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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Ulrich MEIER zu
MACHT und ANLEITUNG
Das Ideal eines partnerschaftlichen Umgangs verstellt zuweilen den Blick darauf, dass am Ausgangspunkt menschlicher Begegnungen - anders als am Ziel - immer eine Asymmetrie von Macht besteht. Status, Rolle, Funktion, Wissen, Fertigkeiten und nicht zuletzt das mehr oder weniger starke Selbstbewusstsein jedes Einzelnen führen zu unterschiedlichen Voraussetzungen für den Umgang miteinander. Zwischen zwei Menschen oder auch zwischen einem Anleitenden [Begleitenden, Tutor] und einer Gruppe besteht immer ein Machtgefälle, mit dem ich bewusst umgehen oder das ich ignorieren kann. Die Angst vor dem Missbrauch von Macht darf mich nicht dazu verführen, Macht als selbstverständlichen Faktor menschlicher Interaktion zu negieren. In diesem Sinne geht es bei dem spezifischen Führungsthema des Anleitens [Begleitens, Tutorings] [...] nicht darum, der Illusion eines machtfreien Raumes nachzulaufen, sondern darum, Wege aufzuzeigen, wie mit den unterschiedlichen Ebenen von Macht verantwortlich agiert werden kann: auf das jeweilige gemeinsame Projekt bezogen und in der ethischen Haltung eines gegenseitigen Respekts voreinander.
Unter Anleitung verstehe ich einen dialogischen Prozess, dessen Ziel eine Handlung ist. Es geht in erster Linie nicht darum, Kenntnisse zu vermitteln oder Einsichten zu fördern, sondern darum, ein Erlebnisfeld zu eröffnen, auf dem die Angeleiteten ihre eigenen Erfahrungen machen, die vom Anleitenden inspiriert, unterstützt und im gemeinsamen Reflektieren ausgewertet werden. Auch Lehrende, die sich mehr oder weniger ausschließlich des Mediums der Sprache bedienen, sollten sich fragen, wie es um ihre Anleiterqualitäten bestellt ist. Je mehr es jedoch um Praxis und Übung, um Bewegung des Leibes [der Leiber] in der Welt geht, wird die Frage danach, wie ethisches Anleiten gelingen kann, unausweichlich. Dass heute an die Stelle der klassischen Unterrichts- oder Lehrstunde vielfach die Methode des Workshops, der Werkstatt oder des Kurses tritt, ist nach meiner Wahrnehmung ein Zeichen dafür, dass sich in unserem Bildungsverständnis die zentrale Bedeutung des erfahrungsbasierten Lernens immer mehr Bahn bricht. Gerade deshalb erscheint es wichtig, sich gründlicher als bisher darüber zu verständigen, wie Anleiten und Angeleitetwerden geschehen kann.
in »Das Goetheanum« 8·2018; S.6