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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Wilhelm WEISCHEDEL zu
HEGEL und die DIALEKTIK der LIEBE
Auf eine solche Frage stößt Hegel schon früh, und zwar in der Beschäftigung mit Kant. Dieser setzt in dem groß gedachten Entwurf seiner Ethik Pflicht und Neigung aufs schroffste einander entgegen und zerreißt damit den Menschen in zwei Hälften: in das »eigentliche Selbst«, das sich des moralischen Gesetzes bewußt ist, und in das »empirische Ich« mit seinen verwerflichen Neigungen. Demgegenüber geht es Hegel darum, die »Einigkeit des ganzen Menschen« wiederzugewinnen. Er findet sie in der Liebe. Diese kann Ausdruck des sittlichen Wesens des Menschen sein, und sie entspricht doch auch seinem natürlichen Neigungen. So wird die Frage nach dem Wesen der Liebe zum Ausgangspunkt des Denkens Hegels; hier macht er seine ersten entscheidenden Entdeckungen, die den Grundriß für sein ganzes späteres Philosophieren bilden.
Denn in der Liebe begegnet Hegel zum erstenmal ein Moment, das er dann in der ganzen Wirklichkeit wiederfindet: die Dialektik. Deren Wurzeln liegen also nicht im abstrakten Denken; ihre Entdeckung erwächst vielmehr aus der Betrachtung eines konkreten Phänomens. Von daher kommt Hegel zu der Einsicht: Dialektik ist ursprünglich nicht eine Sache der philosophischen Reflexion, sondern das wesentliche Strukturmoment der Wirklichkeit.
Was nun gehört zur Liebe als einem lebendigen Vorgang zwischen Liebenden? Zunächst muß ein Liebender da sein; er muß gleichsam zu sich selber sagen: ich bin; er muß sich selber bejahen, sich selbst setzen. Das ist, formal ausgedrückt, die Thesis im Gesamtgefüge des Geschehens von Liebe. Aber zur Liebe gehört weiterhin, daß der Liebende aus sich hinausgeht, daß er sich dem Geliebten hingibt, sich in diesem vergißt und sich damit sich selber entfremdet. Wie er so von sich selber absieht, negiert er die anfängliche Setzung seiner selbst und setzt den andern sich gegenüber. Zur formalen Struktur der Liebe gehört daher nicht nur die Thesis, sondern auch die negierende Antithesis. Doch damit ist das Phänomen noch nicht voll begriffen. Entscheidend ist, daß der Liebende, indem er sich im Geliebten vergißt, eben dadurch sich eigentlich selber wiederfindet; in der Hingabe an den Geliebten wird er sich seiner selbst in einem tieferen Sinne bewußt. Denn »das wahrhafte Wesen der Liebe besteht darin, das Bewußtsein seiner selbst aufzugeben, sich in einem anderen Selbst zu vergessen, doch in diesem Vergehen und Vergessen sich erst selbst zu haben und zu besitzen«. Jene Negation in der Antithesis wird also ihrerseits aufgehoben, und eben dadurch kommt eine wahrhafte Synthesis zwischen dem Liebenden und dem Geliebten zustande.
Der Vorgang der Liebe zeigt somit die Strukturen eines dialektischen Prozesses, und zwar als eines lebendigen Vorganges. »Der Geliebte ist uns nicht entgegengesetzt, er ist eins mit unserm Wesen; wir sehen nur uns in ihm - und dann ist er doch wieder nicht wir - ein Wunder, das wir nicht zu fassen vermögen.« Wenn nun die Liebe ein Geschehnis in der Wirklichkeit ist, dann heißt das: In der Wirklichkeit findet sich Dialektik, findet sich Widerstreit und Versöhnung des Widerstreites.
Wie Hegel die Liebe noch eingehender betrachtet, entdeckt er: Sie ist nicht nur ein vereinzeltes Vorkommnis im Ganzen der Wirklichkeit, sondern sie durchherrscht diese in vielfacher Weise; sie ist ein Grundvorgang der Wirklichkeit. Alles Leben spielt sich in liebenden Beziehungen ab und erhält sich allein durch diese. Das heißt aber: Was in der Liebe zur Erscheinung kommt, ist das Leben selbst. Davon wissen auch die Liebenden. Indem sie von der Liebe überwältigt werden, ahnen sie: In ihnen waltet unsichtbar das Leben; in der Liebe »findet sich das Leben selbst«. So tut sich hinter der Sichtbarkeit der Liebe für Hegel »ein unendliches All des Lebens« auf: als der Grund nämlich, aus dem alles Lebendige erwächst.
aus «Die philosophische Hintertreppe»; S.213f
[aus «Das Wegkind»
Das Liebende wirkt nicht an sich und bringt Leben,
ja allein ist es kraftlos und dunkel;
denn erst wenn sich Regung bewegt zum Geliebten,
dann erglimmt Ihnen Glut, und im Rückspiel
erhebt sich die Liebe.]