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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Christine GRUWEZ zur
IKONE
Dieses Bild des Ewigen im Menschen zeigt sich nur dann, wenn der Blick dies ermöglicht. Die Ikone kann einen lehren, was mit Bild gemeint ist und was es heißt, dass ein Bild sich erst offenbaren kann, indem es transparent wird. Bild ist nicht Abbild, so wenig, wie eine Ikone bloß eine Vorstellung ist, die auf einen materiellen Gegenstand gemalt worden ist. Die gemalte Vorstellung ist aber der Widerstand, durch den das Bild sich als real-geistige Präsenz offenbaren kann. Ohne diesen Widerstand der gemalten Vorstellung kann das Bild nicht erscheinen. Dazu braucht es Zeit. Und ebenso braucht es den Blick des Betrachters, der dieses In-Erscheinung-Treten möglich macht.
In vielen Museen werden Ikonen unter Scheinwerferlicht ausgestellt, wodurch die Besucher dazu geführt werden, sie als Abbilder zu betrachten. Man achtet dann eher auf Stilelemente, auf die Atribute, auf den Gold- oder Silberhintergrund, auf die Inschriften, geht sogar ganz nah dran, damit man sie entziffern kann. Als ob man auf diese Art und Weise ihr Geheimnis durchschauen könnte! Was geschieht, ist genau das Gegenteil: Das Bild wird mit dem, was ihm Widerstand bietet, mit der Vorstellung gleichgeschaltet und kann kaum in Erscheinung treten. Das Geheimnis entzieht sich. Begegnet man aber einer Ikone in einem sakralen Raum, wo das Halbdunkel eine erste Bedingung erfüllt, und nimmt man sich genügend Zeit - die zweite Bedingung -, dann kann dieses In-Erscheinung-Treten sich Schritt für Schritt vollziehen.
Ein sanftes ‹Summen›, nur im Innern wahrnehmbar, kündigt an, dass ein Wesen sich nähert, und zwar so, dass es das Ereignis seines ‹Gegenwärtig-Werdens› vorausschickt als ein unmittelbar [evident] zu Erfahrendes. Sowohl die festen Konturen der Vorstellung als auch der materielle Gegenstand, auf dem diese gemalt wurden, lösen sich allmählich auf, werden ‹transparent›. Was erscheint, ist eine in sich selbst getragene Anwesenheit. Auch wenn ich mich vor der gleichen Ikone immer wieder in Gebet oder Meditation versenke, erscheint sie mir neu, als wäre es ein allererstes Mal. Die Vorstellung und das Material bleiben, was sie sind, das Bild, das erscheint ist neu. Im ‹Transparent-Werden› hat es sich erneuert und ‹ist› mehr als vorher. Dieses Mehr wird von Heinz-Georg Gadamer ‹Seinszuwachs› genannt: «Von wirklichen Bildern erwarten wir dagegen nicht eine Bestätigung dessen, was wir schon wissen, sondern einen Mehrwert, einen ‹Seinszuwachs›».⁵
Die Bildnatur des Menschen ist auch in diesem Sinne ein wirkliches Bild. Nicht nur, dass das wachsende Interesse aneinander bewirkt, dass Transparenz entstehen kann, sondern das, was in Erscheinung tritt, wird als Bild des ewig geistig-sinnlichen Wesens des Menschen dadurch auch jedes Mal erneuert. Die Potenzialität des Menschen nimmt zu. Es gibt ein Mehr.
5 H.-G. Gadamer, ‹Wahrheit und Methode›, Tübingen, 1960, p. 133.
in »Das Goetheanum« 14-15·2016; S.9f