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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Johannes KIERSCH zur
WILLENSFÄLSCHUNG
Wie kommt es nun, dass Rudolf Steiners freiheitliche Intentionen nach seinem Tode ganz an den Rand des Geschehens rückten und sich innerhalb weniger Jahre die Arbeit der Hochschulmitglieder in den Klassenstunden auf das Anhören der Textnachschriften beschränkte?[a] Wie lassen sich die überlieferten Äusserungen Rudolf Steiners über das Lesen der Hochschultexte mit dieser gewichtigen Änderung der Arbeitsrichtung vereinbaren? Was da vorliegt, zeigt sich an einer skurril anmutenden symptomatischen Episode, die der Veröffentlichung der Texte im Jahre 1992 voranging. Marie Steiner hat, als sie sich im Frühjahr 1926 auf eine erste eigene Klassenstunde vorbereitete, ihre Gespräche mit Rudolf Steiner über das Lesen der Nachschriften seiner Klassenstunden eindeutig auf den Punkt gebracht. Sie schreibt:
«Aber er wehrte sich ganz energisch, dass diese Nachschriften irgendjemandem zum Lesen gegeben würden, und sei es auch den prominentesten Trägern der Arbeit im Ausland, wenn sie auf kurze Zeit nach Dornach kamen und in unserem Hause sie lesen wollten: ‹Sie existieren gar nicht ...›, so drückte er sich ganz dezidiert aus. Mache ich mir klar, was diese Worte für mich bedeuten, so komme ich zu folgendem Ergebnis: Es lag nicht in s[einer] Willensrichtung, dass diese Vorträge bloß vorgelesen würden.»⁸
Als diese Notiz bei der Veröffentlichung der Nachschriften im Jahre 1992 einleitend zitiert wurde, fehlte im letzten Satz das Wort «nicht». Damit war der Sinn dieser gewichtigen Aussage in sein Gegenteil verkehrt. Wie konnte es dazu kommen? Es lässt sich verstehen, warum dieser Missgriff keinem der verantwortlichen Herausgeber aufgefallen ist. Als die fraglichen Sätze aus dem Notizbuch Marie Steiners in Maschinenschrift übertragen wurden, hatte es sich längst eingebürgert, Klassenstunden nur in der Form des Vorlesens der nachgeschriebenen Texte abzuhalten. Frau Doktor musste sich wohl geirrt haben. Das war peinlich und hätte nicht passieren dürfen. So fühlte sich der gewissenhafte Bearbeiter verpflichtet, den Irrtum stillschweigend zu korrigieren und das befremdliche «nicht» kommentarlos zu entfernen. (Es ist mir unverständlich, warum in der neuesten Auflage der Klassentexte der Fehler korrigiert worden ist, ohne den Vorfall auch nur mit einem Wort zu bedauern oder zu erklären.)
8 Marie Steiner: Notizbuch 20. Archiv der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung. Der gesamte Entwurf zu einer Ansprache, dem die zitierten Sätze entnommen sind, in Johannes Kiersch: Steiners individualisierte Esoterik einst und jetzt. Dornach 2012, S. 242ff.
in »Das Goetheanum« 49·2017; S.8
a] Gemeint ist die aufs Zuhören beschränkte Arbeitsweise innerhalb der 1924 gegründeten Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Diese mancherorts heute immer noch übliche Arbeitsweise war von Steiner weder intendiert, noch stillschweigend zugelassen worden.