zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zum
MITHRASKULT
So findet man auch wieder in Mitteleuropa, in den Gegenden Deutschlands bis in die Rheingegend, auch bis nach Westfrankreich hinein überall Überreste, Erinnerungen an den alten Mithraskultus. Auch von ihnen will ich nur das Wesentlichste angeben. Sie finden überall als das äußere Symbolum des Mithraskultus den Stier, auf dem der Mensch reitet, der ein Schwert stößt in den Hals des Stieres. Sie finden einen Skorpion, der den Stier beißt, oder die Schlange unten. Sie finden aber überall, wenn die Bilder vollständig sind, dieses Stierbild mit dem Menschen umgeben von dem Sternenhimmel, namentlich mit den Tierkreiszeichen. Wiederum können wir uns fragen: Was drückt eigentlich dieses Bild aus? - Was dieses Bild ausdrückt, wird eine äußere, antiquierte Geschichte niemals erforschen, weil sie nicht die Beziehungen herstellen kann, durch die man darauf kommen kann, was eigentlich dieser Mensch auf dem Stiere bedeutet. Um darauf zu kommen, muß man erst wissen, was diejenigen, die bei diesem Mithraskult dienten, für eine Schulung durchgemacht haben. Die ganze Zeremonie läßt sich natürlich so abwickeln, daß sie eine schöne oder auch meinetwillen eine häßliche Zeremonie ist, und daß man dabei gar nichts irgendwie Vernünftiges herausbekommt. Es konnte auch nur derjenige etwas Vernünftiges herausbekommen, der eine gewisse Schulung durchgemacht hatte, daher sind auch alle die Beschreibungen der Mithrasmysterien trotz des Vielversprechenden, was die Bilder hatten, eigentlich Wischiwaschi. Denn derjenige, der dem Mithraskult dienen wollte, mußte besonders sein Empfindungsvermögen in einer feinen, intimen Weise ausbilden. Darauf kam alles beim Mithrasschüler an, daß er so sein Empfindungsvermögen ausbildete.
Nun habe ich gestern im öffentlichen Vortrage gesagt, daß das Herz des Menschen eigentlich ein unterbewußtes Sinnesorgan ist. Der Kopf nimmt unterbewußt durch das Herz wahr, was in den physischen Funktionen des Unterleibes und der Brust vorgeht. So wie wir durch das Auge die äußeren Vorgänge in der Sinneswelt wahrnehmen, so ist das Herz des Menschen in Wirklichkeit ein Sinnesorgan mit Bezug auf die angegebenen Funktionen. Der Kopf - namentlich macht es das Kleinhirn - nimmt unterbewußt durch das Herz wahr, wie das Blut sich mit den verarbeiteten Nahrungsmitteln speist, wie die Nieren, die Leber und so weiter funktionieren, was da alles im Organismus vorgeht. Dafür ist für das Obere des Menschen das Herz das Sinnesorgan. Dieses Herz nun als Sinnesorgan zu einer gewissen Bewußtheit heraufzuheben, bildete die Schulung desjenigen, der beim Mithraskult beschäftigt werden sollte. Er mußte eine feine, bewußte Empfindung dafür bekommen, was im menschlichen Organismus in Leber, Nieren, Milz und so weiter vorgeht. Der obere Mensch, der Kopfmensch mußte fein empfinden, was im Brust- und Gliedmaßenmenschen vorgeht. Eine solche Schulung in den älteren Zeiten war nicht eine Verstandesschulung, wie wir sie heute gewohnt sind, sondern eine Schulung des ganzen Menschen, die vorzugsweise auf das Gefühlsvermögen ging. Und wenn dann der Schüler die nötige Reife erlangt hatte, konnte er sagen, so wie wir auf Grund der Wahrnehmung durch äußere Augen sagen, da sind Regenwolken, oder da ist blauer Himmel: Jetzt ist diese Verarbeitungsart in meinem Organismus, jetzt jene Verarbeitungsart.
Es ist tatsächlich das, was im menschlichen Organismus vorgeht, nur für den Abstraktling für das ganze Jahr gleich. Wenn einmal die Wissenschaft wieder zu wirklichen Wahrheiten über diese Dinge vorgedrungen sein wird, dann werden die Menschen erstaunen darüber, wie - wenn auch nicht in jener grobklotzigen Art, wie es durch die heutigen Feininstrumente schon erforscht werden kann - in ganz anderer Art für den Menschen festgestellt werden kann, wie sein Blut anders wird, wie er anders verdaut im Januar als im September, so daß das Herz als Sinnesorgan ein wunderbares Barometer ist für den Jahreslauf im menschlichen Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus. Dafür wurde der Mithrasschüler erzogen, in sich selbst den Jahreslauf durch die Herzorganisation wahrzunehmen, durch die Herzwissenschaft, die ihm den Gang der durch die Verdauung metamorphosierten Speise im Organismus überlieferte und der Aufnahme des Verdauten in das Blut. Und in dem, was da wahrgenommen wurde, zeigte sich eigentlich am Menschen, in der Bewegung des inneren Menschen, der ganze Lauf der äußeren Natur.
Ach, was ist denn unsere abstrakte Wissenschaft, wenn wir noch so genau die Pflanzen und die Pflanzenzellen, die Tiere und die tierischen Gewebe beschreiben, was ist denn diese abstrakte Wissenschaft gegenüber dem, was einmal in einer mehr instinktiven Weise dadurch vorhanden war, daß sich der ganze Mensch zum Erkenntnisorgan machen konnte, daß er wie der Mithrasschüler sein Gefühls vermögen als Erkenntnisorgan ausbilden konnte. Der Mensch trägt die tierische Natur in sich, und er trägt sie wahrhaftig in einer intensiveren Weise in sich, als man gewöhnlich meint. Und das, was durch ihre Herzwissenschaft die einstigen Mithrasschüler wahrgenommen haben, ließ sich nicht anders darstellen als durch den Stier. Und die Gewalten, die durch den Stoffwechsel-Gliedmaßenmenschen wirken und nur gezähmt werden durch den oberen Menschen, diese Gewalten werden durch alles dasjenige angegeben, was da als Skorpion, als die Schlange figuriert um den Stier herum. Und der eigentliche Mensch in seiner Krüppelhaftigkeit sitzt oben mit der primitiven Macht, indem er mit dem Michael-Schwerte in den Hals des Stieres hineinstößt. Aber was da zu besiegen ist, wie es sich darstellt im Jahreslaufe, das wußte eben nur der, der in dieser Beziehung geschult war.
Wien, 30.Sep.1923/SO
aus «GA 223»; S.135ff