GA 217a). Eine Jahresfestes-Kultur, in der sozialrelevante Inspirationen aus der aktuellen Geistwelt fließen, erblüht. hochschulartige Arbeit mit Meditation und Ritualen und kultischen Anteilen finden in drei „Klassen” statt. So wird, immer aktuell schauend und geistatmend, an sozialem Pneumatismus, sozialem Psychismus und dreigliedriger sozialer Organismusbildung gestaltet (siehe Rudolf Steiner, GA 181, Vortrag vom 16.07.1918). Es entstehen tiefgehende Lebens- und Arbeitsfelder, genährt durch geübte meditative Arbeitsweisen und Schlüsselfähigkeiten als Basis aller anthroposophischen Ausbildungscurricula. Aus dieser, sich ausbreitenden Michael-Kultur, beginnt zu neuen Formen aller Lebensfelder hinzu eine gemeinsame Verständnissprache unter den Kulturen und Religionen zu wirken, in denen Spezifisches der jeweiligen religiösen Erfahrungen differenzierter besprechbar wird.
Dirk Kruse
in „Die Westlichen Mysterien als Anreger neuer Wege in der Anthroposophie”;
Aufsatz vom Dez.2015 (im Archiv DMGG)
a] eigentlich Konfessionen, durch welche die eine Religion in starken Gegensätzen wirksam wird
b] vgl. Ephesus und JOA
c] die eben keine aus ideologisch dekretierten „Menschenrechten” abgeleitete ist
d] Im frühmittelalterlichen Wirken der irischen Missionare Columban und Gallus kann ein Versuch dieser Gemeinschaftsbildung erkannt werden.