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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Craig HOLDREGE zum
MECHANISMUS in der BIOLOGIE
Es ist klar, dass eine bestimmte Zellart nicht alles leisten kann; sie hat eine begrenzte Palette von Möglichkeiten, die aber variabel eingesetzt wird. Das zeigt die Forschung für so gut wie jede Zellart und jedes Molekül im Körper. Da nunmehr die Zell- und Molekularbiologen heute sehr spezialisiert sind und jede Forschungsgruppe sich auf ein einziges Molekül in einer Organismusart aus einer beschränkten Perspektive konzentriert, kann die Variabilität der Prozesse nur offenbar werden, wenn die Wissenschaftler dazu in der Lage sind, einen Schritt von ihrer Arbeit zurückzutreten und sich einen breiteren Überblick über die Forschung zu verschaffen.¹
Ein wichtiges Ergebnis dieser Forschungen ist, dass es keine spezifischen oder fixen Bahnen und feste Abläufe gibt (Talbott 2014)*. Man kann tatsächlich nicht sagen, dass der Zelltyp X die Funktion Y oder das Molekül S den »Mechanismus« für die Aktivität T darstellt. Das, was Biologen für determinierte Bahnen halten, sind in Wirklichkeit spezifische Realisierungen des anpassungsfähigen, flexiblen Potenzials des Organismus, die sich in einem bestimmten zellulären und molekularen Kontext manifestieren. Die Vorstellung vom Mechanismus dagegen liegt im Bewusstsein dessen, der die Phänomene betrachtet. Der Mechanismus ist nichts »Physisches« im Organismus selbst. Sich auf die Prüfung einfacher Kausalbeziehungen zu beschränken (»dieses Molekül ruft jene Reaktion hervor«) bedeutet, unter einseitigen, hoch kontrollierten Bedingungen zu arbeiten. Dabei sollten wir nicht vergessen, was wir als Experimentierende getan haben, um zu unseren Ergebnissen zu kommen. Die gewonnene Klarheit entsteht auf Kosten des Verlustes der volleren Wirklichkeit, welche sich uns nur dann zu zeigen beginnt, wenn wir unsere Ergebnisse wieder in Beziehung zu den Ergebnissen anderer Experimente bringen und die mechanistische Interpretation fallen lassen. Was sich im Experiment als bestimmend erweist, ist es nicht in der grösseren biologischen Realität.
S.11f
1 Wenn Biologen Goethes grundlegenden Essay Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt (1792) studierten, könnten sie verstehen, wie entscheidend es ist, die experimentellen Bedingungen zu variieren, um zu einem vielseitigen und damit wirklichkeitsgemäßen Verständnis zu gelangen.
*) Talbott, S[tephen L.]. (2014): Biology's Shameful Refusal to Disown the Machine-Organism, im Internet verfügbar.
in »die Drei« 7-8/2015