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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Amos OZ zur
SEELE NACH DEM TOD lt. S.H.BERGMANN
In jenem Winter [1961/62] lud Bergmann fünf oder sechs seiner Studenten, die er mehr mochte als die anderen oder die ihn mehr interessierten als die anderen, dazu ein, zwei Stunden nach seiner Vorlesung zu ihm nach Hause zu kommen. Jeden Sonntag um acht Uhr abends fuhr ich daher mit der Buslinie 5 vom neuen Campus in Givat Ram zu Professor Bergmanns bescheidener Wohnung in Rechavia. Ein angenehmer, leichter Geruch von alten Büchern, frischem Brot und Geranien hing immer im Raum. Wir setzten uns auf das Sofa oder auf den Boden zu Füßen unseres großen Lehrers, des Jugendfreunds von Kafka und Martin Buber und des Verfassers philosophischer Werke, die uns mit der Geschichte der Erkenntnistheorie und den Prinzipien der Logik vertraut machten, und harrten schweigend seiner Worte. Noch im Alter war Schmuel Hugo Bergmann ein stattlicher Mann. Mit der weißen Mähne, den ironischen Lachfalten in den Augenwinkeln, dem durchdringenden Blick - skeptisch und zugleich auch unschuldig wie der Blick eines neugierigen Kindes - hatte Bergmann große Ähnlichkeit mit dem alten Einstein auf Fotografien. Mit seinem deutsch-tschechischen Akzent bewegte er sich in der hebräischen Sprache nicht, als wäre er in ihr zu Hause, sondern mit einer Art heiteren Feierlichkeit, wie ein glücklicher Freier, den die Geliebte endlich erhört hat und der sich nun selbst übertreffen muß, um ihr zu beweisen, daß sie sich in ihm nicht geirrt hat.
Fast das einzige Thema, das unseren Lehrer bei diesen Zusammenkünften beschäftigte, war die Unsterblichkeit der Seele oder die Möglichkeit, so es sie denn gab, eines Weiterlebens nach dem Tod. Darüber sprach er zu uns an den Sonntagabenden jenes Winters, während der Regen an die Fensterscheiben prasselte und der Wind im Garten heulte. Zuweilen fragte er uns nach unserer Meinung und hörte sehr aufmerksam zu, gar nicht wie ein geduldiger Lehrer, der über die Schritte seiner Schüler wacht, sondern wie jemand, dem man ein höchst kompliziertes Musikstück vorspielt und der nun aus all den vielen Tönen einen einzigen, bestimmten, leisen Ton heraushören und feststellen soll, ob er nicht falsch klingt.
»Gar nichts«, so sagte er uns an einem dieser Abende, und ich habe nichts davon vergessen, so wenig vergessen, daß mir scheint, ich könnte das Gesagte fast Wort für Wort wiedergeben, »gar nichts geht verloren. Niemals. Das Wort ›verloren‹ an sich würde ja bereits implizieren, daß das Universum vermeintlich endlich ist und man sich daraus davonmachen könne. Aber gaaar nichts« (er dehnte mit voller Absicht das Wort »gar«), »gaaar nichts wird jemals das Universum verlassen. Und auch nicht hineinkommen. Kein einziges Staubkorn wird verlorengehen oder hinzukommen. Die Materie verwandelt sich in Energie und die Energie in Materie, die Atome verbinden und trennen sich wieder, alles ändert und verwandelt sich, aber gaaar nichts kann sich in nichts auflösen. Auch nicht das winzigste Härchen, das vielleicht an der Schwanzspitze eines Virus wächst. Der Begriff des Unendlichen ist tatsächlich völlig offen, offen bis ins Unendliche, aber gleichzeitig auch hermetisch geschlossen und versiegelt: Nichts kommt raus, nicht kommt rein.«
Pause. Ein listig-kindliches Lächeln breitete sich wie das Licht der aufgehenden Sonne über den Runzellandschaften seines ausdrucksvollen, faszinierenden Gesichts aus: »Warum also dann, vielleicht könnte mir das jemand erklären, warum behauptet man dann steif und fest, die einzige und alleinige Ausnahme von dieser Regel, das einzige, was dazu bestimmt ist, zum Teufel zu gehen, sich in nichts aufzulösen, das einzige, das in dem ganzen großen Universum, in dem kein Atom sich in nichts auflösen kann, das einzige, das dem völligen Vergehen anheimgestellt ist, sei ausgerechnet meine armselige Seele? Was denn, jedes Staubkorn und jeder Tropfen Wasser soll ewig bestehen, wenn auch in veränderter Form, alles - außer meiner Seele?«
»Die Seele«, murmelte da ein schlaues junges Genie in der Zimmerecke, »die hat ja noch keiner je gesehen.«
»Nein«, stimmte Bergmann sofort zu, »auch die physikalischen und mathematischen Gesetze trifft man nicht in den Kaffeehäusern. Auch nicht die Weisheit und die Torheit, auch nicht die Leidenschaft und auch nicht die Angst. Noch keiner hat eine kleine Probe von Freude oder Sehnsucht in ein Reagenzglas getan. Aber wer, mein junger Freund, wer spricht denn jetzt mit Ihnen? Sind es Bergmanns Körpersäfte, die zu Ihnen sprechen? Ist es seine Milz? Vielleicht ist es zufällig Bergmanns Dickdarm, der da mit Ihnen philosophiert? Und wer, wenn Sie mir die Frage verzeihen, wer hat in diesem Moment Ihre Lippen etwas unangenehm lächeln lassen? Nicht Ihre Seele? Ihre Knorpel? Ihre Magensäfte?«
Und ein andermal sagte er: »Was erwartet uns nach dem Tod? Keeein Mensch weiß das. Zumindest nicht in einer Erkenntnisform, die einem Beweis standhielte oder nur überzeugend wäre. Wenn ich heute abend erzählen wollte, daß ich manchmal die Stimmen der Toten höre und ihre Stimmen mir klarer und verständlicher sind als die meisten Stimmen der Lebenden, dürften Sie sofort mit vollem Recht sagen, dieser Alte ist bereits närrisch geworden. Ein wenig verrückt geworden vor lauter Erschrecken über die Nähe des Todes. Deshalb werde ich Ihnen nichts von irgendwelchen Stimmen erzählen, sondern Ihnen heute abend gerade einen mathematischen Satz sagen: Da keeein Mensch weiß, ob es jenseits unseres Todes etwas gibt oder ob es nichts gibt, läßt sich aus dieser totalen Unkenntnis der Schluß ziehen, daß die Wahrscheinlichkeit, daß es dort etwas gibt, haargenau so groß ist wie die Wahrscheinlichkeit, daß es dort nichts gibt. Fünfzig Prozent fürs Vergehen und fünfzig Prozent fürs Weiterbestehen. Für einen Juden wie mich, einen Juden aus Mitteleuropa und aus der Generation der nationalsozialistischen Shoah, ist das als statistische Überlebenschance ganz und gar nicht schlecht.«
Auch Gershom Scholem, Freund und Rivale Bergmanns, war in jenen Jahren fasziniert oder vielleicht auch gequält von der Frage des Lebens nach dem Tod. An dem Morgen, an dem im Radio Scholems Tod bekanntgegeben wurde, schrieb ich:
Gershom Scholem ist heute nacht gestorben. Und jetzt weiß er es.
Auch Bergmann weiß es schon. Auch Kafka. Und meine Mutter und mein Vater. [...]
aus «Eine Geschichte von Liebe und Finsternis»; S.605ff