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Zitatensammlung
Teil 2
Zitate zum
D E N K K O L L E K T I V
«Seit Langem schon», meint Peter Galison, der in Harvard Geschichte der Wissenschaften und der Physik lehrt, «hat man es in der Wissenschaftsphilosophie aufgegeben, unumgängliche und ausreichende Kriterien zu finden, die Wissenschaft eindeutig definieren. Man muss akzeptieren, dass keine Theorie - sei es die konfirmationistische Theorie eines Rudolf Carnap, der poppersche Falsifikationismus oder die reichenbachsche Wahrscheinlicheitstheorie - es schaffen wird, alles Wissenschaftliche auszulesen und Nichtwissenschaft oder Metaphysik übrig zu lassen. Es gibt keine Möglichkeit, Pseudowissenschaft eindeutig abzugrenzen» (Dirk Rupnow u.a.: Pseudowissenschaft, Frankfurt 2008, S.436). Wer also eine bestimmte Form der Erkenntnispraxis als ‹Pseudowissenschaft› oder ‹Nichtwissenschaft› oder ‹Vorwissenschaft› tituliert, steht nicht auf der Höhe der wissenschaftsphilosophischen Reflexion. Er bedient sich eines ‹Kampfbegriffs›, der eine nichtexistente Norm der Wissenschaftlichkeit voraussetzt.
Die Verwendung der Prädikate ‹pseudowissenschaftlich› oder ‹unwissenschaftlich› gibt also lediglich Aufschluss darüber, wie der jeweilige Akteur, der diese Begriffe verwendet, sich selbst und andere im Wissenschaftsdiskurs seiner Zeit und seines jeweiligen Denkkollektivs verortet. Es sagt aber nichts aus über die Validität des Gegenstandes oder der Methoden aus, denen diese Prädikate zugeschrieben werden.
Eine pluralistische Gesellschaft benötigt keinen erkenntnistheoretischen Gesetzgeber und auch keine Diskurspolizei, die darüber wacht, welche Inhalte zum Diskurs zugelassen werden dürfen und welche nicht. Sie entscheidet selbst über das, was ihr frommt. Und sie erkennt das Wahre an seinen Früchten, nicht an seiner Übereinstimmung mit historisch bedingten Kriterien, die zu überzeitlich gültigen Gesetzen hypostasiert werden.
Lorenzo Ravagli
in »Das Goetheanum« 10·2011; S.6
An Forschungserfahrungen auf dem Gebiete der Seuchenmedizin entdeckte Fleck die soziologische Seite des Wissenschaftsbetriebs. Es entstand seine Lehre von Denkstil und Denkkollektiv, die er 1935 in der erwähnten Monographie zusammenfasste. Das Buch kam im gleichen Jahr in Basel heraus³, blieb aber infolge der politischen Ereignisse in Europa so gut wie unbeachtet. Anhand einer medizinischen Fallstudie, der Entwicklung des Syphilisbegriffs, zeigte Fleck die Kollektiventstehung wissenschaftlicher Überzeugungen. Wissenschaftliche Aussagen kommen nach Flecks Darstellung stets als Produkt eines Denkkollektivs zustande, einer Gemeinschaft von gleichgesinnten Forschern. Das Denkkollektiv baut sein Wissensuniversum auf grundlegende Annahmen und mit gemeinsam akzeptierten Denkmitteln auf (Denkstil). Der Denkstil kann sich mit zunehmender Verfestigung des Forschungsbetriebes zum Denkzwang steigern. Weiterentwicklungen sind möglich durch Ergänzung, Erweiterung und Umwandlung des Denkstils.⁴ Bei der Aufnahme von Novizen in das Denkkollektiv - die Fleck gelegentlich als Initiation (!) bezeichnet - ist der Denkstil einschließlich der dazu gehörigen Sprachformen zu übernehmen, Denksolidarität wird selbstverständlich erwartet. Um den Kern von aktiven Forschern (Esoterikern) legt sich in der Regel ein Umkreis von Laien, die Vertrauen in die Kompetenz des inneren Kreises äußern und damit zugleich die „exoterische” Legitimation des eigentlichen Denkkollektivs darstellen. Ist das Denkkollektiv stabil, so baut es allmählich eine „Harmonie von Täuschungen” auf, denn es werden abweichende Beobachtungen ignoriert, bestätigende Tatsachen überbetont, Zusammenhänge suggeriert, wo solche gar nicht nachweisbar sind usw. Der Ausbruch aus verfestigten Denkkollektiven ist nur möglich durch Gedankenverkehr mit konkurrierenden Kollektiven, also durch Kenntnisnahme fremder Orientierungen und die sich daraus - günstigenfalls - ergebende Diskussion. Fleck neigt zu der Ansicht, daß sich Wahrheit und Klarheit nicht innerhalb des esoterischen Zentrums des Kollektivs, sondern aus der Dynamik der Veröffentlichung ergeben, also aus der Kommunikation zwischen dem Denkkollektiv und seiner Umgebung, wenn letztere nicht selbst den Denkstil des Denkkollektivs pflegt.
Ein Jahr vor seinem Tod in Israel verfaßte Ludwig Fleck ein kurzes Manuskript mit der Überschrift Krise in der Wissenschaft. Zu einer freien und menschlichen Naturwissenschaft⁵, in dem er sich gegen den Opportunismus in der Wissenschaft wandte. Der Text enthält folgende Sätze:
„Zwischen dem Subjekt und dem Objekt gibt es ein Drittes, die Gemeinschaft [...] Die Soziologie des Denkens sollte als grundlegende Wissenschaft entwickelt werden, wertgleich mit der Mathematik [...] Die gemeinschaftliche Stimmung des Denkkollektivs, die für die dritte Komponente in jeder Erkenntnis steht, kann zu jeder der beiden möglichen Wirkungen führen: Sie kann blenden und sie kann klarsehend machen.”
Günter Röschert
3 bei S.Schwabe.
4 Denkstilumwandlung entspricht näherungsweise Kuhns Begriff des Paradigmenwechsels [Paradigma: Erklärungsmodell, das von einer Gemeinschaft als Methoden- und Theoriengrundlage eine gewisse Entwicklungszeit lang anerkannt wird].
5 Enthalten in Ludwig Fleck: Erfahrung und Tatsache, Suhrkamp TbW Nr.404.
aus «Anthroposophie als Aufklärung»; S.161f