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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Amos OZ zu
FRAU, LUST und MANN
Und seither geht es mir gut mit Frauen. Wie Großvater Alexander. Und obwohl ich im Lauf der Jahre ein wenig dazugelernt und mich manchmal auch verbrannt habe, scheinen mir noch heute, wie an jenem Abend in Ornas Zimmer, alle Schlüssel zur Lust im Besitz von Frauen. Den Ausdruck »sie schenkte ihm ihre Gunst« finde ich richtiger und treffender als andere Wendungen. Die Gunst von Frauen löst bei mir, außer Begehren und Bewunderung, auch eine Woge kindlicher Dankbarkeit aus, den Wunsch, mich zu verneigen: Ich bin zu gering, um all diese Wunder zu verdienen. Auch für einen einzigen Tautropfen schon würde ich dir doch voller Staunen und Verehrung danken - und wie erst für dieses weite Meer. Und immer fühle ich mich wie der arme Bettler an der Tür: Eine Frau ist doch immer mächtiger als ich, und nur in ihrer Hand ist es, freigebig zu schenken oder nicht zu schenken.
Und vielleicht ist da auch vager Neid auf die weibliche Sexualität, die so viel reichhaltiger, zarter und vielschichtiger ist, wie die Geige im Vergleich zur Trommel. Oder eine nachklingende frühe Erinnerung aus meinen ersten Lebenstagen: Mutterbrust gegenüber Messer. Als ich zur Welt kam, erwartete mich doch gleich an der Schwelle eine Frau, der ich eben erst einen starken Schmerz verursacht hatte, doch sie vergalt es mir mit gnädiger Zärtlichkeit, vergalt Böses mit Gutem, und reichte mir die Brust. Das Männersgeschlecht dagegen lauerte mir gleich am Eingang auf, das Beschneidungsmesser in der Hand.
aus «Eine Geschichte von Liebe und Finsternis»; S.774f