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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von J. MIRÓ zur
BEWEGUNGSLOSEN BEWEGUNG
Unbeweglichkeit, Bewegungslosigkeit fasziniert mich. Diese Flasche, das Glas da, ein großer Stein, der auf einem verlassenen Strand liegt, das alles sind unbewegliche Objekte, aber in meinen Gedanken lösen sie ungeheure Bewegung aus. Das kann ich von einem Menschen, der wie ein Depp ständig hin und her rennt, nicht behaupten. Die Leute, die an den Strand gehen, um zu baden, lösen in mir viel weniger Empfindungen aus als ein ruhig daliegender Stein. (Unbewegliche Dinge nehmen eine innere Größe an, die beeindruckender ist als bei beweglichen Dingen.) Unbeweglichkeit erinnert mich an weite freie Räume, in denen Bewegungen ohne Ende ablaufen. Das ist, wie Kant das ausdrückte, der Einbruch des Unendlichen ins Endliche. Ein Stein, ein Objekt der Endlichkeit, ein unbewegliches Objekt, ruft in mir Gedanken hervor an Bewegung, nicht nur Bewegung an sich, sondern Bewegung ohne Ende.
In meinen Bildern, in die Bildsprache übertragen, sieht das dann aus wie kleine Funken, die aus der Bildfläche herausspringen wie Lava aus einem Vulkan.
Wenn der Betrachter diese Bewegung in meinen Bildern nicht nachvollziehen kann, dann kommt er mir vor wie jemand, der ein Gedicht liest und dabei überzeugt ist, es handle sich um absoluten Nonsens. Es kann aber auch sein, daß der Betrachter diese Bewegung in meinen Bildern nicht spürt, weil sie nur angedeutet ist, wie für mich auch die Bewegung in dem Stein nur angedeutet ist.
Also, was ich suche, das ist die bewegungslose Bewegung, etwas, das man der Beredsamkeit des Schweigens, wie man so sagt, gleichsetzen könnte. Der heilige Johannes vom Kreuz hat das einmal, glaube ich, stumme Musik genannt.
In meinen Bildern haben die Formen Bewegungen und sind gleichzeitig bewegungslos. Bewegungslos, weil die Leinwand ihr bewegungsloser Halt ist. Bewegungslos auch wegen der klaren Umrisse, manchmal auch durch den Rahmen, in den sie eingebunden sind. Aber gerade weil sie unbeweglich, bewegungslos sind, deuten sie auf eine Bewegung hin. Da es keinen Horizont für sie gibt, auch keinen Bezugspunkt in der Tiefe, bewegen sie sich in die Tiefe. Sie bewegen sich auch auf der Oberfläche, denn eine bestimmte Farbe oder Linie führt unweigerlich dazu, daß sich unser Blickwinkel ändert, bewegt. Innerhalb der großen Figuren bewegen sich die kleinen, und wenn man das Bild als Ganzes betrachtet, dann bewegen sich auch die großen Formen. Es sieht fast so aus, als würden sie - obgleich sie ihr eigenständiges Leben beibehalten und sich selbst nicht verändern - sich gegenseitig sachte hin- und herschubsen. Trotzdem besteht zwischen ihnen einen ebenso festgefügte Ordnung wie zwischen den einzelnen Teilen des menschlichen Körpers. Wenn an einem Finger ein winziges Stück fehlt, dann ist die Harmonie der ganzen Hand gestört. Mit dem Gesamtkörper des Menschen verhält es sich im größeren Maßstab, wie mit der Hand, dem Arm, dem Fuß: alles an dem Bild muß homogen sein.
[...]
Dieser Gedanke bringt mich auch dazu, im Schweigen den verborgenen Lärm zu suchen, im Unbeweglichen die Bewegung, im Unbelebten das Leben, im Endlichen die Unendlichkeit, im Leeren die Formen, und mich - in der Anonymität.
Das ist die Verneinung der Verneinung, von der Marx spricht. Wer die Verneinung verneint, bejaht.
aus «Joan Miró: Skulpturen»; S.10f u.17f