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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Renatus ZIEGLER zu
UNENDLICHKEIT und GRENZEN
Das Geschaffene, aus der Idee und dem gegebenen Stoff heraus, ist auch weder bloße Fortsetzung noch bloße Erweiterung des bisher Geschaffenen oder Bekannten. Es fließt direkt aus der Quelle und muss sich nicht am bereits Vorhandenen orientieren. Die Gesamtheit aller Buchengestalten oder aller möglichen Kreise, etwa in einer Ebene liegend, ist in diesem Sinne dann keine Summe, keine Zusammenstellung vorhandener Formen, sondern ein werdendes Potenzial, ein schöpferischer Prozess - eine aktuale Unendlichkeit. Sie kann im gewöhnlichen Sinne nicht festgehalten, nicht in einzelne Gebiete eingeteilt werden: Sie ist alles oder nichts.
Mit anderen Worten: Jede Grenzsetzung kommt aus einem Bereich, der jenseits aller Grenzen und negierten Grenzen liegt, aus der Ideenwelt (oder der universellen Formenwelt), die keine Grenzen, wohl aber spezifische Bestimmungen enthält. Unterscheidet man im Prozess des Setzens einer Grenze die dazu verwendete Idee von dem diese Idee setzenden Akt, so ist der Akt selbst die Vorbedingung des Setzens von Ideen. Anders gewendet: Aktives Denken bringt erst Ideen zur tätigen Anschauung, Ideen sind für mich nur durch Denken präsent. Aber dieses Denken kann ich jederzeit betätigen; sobald es auftritt, ist es durch Anfang und Ende begrenzt, wie auch durch den angeschauten Inhalt. Seine Quelle hat nichts zu tun mit diesen Grenzen, im Gegenteil, sie ist die Vorbedingung des Erscheinens dieser Grenzen. So kann es etwa nur deshalb einen Anfang und ein Ende eines Denkaktes geben, weil er selbst, oder genauer, das Wesen, das denkt (ich selbst), jenseits von Anfang und Ende lebt.
Insofern jede freie Handlung, und damit auch jede künstlerische Handlung, von aktivem Denken begleitet ist, teilt sie mit dem Denken dieses transzendente Potenzial, diese transzendente Welt des Ermöglichens als Grundlage alles Tatsächlichen.
in »Das Goetheanum« 5·2018; S.9