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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Hilde SPIEL zur
FRAUENEMANZIPATION im JUDENTUM (zu WIEN)
Kurz vor dem Passahfest [1778?], so erzählt ein hebräischer Chronist, begab sich ein hochgelehrter Mann mit seinem Schüler nach Wien, um von dort in seine Heimatstadt Frankfurt weiterzureisen. Auf der Durchfahrt stieg er bei Adam Arnsteiner [a] ab, in der Absicht, die Feier in dessen Hause abzuhalten. Er schickte seinen Schüler auf den Markt, damit dieser die zum Fest erforderlichen Dinge kaufe. Als der Schüler wiederkam, irrte er sich in der Tür und geriet in ein Zimmer, darin saß die Schwiegertochter [b] des Herrn Arnsteiner und kämmte ihr Haar. »Der Schüler wies sie darob zurecht: durften verheiratete Töchter Israels sich so gebaren? Da sagte sie zu ihrem Schwiegervater, wenn jene beiden Besucher nicht sofort davonzögen, würde sie auf Knall und Fall nach Berlin zurückkehren, in ihres Vaters Haus. Und Herr Arnsteiner ging in das Gemach des Schriftgelehrten und dankte dem Schüler dafür, daß er seine Schwiegertochter zurechtgewiesen hatte. Dennoch aber bat er den weisen Mann, sich einen anderen Aufenthalt zu suchen, damit seine Tochter das Fest nicht (durch eine Reise) entweihe. Und nun öffnet die Augen und seht, ob es noch Nachkommen der Arnsteiners gibt! So geht es, wenn Frauen ihr Haupt entbößen.«
Sie war nicht nur eigenwillig, die junge Schwiegertochter aus Berlin, und wollte die herrischen und vielleicht nicht sonderlich anziehenden Festgäste in ihrer Wohnung nicht dulden. Sie widersetzte sich überdies der Vorschrift ihrer Religion, die den Frauen gebot, sich zur Heirat das Haar zu schneiden und mit einer Perücke zu bedecken. Daher die Vorwürfe des Talmudschülers, den solcher Frevel befremden mußte; daher auch der Hohn des Chronisten über die abtrünnigen Töchter Israels, denen zur Strafe kein Sohn geboren wird! [...]
aus «Fanny von Arnstein»; S.77
a] im Contrinischen, eigentl. Ellerbachschen Haus (heute Graben Nr.17)
b] Fanny, geb. Franziska Itzig