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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu
CHRISTUS, GURU und SOZIALEM LEBEN
Was man sich aber aneignet auf diesem Wege, das ist: innerliche Ehrfurcht, innerliche Scheu vor dem großen Mysterium, das sich auf Golgatha abgespielt hat. Es gießt sich etwas aus über die Seele dessen, der in der Weise, wie ich es ihnen geschildert habe, in seinen Gedanken und in seinen Worten stumm geworden ist, der nicht sich regen möchte, wenn das Göttlich-Geistige in ihm ihn hinzieht zu dem Mysterium von Golgatha. Es gießt sich aus über die Seele eines solchen das tiefste, ehrfurchtsvolle Fühlen: man möchte sich ihm nicht nahen. Und so wird aus dem, was der anthroposophische Weg ist, nicht nur etwas, was Erkenntnis ist. Erkenntnis ist es zuerst. Erkenntnis ist es im Hinaufschauen in die übersinnlichen Welten, aber es ergießt sich in das Fühlen, es wird scheue Ehrfurcht. Es wird etwas, was viel tiefer die menschliche Seele ergreift, als nur irgend dasjenige, was die Menschen jemals ergriffen hat, was der Schüler für seinen alten Guru fühlte. Und es bildet sich dieses Fühlen zuerst heraus als ein tiefstes Bedürfnis, zu erfassen den Christus Jesus auf Golgatha. Ganz wandelt sich durch eine innerliche Seelenmetamorphose dasjenige um, was zuerst übersinnliches Schauen ist, in das Fühlen. Und dieses Fühlen sucht den Gottmenschen auf Golgatha. Und es kann ihn finden, weil es gelernt hat, das Geistige zu schauen. Es spricht nicht von dem Menschen Jesus von Nazareth, sondern es lernt erkennen diesen Menschen Jesus von Nazareth, aber es lernt auch erkennen, daß in ihm innerhalb des Erdenlebens der Christus als geistig-göttliche Wesenheit wirklich zu schauen ist. So strömt aus anthroposophischer Geisteswissenschaft Erkenntnis des geistigen Christus, so strömt aber auch dem Göttlichen gegenüber jene wahre Verehrung aus, durch das, was in der Erkenntnis des übersinnlichen leben kann.
[...]
Der alte Guru hatte seinen Schülern und der ganzen Menschheit gesagt: Wenn ihr durch die Pforte des Todes schreitet, werdet ihr finden das hohe Sonnenwesen, das ausgleicht die Unvollkommenheiten der Erde. - Der moderne Lehrer sagt: Wenn ihr hier auf Erden das Verhältnis gewinnt zu dem herabgestiegenen Christus, wenn ihr mit aller inneren Verehrung, inneren Anbetung, mit verinnerlichtem Seelenleben euer Verhältnis findet hier auf Erden zu dem Christus und zu dem Mysterium von Golgatha, dann erströmt in eurem Inneren eine Kraft, die nicht mit euch stirbt, die ihr durch die Pforte des Todes traget und die mit euch dasjenige vollführen wird, das ihr hier auf Erden, solange ihr den physischen Leib traget, nicht vollführen könnt. Was in alten Zeiten mit dem Menschen das hohe Sonnenwesen vollführt hat, das wird mit euch vollführen die Christus-Kraft, wenn sie in eurem eigenen Wesen bleibt, das im Tode leibfrei geworden ist. Es wird wirken die Christus-Kraft in der Erde in dem, was noch in dem Menschen unvollkommen ist, und es wird die Möglichkeit gegeben sein, daß die Menschen sich auf der Erde finden in dieser Anerkennung des Christus im sozialen Leben. - Denn dasjenige, was also sie durchdringt mit innerer Kraft, die vom Christus ausströmt, die beleuchtet werden kann durch die anthroposophische Geisteswissenschaftslehre, diese Kraft, sie kann in die Handlungen, in den Willen des Menschen eingreifen, kann Impuls der Willenshandlungen werden und so in das soziale Leben einströmen. In das soziale Leben können einströmen die Christus-Kräfte.
Ja, man redet heute viel von sozialen Reformen, redet viel vom sozialen Fortschritt. Wer wird der große Reformator des sozialen Lebens sein, wenn die Handlungen unter den Menschen einmal ausgeführt werden im sozialen Leben im Auftrag des Christus Jesus, so daß die Welt durchchristet werden kann? Wer wird der große, auch soziale Reformator werden, der Friede wird stiften können im sozialen Streit der Erde? Der Christus allein wird es sein können, wenn die Menschen untereinander ein soziales Leben werden haben können, das ihnen in gewissen Momenten des Lebens zu einer Weihehandlung werden wird, wo sie zu dem Christus so aufschauen, daß sie nicht sagen: Ich -, daß sie sagen: Wenn auch nur zwei oder drei, und wenn viele im Namen des Christus vereinigt sind, so ist der Christus mitten unter ihnen. - Und die soziale Tätigkeit wird ein Opferweihehandlung, sie setzt das fort, was die alte Kultushandlung war. Der Christus muß, indem er lebendig heute in dem Menschenwesen wirkt, auch selber der große soziale Reformator werden.
[...] - Und sie finden ihn durch sich selber, durch Verinnerlichung im sozialen Leben, so wie sie dann die wahre, hingebungsvolle Liebe finden, welche die Brücke schlägt von Menschenherz zu Menschenherz, welche ein übersinnliches Element in das Fühlen hineinbringt, wie das Licht, das innerlich erleuchtet, ein übersinnliches Element in das Erkennen hineinbringt.
London, 19.Nov.1922/SO
aus «GA 218»; S.217ff