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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Salvatore LAVECCHIA zur
BANGWEILIGKEIT
[...] Wir leben jedoch in einer Gesellschaft, die uns immer mehr ... ja, der ‹Bangweiligkeit› ausliefern möchte! Immer mehr werden wir zum Weilen im Bangen, zur Enge der Angst stimuliert, die uns immer mehr im hypertechnisierten, hyperintelligenten Reich der Experten, der Kontrollen, der Evaluationen, der Sicherheitsmaßnahmen einlullen und gefangen halten soll. Man will uns zu ‹Bangweilern› verwandeln, die sich mit immer schnellerer Bereitschaft dem Willen der jeweiligen akademisch-‹wissenschaftlich› [von wem eigentlich?] anerkannten Autorität ausliefern wollen.
[...]
Die flächendeckende Verbreitung von Bangweiligkeit, die wir ständig erleben können, ist ein Mordversuch an aller Hebammenkunst [Maieutik], sowohl an derjenigen, die das unnachahmbare Geborenwerden einer physischen Person betrifft, als auch an derjenigen, auf die Sokrates - Kind einer Hebamme - durch seine Tätigkeit hinweisen wollte: an derjenigen Kunst, durch die jede menschliche Seele - durch die eigene Tätigkeit oder durch Hilfe einer ‹Hebamme der Ich-Geburt› - zum Bewusstsein ihres einmaligen geistigen Wesens geboren werden kann.
[...]
Sind wir Menschen der Gegenwart, insofern wir zur Geburt von Freiheit und Liebe aus bewusster Erkenntnis hinstreben, nicht vielleicht eines gesellschaftlichen Schicksals teilhaftig, das wie Sokrates' Schicksal im alten Athen enden könnte? Will man uns nicht immer mehr davon überzeugen, dass alle Erkenntnis-, Bildungs- und bald vielleicht auch Einweihungswege bis zur höchsten Peinlichkeit handbuchmäßig vordefiniert, standardisiert, modularisiert werden könnten? Werden wir irgendwann, wie heute die Hebammen, zu unmöglichen ‹Versicherungsprämien› nur deswegen aufgefordert werden, weil unser Weg zur Geburt im Geistigen frei, einmalig, kreativ bleiben möchte, jenseits der kollektivierenden Akkreditierung einer jeglichen Scientific Community? Weh denjenigen, die dann ohne ‹versichert› zu sein, sich selbst oder anderen zur geistigen Geburt verhelfen möchten! Werden sie vielleicht, genauso wie Sokrates, als Verderber von sich selbst und von anderen Menschen angeklagt und zum Schweigen gebracht werden?
in »Das Goetheanum« 27·2014; S.8f