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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu
BROT, WEIN und GRAL
Innerhalb dieser Welt, in welcher also nur die rein auf das Äußerliche bezüglichen Erzählungen von den Ereignissen in Palästina lebten, in welcher nur das lebte, was an phantastischer Verstandesweisheit durch den Arabismus gekommen war, in dieser Welt tauchten auch einzelne Menschen auf - einzelne gibt es ja immer wieder und wiederum innerhalb des Gros der Menschheit -, denen etwas aufging von dem, wie eigentlich die Sache war. Es stieg in ihrer Seele auf, daß es ja ein großes christliches Geheimnis gibt, für das die höchste Weisheit nicht hoch genug ist, um es in seiner ganzen Bedeutung zu durchdringen, für das das intensivste Fühlen nicht stark genug ist, um dafür einen Zeremonialdienst auszubilden, daß eben von dem Kreuz von Golgatha etwas ausging, was mit höchster Weisheit und kühnstem Gefühle erfaßt werden müsse. Das ging in einzelnen Menschen auf. Und ihnen stieg so etwas auf, wie die bedeutsame Imagination: In dem Brote des Abendmahles war etwas vorhanden wie eine Synthesis, wie eine Zusammenfassung der Kraft des äußeren Kosmos, der mit alledem, was aus dem Kosmos an Kräfteströmung herunterkommt auf die Erde, diese Erde durchdringt, aus dieser Erde hervorzaubert die Vegetation; dann wird dasjenige, was da aus dem Kosmos der Erde anvertraut wird, was dann aus der Erde hervorquillt, zusammengefaßt synthetisch im Brote und konstituiert den menschlichen Leib.
Und etwas anderes noch ging durch alle Nebel, möchte ich sagen, die sich hinübergezogen haben über die alten Traditionen, etwas anderes ging auf diese europäischen Weisen über, etwas, was ja allerdings im Orient seinen Ursprung genommen hat, was aber eben durch die Nebel durchdrang und von einzelnen verstanden wurde. Das war das andere Mysterium, das sich an das Mysterium des Brotes anreihte, das Mysterium von der heiligen Schale, in welcher Joseph von Arimathia aufgesammelt hat das herunterträufelnde Blut des Christus Jesus, das war die andere Seite des Weltengeheimnisses. Wie im Brote zusammengenommen ist alles dasjenige, was der Extrakt des Kosmos ist, so ist im Blute zusammengenommen alles dasjenige, was der Extrakt der menschlichen Natur und Wesenheit ist, in Brot und Blut, wofür ja der Wein nur das äußere Symbolum sein sollte, in Brot und Blut drückte sich das aus für diese europäischen Weisen, die wirklich wie aus geheimnisvollen Mysterienorten sich herausentwickelt hatten, weit hinausragend über das Gros der europäischen Bevölkerung, das nur die Tatsachen von Palästina hören konnte und das, wenn es zur Gelehrsamkeit heranwuchs, nur sich allmählich hineinfand in die abstrakte Phantastik des Arabismus. Bei diesen Menschen, die sich ebenso auszeichneten durch etwas, was wie eine reifste, überreife Frucht orientalischer Weisheit war und zugleich eine reifste Frucht europäischen Empfindens und Fühlens, bei ihnen entwickelte sich dasjenige, was sie nannten das Geheimnis des Grals. Aber, so sagten sie sich, auf der Erde ist nicht zu finden, was das Geheimnis des Grales ist.
Die Menschen sind gewohnt worden, einen Verstand zu entwickeln, wie er ja seine höchste Blüte trieb im Arabismus. Die Menschen sind gewohnt, nicht hinzuschauen auf den Sinn der äußeren Tatsachen, sondern lediglich sich diese äußeren Tatsachen ihrer sinnenfälligen Wirklichkeit nach erzählen zu lassen. Durchdringen muß man zu demjenigen, was in dem Geheimnis des Brotes ist, das ja in derselben Schale gebrochen worden sein soll durch den Christus Jesus, in der dann das Blut durch Joseph von Arimathia aufgefangen worden ist, welche Schale dann entrückt worden ist nach Europa, aber, wie die Sage sagt, so von Engeln über der Erdoberfläche, hoch oben über der Erdoberfläche gehalten wurde, bis Titurel kam, der diesem Gral, dieser heiligen Schale, dieser das Mysterium des Brotes und Blutes umfassenden Schale den Tempel auf dem Montsalvatsch schuf. In heiliger spiritueller Tempelstätte wollten schauen diejenigen, die auf diese Weise europäische Mysterienweise geworden waren, durch die Nebel der Abstraktion hindurch und durch die Nebel der reinen Tatsachenerzählungen hindurch das Geheimnis vom Gral, das Geheimnis vom Kosmos, das verschwunden war mit der ätherischen Astronomie, das Geheimnis vom Blute, das verschwunden war mit der alten medizinischen Anschauung. Wie die alte medizinische Anschauung übergegangen ist in abstraktes Denken, so ist übergegangen die alte ätherische Astronomie in abstraktes Denken. Das hatte sich in der höchsten Blüte zu einer bestimmten Zeit gerade durch die Araber in Spanien abgelagert. In diesem Spanien war es, wo man äußerlich unter den Menschen nicht finden konnte das Geheimnis des Grales. Da war nur abstrakte Verstandesweisheit. Bei den Christen war nur äußere Tatsachenerzählung, bei den Arabern, bei den Mauren phantastische Verstandesentwickelung. Und in Höhen nur über dieser Erde schwebte der Heilige Gral, und nur von denjenigen, denen von göttlichen Mächten dazu die Fähigkeiten gegeben wurden, konnte betreten werden dieser spirituelle Tempel, dieser Heilige Gral, dieser die Geheimnisse des Brotes und Blutes umschließende Tempel. Es ist kein Zufall, daß er gefunden werden sollte in Spanien, wo wirklich meilenweit aus dem, was die irdische Tatsächlichkeit bot, herausgeschritten werden mußte, wo durchbrochen werden mußten dornige Hecken, um vorzudringen zu dem spirituellen Tempel, welcher den Heiligen Gral umschloß.
Aus solchen gefühlsmäßigen Voraussetzungen heraus entwickelte sich die Anschauung des Heiligen Grals. Die unsichtbare Kirche, die übersinnliche Kirche, die doch aber auf Erden zu finden ist, das war es, was sich mit dem Mysterium des Grals umhüllte. Es war ein unmittelbar Daseiendes, das aber derjenige nicht findet, der sein Inneres teilnahmslos der Welt gegenüberstellt. In alten Zeiten, da sind die Mysterienpriester aus den Mysterien hinausgegangen in die Welt, haben Umschau gehalten unter den Menschen, haben aus dem Anblicke der menschlichen Aura sich gesagt: Das ist einer, den wir hereinnehmen müssen in die Mysterien; das ist ein anderer, den wir hereinnehmen müssen in die Mysterien. - Man brauchte nicht zu fragen, man wurde erwählt. Es brauchte nicht im Inneren des Menschen selber die Aktivität zu entspringen, man wurde erwählt, man wurde hineingeholt in die heiligen Mysterienstätten. Diese Zeit war um das 11., 12. und das 9., 10. Jahrhundert schon vorbei. Befestigt mußte im Menschen durch die Christus-Kraft, die eingezogen war in die europäische Zivilisation, dasjenige sein, was ihn drängte zu fragen: Was sind die Geheimnisse des Daseins? - Und keiner konnte sich dem Grale nähern, der teilnahmslos schläfrig mit seinem Inneren die Außenwelt durchwanderte und durchschritt. Allein derjenige, so sagte man, könne eindringen in die Wunder, das heißt in die Geheimnisse des Heiligen Grals, der in seiner Seele den Antrieb empfand, zu fragen nach den Geheimnissen des Daseins, des kosmischen Daseins und des innermenschlichen Daseins. Und seither ist es im Grunde genommen so geblieben. Nur nachdem um die Mitte des Mittelalters herum die Menschen ernst hingewiesen worden waren auf dieses Fragestellen, auf dieses Fragensollen, trat zunächst seit dem Beginne des 14. Jahrhunderts, das heißt im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts, der große Rückschlag ein. Immer weniger und weniger blieben von denen, die da fragten nach den Wundern des Heiligen Grals, immer inaktiver und inaktiver wurden die Seelen. Sie sahen nunmehr hin nach den äußeren Gestaltungen der menschlichen Wesenheit auf Erden und nach dem, was sich anschauen läßt und was sich zählen und wägen und messen und errechnen läßt im Kosmos. Aber geblieben ist auch diese schon im frühen Mittelalter in die europäische Zivilisation hereintretende heilige Aufforderung: zu fragen nach den Geheimnissen des Kosmos ebensowohl wie nach den inneren Geheimnissen des Menschen, das heißt nach den Mysterien des Blutes. Die Menschen haben ja in den verschiedensten Phasen durchgemacht dasjenige, was notwendigerweise der Materialismus mit all seinen Kräften über die europäische Zivilisation bringen mußte. Es waren schon eindringliche Worte, wenn sie auch vielfach verklungen sind. Man muß nur bedenken, wie groß die Möglichkeit war, daß bedeutsame Worte erklingen konnten innerhalb der europäischen Zivilisation. Dasjenige, was für ein bestimmtes Zeitalter geschaffen war, das Erzählen der äußeren Tatsache von Palästina, das Durchdringen dieser äußeren Tatsache mit dem Arabismus, was dann die Scholastik des Mittelalters besorgt hat als mittelalterliche christliche Philosophie, das war für ein gewisses Zeitalter groß. Aber so, wie es sich herausentwickelt hat aus einer Zeit größerer Weisheit und größerem Zeremoniellen, die nur zurückgeschoben wurden in den Orient, so hat es das, was sich da herausgebildet hat, auch nicht verstanden: hinzuhorchen auf die übersinnlichen Mysterien des Christentums, auf die Mysterien des Heiligen Grals. Und all die wirklich eindringlichen Stimmen, die ertönt haben im Frühlingsalter - es waren ihrer nicht wenige -, sie sind ebenso zum Verstummen gebracht worden durch den immer mehr und mehr in die Dogmatik hinein versinkenden Katholizismus Roms, wie die Gnosis - wie ich ja auch gestern wiederum angedeutet habe - mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden ist.
Dornach, 16.Apr.1921/SA
aus «GA 204»; S.85ff