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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Ulrich KAISER zu
GEISTESFORSCHUNG und HYPOTHESEN
Ich möchte dem Konzept des ›Hellsehers‹ dasjenige eines ›Geistesforschers‹ gegenüberstellen. Der Forscher, das versteht sich, wird nicht unvermittelt zu seinen Tatsachen kommen wie der Hellseher. Er wird vielmehr einen vermittelten Prozess durchlaufen, in dem deutlichere Erkenntnisse undeutliche ersetzen; der von Revisionen, Geduld, Studium, Hoffnungen und Enttäuschungen durchzogen sein wird; ein Prozess überdies, der immer sprachlich vermittelt ist und deshalb auch der Deutung bedarf und Mehrdeutigkeiten und Perspektivität einschließt. Auch hier spielt als Erfahrungsprinzip die ›Schau‹ eine unverzichtbare Rolle. Aber sie ist eingebettet in den Forschungsprozess im Sinne der jeweiligen Überschreitung des diskursiven Vorgehens und des Rückbezugs auf dieses. Im Unterschied zum Hellseher arbeitet ein Forscher mit Hypothesen.
Wenn ich den Typus des Geistesforschers im Folgenden anhand Steiners Verwendung des Begriffs der Hypothese erläutere, dann treten vor allem drei Konsequenzen in Erscheinung. Zum einen wird die jeweilige und nicht bloß an den Forscher delegierte Erfahrungsbezogenheit aller geisteswissenschaftlichen Aussagen angesprochen: Hypothesen sind keine simplen Mitteilungen, sondern zu bestätigende, nachzuvollziehende und in diesem Sinn problematische Aussagen. Und es wohnt ihnen ein mehr oder weniger subtiler Aufforderungscharakter inne. Er sagt: Überprüf uns, mach mit uns Erfahrungen, verlass dich nicht auf uns! Hypothesen sind also auch performativ. Es sind sensible Behauptungen, deren Status sich als unsicher und irritierbar zeigt, deren Eigenart als erfahrungsoffen und empfänglich. Im semantischen Feld, das sich für die Übersetzung des Ausdrucks Hypothese anbietet, bevorzuge ich damit das Wort Behauptung mit seiner willentlichen Komponente.
S.17f
Die Wahrheit theosophischer Sätze zeigt sich, indem sie angesichts ›der Tatsachen der Natur und des Lebens‹ sich als plausibel und aufschlussreich erweist. Die Falschheit aber darin, dass das nicht so ist. Dieser Wahrheitsbegriff Steiners ist stark empfindungsorientiert (›stößt zurück‹). Vor allem ist er nicht wissenschaftlich sondern lebenspraktisch gedacht. Steiner formuliert jene pragmatische Einstellung gegenüber den Wissenschaften, die er bereits in den Diskussionen im Giordano Bruno-Bund, jenem naturwissenschaftlich-monistischen Debattierklub der Jahrhundertwende, vertreten hatte. Die »Frage nach der Gültigkeit der Weltanschauung« resümiert er dort, sei »vor dem Forum des Lebens, nicht vor dem Forum der Erkenntnis zu entscheiden« (GA 51, 310). So wundert es nicht, dass Steiner das Wort von den Arbeitshypothesen in unserem Kontext auch sogleich ausweitet in das von den »brauchbaren Lebenshypothesen« (GA 34, 387).
S.20
Umgekehrt kritisiert Steiner Hypothesen, die anstelle der Wahrnehmbarkeit Modelle substruieren und damit Erkenntnisgrenzen festschreiben und jenseits dieser Grenzen Sinnliches postulieren.
S.21
in »die Drei« 5/2013