zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Ulrich KAISER zu
AKASHA-CHRONIK und ERWEITERTEN AUTORSCHAFT
Eine Besonderheit in den Aufsätzen ›Aus der Akasha-Chronik‹ besteht darin, dass die ersten von ihnen ohne Autorennamen erschienen sind und dass nach einer kurzen Einleitung des Herausgebers die Haupttexte in Anführungszeichen erscheinen. Vom zehnten Aufsatz an lässt Steiner diese Praxis fallen und er firmiert auch als Autor. Gleichwohl legte er anfangs großen Wert auf die Anführungszeichen, was auch daraus ersehen werden kann, dass er in den Druckfahnen ein fehlendes Zeichen extra ergänzte.⁴⁷ Aus der Vorbemerkung geht hervor, dass »hier mehrere Kapitel aus der Akasha-Chronik wiedergegeben werden«, dann ist von »Schriftstücken« die Rede, »die hier verzeichnet werden können«. Damit dürfte nahegelegt worden sein, dass die Texte einen anderen, direkteren Charakter haben und möglicherweise eine andere Autorität beanspruchen könnten, jedenfalls ein andere Art von Autorschaft und Inspiration.⁴⁸
Während die Einleitungs- und Kommentartexte - die offensichtlich vom Herausgeber der Hefte, nämlich Rudolf Steiner stammen - reflektiert ausfallen, sind die Texte in Anführungsstrichen in dem Sinn erzählerisch, als sie unmittelbar schildern und wenig reflektieren. Als solche könnten sie mit mehr autoritativer Geltung ausgestattet sein. Sie könnten aber auch als weniger ausgearbeitet, weniger ins Alltagsbewusstsein übersetzt gelten, weniger kontrolliert einen Wildwuchs der Bilder enthalten, demgegenüber die Anführungsstriche wie eine Grenze, wie ein Zeichen der Distanz wirken. Sie dürften allemal als Signal für eine Textart gemeint sein, in der nicht ein gewöhnliches Ich, sondern ein höheres Ich, eine höhere Instanz wie die in der Theosophie verehrten »Mahatmas« oder »Meister« als Vermittler besonderen Wissens spricht.⁴⁹ Die Meister sind zumindest eine Metapher für ein Wissen um Bilder [...] die nicht ein Subjekt ersonnen hat, sondern die sich von sich aus ergeben. Entsprechende Inspirationen und Vermittlergestalten waren in der Theosophischen Szene damals [um 1904] geläufig, und Steiner konnte damit rechnen, dass seine Leser beim Anblick dieser Anführungszeichen in irgendeiner Form ihr Wissen von den »Meistern« aktivierten, in irgendeiner Weise von dem Meister-Narrativ berührt wurden.
Das Narrativ einer besonderen Gestalt, die zwischen gewöhnlichem und außergewöhnlichem, verborgenem historischen Wissen vermittelt ist in der Weltliteratur nicht unbekannt. Der klassische Ort dafür ist Platons ›Timaios‹ bzw. ›Kritias‹, in dem die wirkungsstarke Geschichte von Atlantis zum ersten Mal erzählt wird. Dort bedient sich Platon bzw. der Erzähler Kritias einer komplexen Überlieferungserzählung, die sein Sonderwissem von Atlantis beglaubigen bzw. erklären soll. Abgesehen davon, dass ohnehin Mnemosyne (Μνημοσύνη), die Göttin der Erinnerung, angerufen wird,⁵° erzählt Kritias dann, dass er als Kind von seinem Großvater eine Geschichte gehört habe, die dieser wiederum vom bekannten Gesetzgeber Solon gehört habe, der sie seinerseits auf einer Reise nach Ägypten gehört habe.⁵¹ Der entscheidende Vermittler eines vorhistorischen Wissens in dieser fast schon wieder unwahrscheinlichen Reihe der Weitergabe ist hier der Priester in Sais. Er ist nicht nur eine sakrale Gestalt, er verfügt auch über ein uraltes Schriftstück - eine Metapher für die Akasha-Chronik bzw. umgekehrt -, auf dem die Vorgeschichte Athens überliefert ist. Es ist nicht umsonst ein Ägypter: »Die Begegnung mit Ägypten war für die Griechen eine Zeitreise in den Brunnen der Vergangenheit.«⁵²
Was für Platon die Mnemosyne, ist in Wolfram von Eschenbachs Parzival Frau Aventiure. Sie, mit welcher der Erzähler während der Erzählung kommuniziert und von der er sich belehren lässt, gilt als wesentliche »Beglaubigungsformel«, die das mittelalterliche Publikum offenbar forderte, wenn die Geschichte unwahrscheinlich wurde.⁵³ Doch der esoterische Kern der Erzählung, der ein besonderes Wissen darstellt, wird auch von einer besonderen Gestalt verantwortet, von »Kyot, dem Meister«, der seinerseits das nichtalltägliche Wissen vom Gral in einer arabischen Schrift eines Sternenkundigen namens »Flegetanis« findet und von dieser Schrift aus wieder zum gewöhnlichen historischen Wissen zurückkehrt, es durch Nachforschungen in lateinischen Chroniken ergänzt, konkretisiert und veralltäglicht.⁵⁴ Auch hier finden wir ein verschachteltes Narrativ der Wissensvermittlung, das deutlich macht, dass wir zu besonderem Wissen nur auf besonderen Wegen gelangen - ganz egal, ob die entsprechenden Vermittler eine Beglaubigungsfunktion haben, ob sie »wirklich« existieren, in der Erzählung widerspruchsfrei sind, oder ob der gewitzte Erzähler in der Darstellung der Beglaubigung durch die raffinierte Art, in der er sie vornimmt, genau diese gezielt unterläuft.⁵⁵
___________________________________________________________________________________

47 Säuberliche Handschriften wie korrigierte Druckfahnen befinden sich im Rudolf Steiner Archiv in Dornach.
48 Vgl. Helmut Zander: ›Anthroposophie in Deutschland‹ S. 616 und Christian Clement in SKA 8.2, S. LXXXVIIII.
49 Mittlerweile sind die »Meister« Gegenstand verschiedener akademischer Studien geworden, zuletzt bei Jan Stottmeister: ›Der George-Kreis und die Theosophie‹, Göttingen 2014, S. 38-42 u. 199-204; Arnold Kalnitzky: ›The theosophical movement of the nineteenth century‹, Pretoria 2009, der in Kapitel 6 (S.218-271) die Meister im Sinne der Jungschen Archetypenlehre deutet; und Wouter J. Hanegraaff, ›Masters‹, in ders. (Hrsg.): ›Dictionary of Gnosis & Western Esotericism‹, Leiden 2006, S. 630; vgl. dort auch S. 1057f. Immer noch wichtig sind die Arbeiten von K. Paul Johnson, der die theosophischen Meister-Narrative mit real existierenden Persönlichkeiten abgleicht, vgl. besonders: ›The masters revealed. Madame Blavatsky and the myth of the Great White Lodge‹, New York 1994.
50 Platon:›Kritias‹, 108c-d.
51 Ders.:›Timaios‹, 19b-26e.
52 Jan Assmann: ›Weisheit und Mysterium. Das Bild der Griechen von Ägypten‹, München 1999, S. 10. Vgl. zur ganzen Konstellation der verschachtelten Wissenserzählung neuerdings Tanja Ruben: ›Le discours comme image. Énonciation, récit et connaissance dans le Timée-Critias de Platon‹, Paris 2016, 93ff. und 102ff.
53 Vgl. Eberhard Nellmann: ›Wolframs Erzähltechnik. Untersuchungen zur Funktion des Erzählers‹, Wiesbaden 1973, S.50-73.
54 Wolfram von Eschenbach: ›Parzival‹, Buch IX, 453, 5-455, 23. Den Hinweis auf Kyot als strukturelle Parallele zur Gestalt der theosophischen Meister verdanke ich Michael Zech.
55 »Quellentreue wird« einerseits, so heißt es in der neueren Literatur zur Erzählstruktur im ›Parzival‹, »inszeniert, doch im Modus der Abweisung der eigentlichen Quelle und der Fiktion einer vermeintlichen Quelle unterlaufen.« Vgl. Beate Kellner: ›ein maere will i'u niuwen. Spielräume der Fiktionalität in Wolframs von Eschenbach Parzival‹, in: Ursula Peters & Rainer Warning (Hrsg): ›Fiktion und Fiktionalität in den Literaturen des Mittelalters. Jan-Dirk Müller zum 65.‹, Paderborn 2009, S. 180.
in »die Drei« 11/2018; S.40ff