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Zitatensammlung
Teil 1
Zitate von Rudolf STEINER zu
D und DADA
Das d, sagte ich Ihnen, ist ein Nach-unten-Weisen oder überhaupt Irgendwohin-Weisen: d. Setzt man noch das a dazu - daß man über dasjenige erstaunt, verwundert sein kann, auf das man eben weist -, so hat man: da. - Denken Sie einmal, wir wollten das Wesen des orientalischen Erziehers ausdrücken. Der orientalische Erzieher ist etwas ganz anderes als der europäische Erzieher, namentlich der ältere orientalische Erzieher. Beim europäischen Erzieher hat man eigentlich heute immer das Gefühl, der legt alles darauf an, einem die Würmer aus der Nase zu ziehen, oder meinetwillen auch einen mit dem Nudelwalker durchzuwalken oder so irgend etwas. Er tut so viel an einem selber. Man redet ja auch heute davon, obwohl das meistens Wischiwaschi ist, was man redet, daß man da «entwickelt» werden soll. Wenn viel über Erziehung geredet wird nämlich von den heutigen Pädagogen, dann hat man schon das Gefühl, man sei ein Zwirnsknäuerl - so sagt man in Österreich - und man wird auseinandergerollt. Man fühlt sich überhaupt ganz zerfetzt, wenn von Erziehung heute die Rede ist. Man wird durchgewalkt, angefüllt, kurz, alles mögliche geschieht mit einem, wenn man erzogen wird. Der europäische Erzieher fühlt, daß er den Menschen zu etwas ganz anderem machen muß, als er eigentlich ist. Wenn man das alles könnte und alles ausführen würde, wovon die Erziehungskunst heute vielfach redet, so wäre der Mensch, der da herauskäme, ein sonderbares Wesen! Der orientalische Mensch fühlt nicht so gegenüber dem Erzieher, sondern der orientalische Mensch fühlt, daß der Erzieher derjenige ist, der einen auf alle Dinge hinweist, der einen immer aufmerksam macht: Das ist das, das ist das, das ist das. - Der läßt einen ungeschoren, weil der Orientale annimmt, daß man sich aus sich entwickelt, daß man ungeschoren bleiben kann; nur hingewiesen wird man auf alles. Daher ist der orientalische Erzieher derjenige, der eigentlich in alledem, was er tut, immer «da» sagt, da, da: der Dada.[a] So heißt er auch. Der Dada ist der orientalische Erzieher. Er ist derjenige, der einem alle Dinge zeigt: Da, da!
Nun, in einer gewissen Art der modernen Zivilisation, die sich - ja, wie soll man sagen - invers zum Darwinismus entwickelt, da will die Menschheit, nachdem sie glücklich beim Menschen vom Affen her angekommen ist, wieder zurück zum Affen, invers zum Darwinismus, da will man wiederum zurück zum Ursprünglichen. Daher gibt es auch einen Dadaismus. Ich bekam in Berlin vor Jahren einmal einen Brief, worinnen sich irgend jemand [b] unterschrieb als «Der Oberdada»! Es ist das ein Wiederzurückgehen, ein Prinzip der Imitation, wie es eben gefunden wird durch den inversen Darwinismus, durch das Zurückgehen zum Affen. Nicht wahr, man ahmt nach. Und so ahmt man den Orientalismus in seiner Primitivität nach, indem man den Dadaismus in Europa begründet.
Aber nun liegt in dem Wort «Dada» tatsächlich diese Deutegebärde ausgedrückt, dieses Aufmerksammachen auf etwas, dieses Hinweisende. Machen Sie uns ein d vor: Münden Sie ganz in das Wesentliche des d-Lautes ein! - Worinnen liegt das Wesentliche des d-Lautes ? In der Deutebewegung. Sie müssen also das Gefühl haben: da ist etwas, da ist auch etwas, d, in dem Sie zuletzt landen. Daher müssen Sie schon die d-Bewegung so ausführen, daß man gewissermaßen ein Zusammenstimmen einer um einen kleinen Moment früheren und einer um einen kleinen Moment späteren Landung des Armes an einer bestimmten Lage hat, aber rasch hintereinander, daß der eine nur nachgezogen wird. Es kann von links und rechts geschehen.
Dornach, 26.Jun.1924/JV
aus «GA 279»; S.85f
Am nächsten Tag sprach Dr. Steiner weiter über Konsonanten als Reaktion auf äußeren Einfluß im Gegensatz zu dem ganz im Innern webenden und dieses Innere offenbarende Wesen der Vokale. Er begann an diesem Nachmittag damit, eine bestimmte Außenwelt zu schildern: «Stellen Sie sich eine sehr schöne friedliche Abendlandschaft vor. Nicht grandios, sondern weiche, sanfte Hügelketten. Im Hintergrund geht die Sonne eben zwischen zwei Hügeln unter. Ein paar weiße Wolken stehen ruhig, unbeweglich am Himmel und schauen auf ein liebliches Wiesental herab. Ein kleiner Bach fließt leise wie ein Traum murmelnd dahin, Bäume und Sträucher stehen an seinem Uferrand und spiegeln sich in seinem stillen Wasser, Blumen blühen auf der Wiese, und auf den Hängen der Hügel stehen Obstbäume voll reifender Früchte. Vielleicht arbeitet dort in der Ferne auf einem der Hänge noch ein Mensch still und ruhig, eingehüllt in diesen Abendfrieden. Die Natur ruht ganz in sich geschlossen. Und durch dieses Tal gehen Sie, hingegeben und aufgenommen in diese ruhevolle Stimmung, und mit jedem Ding, sei es ein Baum, sei es die Sonne, die Wolken am Himmel, die Blumen und Sträucher der Wiese, der Bach an Ihrer Seite, der Mensch dort in der Ferne, die Früchte der Obstbäume, mit allem fühlen Sie sich eins und verbunden und grüßen jedes einzelne mit dieser Bewegung.»
Dann machte er eine unaussprechlich sanfte, leise sich senkende Handbewegung mit der nach unten gerichteten Handfläche, mehrmals hintereinander, immer wieder die sich entspannende Hand nach oben hebend, und dann wieder, bis in die Fingerspitzen eher gedehnt als gestreckt nach unten sich senkend. Es war wie ein Blatt, das sich von seinem Zweige gelöst hatte und wie von der Luft getragen, sich sanft zur Erde herabsenkte. «Das ist ein D. Lernen Sie es empfinden als Reaktion auf ruhenden äußeren Einfluß. Üben Sie es aus dieser Stimmung heraus und mit jedem: ‹Dies durch dich›, wenden Sie sich an ein anderes Ding in dieser Außenwelt. Bis in die Füße sollte man von der eben geschilderten Stimmung erfaßt werden und versuchen, sie in der Art des Schrittes zum Ausdruck zu bringen.»
Zum Schluß erzählte Rudolf Steiner noch von der, von der unseren so verschiedenen Art des orientalischen Erziehers. Ruhig geht er neben oder hinter seinem Zögling, deutet auf alles, was um ihn herum ist, auf Stein, Pflanze und Tier, Berge und Meere, den Himmel mit allen seinen Lichtern und seinen Wolken, läßt ihn Sturm und Gewitter fühlen und erleben, und das einzige, was er tut, ist, er nennt seinem Zögling den Namen aller dieser Dinge. Er selber aber heißt: der Dada. «Und das ist auch ein D. Dies durch dich.»
Lory Maier-Smits über Bottmingen, 17.Sep.1912/MA
aus «GA 277a»; S.21f
a] vgl. „Der Dada ist der Andre von mir.” (N.S. am 25.IIII.2011)
b] Johannes Baader (vgl. »die Drei« 1/2 2017; S.64f)