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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu
CHRISTUS und WEISHEIT
Nun, wir in unserer fünften nachatlantischen Zeit haben manches zu wiederholen, was in anderer Form innerhalb der ägyptischen Weisheit aufgetreten ist, und es muß aus geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus ein Verständnis sich darüber verbreiten unter den Menschen, wie wir auf die Art, wie es unserer Zeit angemessen ist, die ägyptischen Priestermysterien im verchristeten Sinne wiederum anschauen können. Osiris stellte ja für die Ägypter gewissermaßen dasjenige dar, was ihnen eine Art Repräsentant war des noch nicht gekommenen Christus; aber sie stellten sich auf ihre Art das Sonnenwesen vor in Osiris. Sie stellten sich vor, daß dieses Sonnenwesen in einer gewissen Weise verlorengegangen sei, und daß es wieder gesucht werden muß. Wir können uns nicht vorstellen, daß unser Sonnenwesen, der durch das Mysterium von Golgatha gegangene Christus, für die Menschheit verloren gehen könnte, da er einmal heruntergestiegen ist aus geistigen Höhen, sich mit dem Menschen Jesus von Nazareth verbunden hat und fortan bei der Erde bleibt. Er ist da, und der entsprechende Weihnachtsgesang darf jedes Jahr verkünden: Uns wird der Heiland geboren -, indem er damit ausdrückt das nicht Vorübergehende dieses Ereignisses, sondern das Ewige desselben, indem er damit ausdrückt, daß nicht nur damals in Bethlehem der Jesus geboren worden ist, sondern daß er im Grunde genommen immerfort geboren wird, das heißt, bei dem Erdensein verbleibt. Also dasjenige, was uns der Christus ist, das kann nicht verlorengehen.
Aber in anderer Art, muß sich die Isislegende in unserer Zeit erfüllt zeigen. Nicht dasjenige, was in einem höheren Maße uns den Osiris gibt durch den Christus, kann uns verloren gehen; aber es kann uns verlorengehen dasjenige, was hingebildet für das christliche Verständnis neben dem Osiris steht: es ist uns verlorengegangen die Isis, die Mutter des Heilandes, die göttliche Weisheit Sophia. Und wenn es geben soll eine Erneuerung der Isislegende, so darf diese für uns nicht lauten, daß der Osiris getötet worden ist durch Typhon-Ahriman, daß er hinweggeschwemmt worden ist durch das Nilwasser, wiedergefunden werden soll durch Isis, um in seiner durch Typhon-Ahriman erfolgten Zerstückelung dann in die Erde versenkt zu werden. - Nein, wir müssen in einer gewissen Weise die Isislegende, den Inhalt des Isismysteriums wiederfinden, aber wir müssen ihn bilden aus der Imagination heraus gefaßt für unsere Zeit. Es muß wieder ein Verständnis der ewigen Weltenwahrheiten geben, indem wir also imaginativ dichten können, wie die Ägypter es gekonnt haben. Aber wir müssen die richtige Isislegende finden. Der ägyptische Mensch war - als der Mensch, der vor dem Mysterium von Golgatha lebte - noch durchsetzt von luziferischen Mächten. Wenn sich im Inneren des Menschen luziferische Mächte finden, wenn luziferische Mächte das Innere des Menschen bewegen, durchziehen, durchweben, dann hat das zur Folge, daß sich in seiner äußerlichen Anschauung das Ahrimanische in seiner Wirksamkeit ausdrückt. Daher sieht der Ägypter mit Recht, weil er selber luziferisch durchsetzt war, ein Weltenbild, in welchem Ahriman-Typhon tätig ist.
Wir müssen uns klar sein, daß die gegenwärtige Menschheit ahrimanisch durchsetzt ist, innerlich so bewegt und durchwellt ist von Ahriman, wie die ägyptische Welt von Luzifer bewegt und durchwellt worden ist. Dann aber, wenn Ahriman im Innern wirkt, dann sieht der Mensch sein Weltenbild in luziferischer Gestalt. Wie sieht der Mensch dann dieses Weltenbild? Dieses Weltenbild in luziferischer Gestalt ist geschaffen, es ist da, es ist in der neueren Zeit immer populärer und populärer geworden, es hat alle Kreise ergriffen, die aufgeklärt sein wollen. Es muß ins Auge gefaßt werden, wenn das Weihnachtsmysterium begriffen werden soll: Luzifer ist diejenige Macht, welche das Weltenbild in einem früheren Stadium zurückhalten will. Luzifer ist diejenige Macht, welche hereintragen will in das gegenwärtige Weltenbild das, was in früheren Stadien vorhanden war, welche bleibend machen will das, was in früheren Stadien vorhanden war. Alles das, was in früheren Stadien moralisch war, ist natürlich im Gegenwärtigen da. Luzifer hat nun alles Interesse daran, das Moralische als solches, das immer als ein Gegenwärtiges seine große Bedeutung hat, weil es ja keimhaft für spätere Weltenschöpfung wirkt, alles Moralische herauszulösen aus dem Weltenbild und bloß das naturgemäß Notwendige im äußeren Weltenbilde erscheinen zu lassen. So stellt sich dem arm gewordenen Menschen der neueren Zeit eine Weltenweisheit dar, die zugleich ein Weltenbild gibt, in dem die Sterne kreisen nach amoralischen, rein mechanischen Notwendigkeiten, in dem die Sterne kreisen in einer Weise, daß wir mit ihrem Kreisen nichts vom moralischen Sinn der Weltenordnung verbinden können. Das ist ein rein luziferisches Weltenbild.
So wie der Ägypter hinausschaute in die Welt und Ahriman-Typhon sehen mußte als denjenigen, der ihm seinen Osiris nimmt, so müssen wir auf dieses luziferisch gewordene Weltbild, auf das mathematisch-mechanische Weltbild unserer gegenwärtigen Astronomie und unserer sonstigen Naturwissenschaft sehen und müssen uns klar sein, daß hier ebenso das Luziferische waltet, wie das Typhonisch-Ahrimanische gewaltet hat in dem ägyptischen Weltenbild. Genau so, wie der Ägypter sein äußeres Weltenbild im ahrimanisch-typhonischen Sinne gesehen hat, so sieht der neuere Mensch das, was er wegen seines Ahrimanischseins sieht, mit luziferischen Zügen. Luzifer ist da, er wirkt. Geradeso wie in Wind und Wetter, in den Stürmen des Winters der Ägypter sich vorstellte, daß Ahriman-Typhon wirkt, so muß sich der moderne Mensch vorstellen, wenn er die Sache durchschaut, daß ihm in Sonnenschein und Sternenglanz, in Planeten- und Mondenbewegung Luzifer erscheint. So wie wir das Kopernikanisch-Galileisch-Keplerische Weltenbild haben, so ist es ein luziferisches Gebilde. Gerade weil es unseren ahrimanischen Erkenntniskräften entspricht, ist sein Inhalt - ich bitte Sie, das genau zu unterscheiden - ein luziferischer.
In der Zeit, in der das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hat, da wirkte dasjenige, was den Menschen befähigt, in die Welt erkennend hineinzuschauen, in einer zweifachen Weise als die göttliche Sophia, als die die Welt durchschauende Weisheit. Durch die Offenbarung an die armen Hirten auf dem Felde, durch die Offenbarung an die Magier aus dem Morgenlande wirkte die göttliche Sophia, die himmlische Weisheit. Diese Weisheit, die in ihrer letzten Gestalt bei den Gnostikern vorhanden war, von denen sie genommen haben die ersten christlichen Kirchenväter und Kirchenlehrer, um damit das Mysterium von Golgatha zu begreifen, diese Weisheit hat sich nicht hereinverpflanzen können in die neuere Zeit; sie ist überwältigt, sie ist getötet worden durch Luzifer, wie einstmals Osiris durch Ahriman-Typhon. Uns ist nicht Osiris beziehungsweise Christus verlorengegangen, uns ist verlorengegangen dasjenige, was wir an der Stelle der Isis haben. Luzifer hat sie uns getötet. Und nicht wie Typhon den Osiris in den Nil gesenkt und dann zunächst in die Erde hinein versenkt hat dasjenige, was getötet worden ist, sondern in die Weltenräume hinausversetzt ist das von Luzifer getötete Isiswesen, die göttliche Weisheit; sie ist in den Weltenozean hinaus versenkt worden. Indem wir in diesen Ozean hinausblicken und nur nach mathematischen Linien die Sternenzusammenhänge sehen, ist in ihnen dasjenige begraben, was geistig diese Welt durchsetzt, getötet die göttliche Sophia, getötet diese Nachfolgerin der Isis.
Wir müssen diese Legende bilden, denn sie stellt die Wahrheit unserer Zeit dar. Wir müssen sprechen in demselben Sinne von der getöteten und uns verlorengegangenen Isis beziehungsweise der göttlichen Sophia, wie der alte Ägypter gesprochen hat von dem verlorengegangenen und getöteten Osiris. Und wir müssen mit demjenigen, was wir nicht begreifen, was aber in uns ist, mit der Kraft des Christus, mit der neuen Osiriskraft ausziehen und den Leichnam der modernen Isis suchen, den Leichnam der göttlichen Sophia. Wir müssen herangehen an die luziferische Naturwissenschaft und müssen suchen den Sarg der Isis, das heißt, wir müssen finden aus dem, was uns die Naturwissenschaft gibt dasjenige, was innerlich anregt zu Imagination, zu Inspiration, zu Intuition. Denn dadurch erwerben wir die Hilfe des Christus in uns, der uns dennoch dunkel, der uns finster bleibt, wenn wir ihn nicht durch die göttliche Weisheit uns erleuchten. Wir müssen, ausgerüstet mit dieser Christuskraft, mit dem neuen Osiris, auf die Suche nach der neuen Isis gehen. [...] Diese Isis ist dasjenige, was uns in vielen leuchtenden Farben aurisch aus dem Kosmos entgegenleuchtet. Sie müssen wir verstehen, indem wir hineinblicken in den Kosmos und den Kosmos aurisch sehen in seinen leuchtenden Farben.
Aber wie einstmals Ahriman-Typhon gekommen ist, um den Osiris zu zerstückeln, so kommt Luzifer, der diese Farben in ihrer Differenzierung auslöscht, der die Teile, die schön ausgebreitet sind, die Glieder der neueren Isis, jene Glieder, die das ganze Himmelszelt bilden, ineinander verschwimmen macht, der sie vereinigt, der sie zusammenballt. So wie der Typhon den Osiris zerstückelt hat, so setzt Luzifer aus dem, was in vielfältigen aurischen Farben aus dem Weltenall zu uns hereinglänzt, das eine, einheitliche weiße Licht zusammen, das die Welt durchstrahlt, dieses luziferische einheitliche Licht, gegen das sich Goethe in seiner Farbenlehre gewendet hat, indem er dagegen opponiert, daß in ihm enthalten sein sollen die Farben - die aber ausgebreitet sind über die geheimnisvollen Taten des ganzen Weltenalls, in ihrer Vielfältigkeit geheimnisvollen Taten.
Wir aber müssen hindurchdringen auf unserer Suche und die Isis wieder finden! Und wir müssen die Möglichkeit gewinnen, dasjenige, was wir ergründen, indem wir die Isis wiederum zurückgefunden haben, hinauszuversetzen in das Weltenall. Wir müssen das, was wir durch die wiedergefundene Isis gewinnen, vor uns lebendig hinstellen können, so daß es geistig für uns das Himmelsall, der Kosmos wird. Wir müssen aus dem Inneren erfassen Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus, Vulkan. Wir müssen in die Himmel hinaus versetzen das, was Luzifer aus der Isis gemacht hat, wie die Isis in die Erde versenkt hat dasjenige, was Typhon-Ahriman aus den Stücken des Osiris gemacht hat. Wir müssen begreifen, daß wir durch die Christus-Kraft eine innere Astronomie zu finden haben, welche uns wiederum das Weltenall hervorgehend und wirkend in der Kraft des Geistes zeigt. Dann, dann wird in diesem Durchschauen des Weltenalls die wiedergefundene Isiskraft, die aber jetzt die Kraft der göttlichen Sophia ist, durch diese wiedergefundene Isiskraft der Christus, der seit dem Mysterium von Golgatha mit dem Erdendasein vereinigt ist, in dem Menschen auch zur rechten Wirksamkeit, weil zur rechten Erkenntnis, kommen. Nicht der Christus fehlt uns, die Erkenntnis des Christus, die Isis von Christus, die Sophia von Christus fehlt uns.
Dornach, 24.Dez.1920/VE
aus «GA 202»; S.234ff