zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu
TONINTERVALLEN
[1] Wir sind noch weit entfernt von diesem Gefühle, dass wir durch jeden Ton wie durch ein Fenster aus der sinnlichen Welt in die spirituelle Welt hineinsteigen können. Aber dies wird kommen. Wir werden den Ton empfinden wie eine Öffnung, welche die Götter gemacht haben aus der jenseits von uns liegenden spirituellen Welt in diese physisch-sinnliche Welt hinein, und wir werden hineinsteigen durch den Ton aus der physisch-sinnlichen Welt in die spirituelle Welt. Wir werden zum Beispiel durch eine Prim, die wir absolut empfinden, nicht etwa in Anlehnung an frühere Töne der Tonskala, erfühlen, wie wir hineinsteigen aus der Sinnenwelt in die spirituelle Welt, und zwar auf eine gefahrvolle Weise. Die Gefahr liegt darinnen, dass dieses Hereinsteigen uns droht ganz gefangenzunehmen, dass uns die Prim wie mit furchtbarer Saugekraft durch das Fenster des Tones holen will, uns ganz verschwinden lassen will in der spirituellen Welt. Wir werden empfinden, wenn wir also die Prim als eine Absolute empfinden, dass wir spirituell noch zu schwach sind in der physisch-sinnlichen Welt und dass wir aufgesogen werden von der spirituellen Welt, wenn wir durch dieses Fenster gestiegen sind. Das wird die moralische Empfindung sein, die wir haben können beim Aufsteigen in die spirituelle Welt durch die Prim. Aber das charakterisiere ich jetzt nur so einfach, das wird eine ganz differenzierte, unendlich mannigfaltige Einzelheiten in sich enthaltende Empfindung sein, die wir da erleben.
[2] Wenn wir dann durch die Sekund wie durch ein Fenster hineinsteigen aus der physischen Welt in die spirituelle Welt, werden wir empfinden so, wie wenn es drüben in der geistig-spirituellen Welt Mächte gäbe, die sich gleichsam unserer Schwachheit erbarmen, die sagen: Nun ja, du warst schwach in dieser physisch-sinnlichen Welt! Wenn du nur durch die Prim hineinsteigst in die geistige Welt, so muss ich dich auflösen, muss dich aufsaugen, muss dich zersplittern oder zerschellen. Wenn du aber durch die Sekund hereinsteigst, will ich dir etwas entgegenbringen aus der geistigen Welt und dich erinnern an etwas, was auch drüben ist. - Das Eigentümliche ist, wenn wir durch die Sekund aus der physischen in die spirituelle Welt hineinsteigen, als ob eine Summe von Tönen, eine Anzahl von Tönen uns entgegentönte, die einen in Empfang nehmen. In eine völlig stumme Welt tritt man ein, wenn man durch die absolute Prim eintritt in die spirituelle Welt. In eine Welt, in der, wenn man so hinhört, leise verschieden hohe Töne erklingen, die einen trösten wollen über die Schwachheit, kommt man, wenn man durch die Sekund eindringt. So aber muss man eindringen, wie man natürlich nicht eindringen darf durch ein Fenster in ein physisch-sinnliches Haus, denn da würde einen die Eigentümerin sonderbar anschauen, wenn man durch das Fenster einträte und das ganze Fenster mitnähme. In der geistigen Welt muss man das aber tun, muss die Töne mitnehmen und, mit ihnen identifiziert, ganz drüben leben in dem Jenseits des Häutchens, das uns von der physisch-sinnlichen Welt trennt, in dem eben die Fenster vorzustellen sind, welche die Töne sind.
[3] Wenn man durch die Terz in die geistige Welt eingeht, so wird man das Gefühl einer starken, einer stärkeren Schwäche noch haben. Wenn man so die spirituelle Welt betritt, wird man fühlen, dass man eigentlich recht schwach war in der physisch-sinnlichen Welt in bezug auf deren spirituellen Inhalt. Aber man wird in bezug auf die Terz - man ist ja Ton geworden, man ist jetzt selber Terz geworden - fühlen, dass da drüben Freunde sind, die nicht selber Terzen sind, die aber herankommen, je nachdem man in der physisch-sinnlichen Welt beschaffen war. Während es bei dem Eindringen durch die Sekunde wie ein leises Erklingen vieler Töne ist, in denen man so im allgemeinen lebt, wenn man durch sie eindringt, werden einem durch die Terz entgegenkommen gleichsam befreundete Töne. Diejenigen, die Komponistinnen werden wollen, werden insbesondere durch die Terz eindringen müssen, denn da werden sich ergeben die Tonfolgen, Tonkompositionen, welche anregen werden ihr künstlerisches Schaffen. Nicht immer dieselben Tonfreunde werden einem entgegenkommen, sondern ihre Art wird davon abhängen, wie man in der Stimmung, im Erleben, im Temperamente, kurz in der ganzen Verfassung des Lebens war, wenn man also durch die Terz in das geistige Leben eintritt: eine unendliche Mannigfaltigkeit der Tonwelt wird sich da ergeben.
[4] Dringt man durch die Quart in die geistige Welt ein, dann wird man eine merkwürdige Erfahrung machen: die Erfahrung, dass jetzt allerdings von keiner Seite andere Töne auftauchen, dass aber dasjenige, was schon aufgetaucht ist, was man durch die Erfahrungen mit der Terz durchgemacht hat, in leicht kommenden Erinnerungen in der Seele lebt. Und man wird finden, indem man so weiterlebt mit seinen Tonerinnerungen, wenn man eingedrungen ist durch die Quart in die spirituelle Welt, dass sie bald sich entwickeln zu hellster Helligkeit und Heiterkeit, bald sich herabstimmen zur äussersten Traurigkeit, bald sonnig hell, bald traurig untertauchend bis zur Grabesruhe. Das Temperieren der Stimme, das Hinauf- und Hinuntergehen des Tones, kurz, der Verlauf in der Stimmung eines Tonwerkes wird sich ergeben durch diesen Weg, durch diese Tonerinnerungen.
[5] Die Quint wird mehr subjektive Erfahrungen und Erlebnisse ergeben, sie wird anregend, bereichernd auf das seelische Erleben wirken. Sie wird gleichsam wie ein Zauberstab wirken, der die Geheimnisse der Tonwelt drüben aus unergründlichen Tiefen hervorzaubert.
Dornach, 1.Jän.1915/VE
aus «GA 291»; S.104ff