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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Ralf SONNENBERG zu
VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN
Zum anderen war Popper kein Feind konspiratologischer Postulate per se, sondern sah - ähnlich wie Hannah Arendt in ›Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft‹⁴ - in dem Aufkommen totalitärer Tendenzen eine Mélange von politischen Akteuren, Ideologien und Institutionen am Werk, deren Tendenz auf die Beseitigung demokratisch-egalitärer Freiräume und die Zerstörung zivilgesellschaftlicher Partizipation abzielte. Dessen ungeachtet fand seine kritische Analyse sowohl linker als auch rechter Verschwörungsmythen - zu letzteren zählte er vor allem die Paranoia einer jüdischen Weltverschwörung mit den bekannten Folgen - Eingang in den intellektuellen Diskurs der Nachkriegsjahre. Sie gilt seitdem als Indikator einer aufgeklärten Auseinandersetzung mit irrationalen Welterklärungskonzepten, deren Urheber der Komplexität der Gesellschaft mit monokausalen Erklärungsmustern zu begegnen und den langsamen, Kompromisse erfordernden Prozess parlamentarisch-demokratischer Teilnahme zu delegitimieren suchen.
Doch wohl noch aus einem weiteren Grund hätte sich Popper dagegen verwahrt, von Anthroposophen zum Kronzeugen eines gegen den »Verschwörungsglauben« erhobenen Generalverdachts gekürt zu werden. Ist doch die Anthroposophie Verschwörungstheorie par excellence, das - je nach Lesart - substanzmonistische oder -dualistische Urgewächs aller konspiratologischen Erklärungsversuche sozusagen. Denn »in« und »hinter« den Ereignissen einer vordergründigen Realität sieht sie geistige Prozesse und Wesen am Werk, deren Ursprung bzw. Absichten sich dem Blick des noch Uneingeweihten entziehen. Zugleich bietet sie das methodische Instrumentarium, um nicht nur im goetheanistisch bestellten Löwenzahnbeet, sondern auch auf dem Feld des gesellschaftlich-politischen Geschehens »offenbare Geheimnisse« im Sinne Goethes aufzuspüren, von denen die äußerlich zutage tretenden Symptome nur die aufgeworfenen Wellen eines noch der Entbergung Harrenden darstellen.
Wenn bekennende Anthroposophen sich also gegen »Verschwörungstheorien« in toto aussprechen und publikumswirksam deren Ächtung einfordern,[a] dann ist das in etwa so überzeugend, als wenn US-Präsident Trump eine Verlautbarung gegen Sexismus abgeben oder sich für Gendermainstreaming stark machen würde. Denn wer die Möglichkeit zubilligt, dass sich in menschliches Denken und Handeln die Inspirationen und Willensimpulse geistiger Entitäten hineinverweben, die mehr oder weniger menschenfreundliche Intentionen verfolgen, der wird sich nicht ohne weiteres den pejorativen Jargon der »Frankfurter Acht« zu eigen machen können. Der künstliche, auf die Zustimmung der [selbsterkorenen] gesellschaftlichen Eliten abzielende Antagonismus von offener Aufklärungsanthroposophie auf der einen und geschlossener Verschwörungsanthroposophie auf der anderen Seite erweist sich bei näherem Betrachten als eine Münchhausiade, die, konsequent zu Ende gedacht, auf die weltanschauliche Selbstaufhebung ihrer Urheber hinausliefe.
S.57
In minder schweren Fällen erfüllte die einseitig-verkürzte Bezugnahme auf Rudolf Steiners zeitgeschichtliche Symptomatologie und dessen Andeutungen zu westlichen Interessensgemeinschaften, denen bei der Planung und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine gehörige Mitschuld zukomme, Entlastungsfunktionen im Hinblick auf die Mitverantwortung der Zentralmächte am Zustandekommen der »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts«⁶. Zugleich boten Steiners unsystematisch vorgebrachten Hinweise auf die nationalegoistischen Interessen dienende Wirksamkeit britischer, französischer oder russischer Vereinigungen - denen einflussreiche Zeitgenossen wie Cecil Rhodes, Alfred Milner oder Gérard Encausse nachweislich angehörten⁷ - in den Augen mancher Autoren eine Art Freibrief für die leichtgläubige Adaptation antifreimaurerischer bis judenfeindlicher Verschwörungsideologien.
Das solchen Topoi zugrunde liegende Begründungsmuster ist, trotz gradueller Unterschiede, fast immer dasselbe: Da die »offizielle Geschichtsschreibung« und die »Mainstreammedien« dazu tendierten, die Argumentation der Mächtigen zu stützen, müsse die Wahrheit vorrangig oder ausschließlich in den weitverzweigten Kanälen der inoffiziellen Berichterstatter, also in einschlägigen ›YouTube‹-Videos, Blogs und Publikationen gesucht und gefunden werden - als ob die alternativen Medien nicht ebenso von weltanschaulichen, politischen oder auch finanziellen Interessen ihrer Urheber infiltriert wären und der Umstand, dass jemand die Medienberichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen kritisiert oder ihr entgegenstehende Fakten oder Behauptungen präsentiert, ihn bereits automatisch gegenüber manipulativen Absichten immunisierte.
Infolgedessen kann der Verdacht, dass die unkritische Beschäftigung mit Verschwörungstheorien die Gefahr gewisser Risiken und Nebenwirkungen birgt, durchaus nachvollzogen werden - vorausgesetzt, er wird nicht als Totschlagargument missbraucht. [...] Was, so ließe sich beispielsweise einwenden, haben Publizisten wie der Schweizer Historiker Daniele Ganser, der die offizielle Version von 9/11 nach Unstimmigkeiten durchforstet und als dezidierter Kritiker der aktuellen US-Außenpolitik von sich reden macht, mit Holocaustleugnern, völkischen Germanophilen oder Bilderberger-Konspiratologen zu tun? Ist das Bestreben, hinter und in den politischen Ereignissen bestimmte Interessensgruppen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zu verorten, von deren Tätigkeit das medial und universitär vermittelte Faktenwissen oft nur einen verkürzten und bisweilen auch in die Irre führenden Eindruck vermittelt, im Zeitalter der für immer neue Enthüllungen und Paradigmenwechsel sorgenden Whistleblower tatsächlich so abwegig? Leistet nicht gerade das Ausblenden dieses Bereiches der Realität, der als terra incognita der etablierten Wissenschaften gelten kann, einer leichtgläubigen Übernahme der im öffentlichen Raum kursierenden, nachweislich oft transatlantischen oder wirtschaftlichen Interessen dienenden Berichterstattungen Vorschub? Und wird nicht gerade durch ein Scheuklappendenken, das die vielschichtige Wirklichkeit auf ein Entweder-oder herunterbricht, der Boden dafür bereitet, dass der für die offene Gesellschaft unabdingbare Raum, in den hinein auch kontroverse Meinungen ausgesprochen werden können müssen, ohne dass die Betreffenden der Gefahr einer Stigmatisierung ausgesetzt wären oder gar Nachteile beruflicher Art zu fürchten hätten, gegenwärtig immer weiter erodiert?
Dass die im Gewächshaus menschlicher Erkenntnissehnsucht regsam werdende Urpflanze nicht nur prächtige Geranien und Lilien, sondern auch Giftpilze und allerlei Wildwuchs ins Kraut schießen lässt, liegt in der Natur der Sache. Dies reicht jedoch als Argument nicht hin, um sogenannte Verschwörungstheorien unterschiedslos in die Wüste zu schicken: Denn die Realisationen von Universalien durch den Individualgeist erfolgen so wirklichkeitsnah oder -fern, so mono- oder multiperspektivisch, wie das Denken, Fühlen und Wollen desjenigen beschaffen ist, der sie bewerkstelligt.
S.58f
[...] Die Liste von Verdachtsmomenten, die sich am Ende als zutreffend erwiesen, obwohl ihre Urheber sich zunächst des Vorwurfs der Kolportage ausgesetzt sahen, ließe sich endlos fortführen. Der Umstand, dass sich sowohl Anhänger als auch Gegner der offiziellen Lesart, der zufolge eine Gruppe islamistischer Verschwörer um Mohammed Atta für den Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001 allein verantwortlich zeichnete, wechselseitig das Etikett »Verschwörungstheoretiker« anhefteten, führt überdies vor Augen, wie semantisch schillernd dieser Ausdruck ist - und welches Missbrauchspotenzial er besitzt. Als Kampfbegriff gegen die jeweils andere Seite in Stellung gebracht, ist er dazu angetan, einen Automatismus von Emotionen und Abwehrhaltungen in Gang zu setzen, der eigenständiges, um Vorurteilsfreiheit bemühtes Denken herablähmt oder sogar gänzlich außer Kraft setzt.
S.59f
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4 Hannah Arendt: ›Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft‹, Frankfurt a. M. 1955.
6 Vgl. George F. Kennan: ›The Decline of Bismarck's European Order‹, Princeton 1979, S. 3.
7 Vgl. Markus Osterrieder: ›Welt im Umbruch: [...]‹. Trotz Einseitigkeiten in der Gewichtung und Interpretation der historischen Quellen liefert der Autor ein anschauliches Bild der vor dem Ersten Weltkrieg vorhandenen engen Verflechtungen von Politik, Nationalismus und Freimaurerbünden.
in »die Drei« 3/2019
a] wie im Juli 2018 in einer Erklärung von acht derartigen Publizisten geschehen, welche ua. in »Anthroposophie weltweit« veröffentlicht worden ist