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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Robin SCHMIDT zu
ANTLITZ und DIGITALES LEBEN
In diesem Anliegen kann uns Malewitsch [mit seinen gemalten schwarzen Quadraten] einhundert Jahre später wieder nah sein. Da, wo damals in der Kunst die Gegenständlichkeit des Natürlichen und Göttlichen zum Problem geworden war, ist heute die Person und ihr Antlitz zum Problem geworden. In unserer digitalen Lebenswelt ist es nicht mehr das Antlitz Gottes [a], das keine Empfindung des Erhabenen mehr mit sich bringt, sondern das Antlitz des Menschen.
Das digitale Leben ist in weiten Teilen Selbstdarstellung. Im ‹post› ist der menschliche Ausdruck Selbstinszenierung. Im ‹Selfie› [b] ist das Gesicht eine Maske, die eine Anspielung auf ein Echtes simuliert oder ironisch damit spielt. Die Logik des Digitalen besagt, dass es keinen Unterschied von Original und Kopie gibt. Denn eine Kopie unterscheidet sich hier in nichts vom Original. Doch wo es keinen Unterschied von Original und Kopie gibt, zerfällt der Wert des Authentischen. Das Authentische misst sich am Abstand des Erscheinenden vom Wesen, der Kopie vom Original. Das Bild ohne Bezug auf ein Authentisches wird dann zum Bild ohne Antlitz. Ein Gesicht wird erst zum Antlitz im Spiel von Offenheit, Transparenz, Durchlässigkeit mit dem Verschlossenen, Opaken und Undurchdringlichen, um darin die Gegenwart eines Wesens zu bezeugen. Das digitale Gesicht ist ein Spiel einer Maske, die kein Ausdruck von einem Erhabenen ist, dessen Nähe empfunden werden könnte, sondern eines beliebig Gefälligen. Es wird zum Gegenstand ohne Empfindung. Es hat keine Aura, so wie die Ikone einst ihre Aura verloren hatte. So stellt das digitale Gesicht die Frage nach einer gegenstandslosen Empfindung neu. Das Digitale macht die Frage nach der Person und ihrem Antlitz heute zur Existenzfrage.
in »Das Goetheanum« 1-2·2016; S.5
a] vgl. Mbl.13
b] kaum ernstzunehmendes Selbstbildnis, daher der verniedlichende Ausdruck