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Zitatensammlung
Teil 1
Zitate von Rudolf STEINER zu
BETEN und SEGNEN
Daß wir nicht wissen, wo irgend etwas, das uns erregt, seinen Ursprung hat, das hat ja nicht zur Folge, daß es in unserem Seelenleben nicht vor sich geht. Die Dinge kommen zurück, sie üben ihren Einfluß auf unser Seelenleben aus. Wir können sie uns nicht erklären, wir nehmen sie gar nicht einmal in unser Bewußtsein auf. Die Folge davon ist, daß wir allerlei Zustände kriegen. Und die Leute leiden heute sehr unter solchen Zuständen, die man einfach hinnimmt, von denen man natürlich nicht weiß, daß sie zurückführen auf frühere Erlebnisse. Was gefühlsmäßig ist, kommt in irgendeiner Weise zurück. Sie können sich das, ich möchte sagen, gedächtnismäßig einfach durch das zusammenhalten, was ich öfter wie eine Art Repräsentanz für diese Dinge sage. Lehren wir ein Kind beten, das heißt, Gebetsstimmung gefühlsmäßig entwickeln, so schwingt das auch einmal zurück. Allerdings, es schwingt später zurück, nach sehr langer Zeit, es schwingt auch zwischendurch zurück, aber es schwingt wieder weiter und schwingt wiederum zurück. Nach sehr langer Zeit kommt das Beten dadurch zurück, daß wir die Seelenstimmung des Segnens entwickeln können. Deshalb sage ich so häufig: Kein bejahrter Mensch wird segnen können wirksam durch die Imponderabilien, der nicht in seiner Kindheit beten gelernt hat. Das Beten wandelt sich um ins Segnen. Das sind die Rückkehrungen des Lebens.
Dornach, 6.Dez.1919/SA
aus «GA 194»; S.129f
Emil Bock: Dürften wir noch dazu fragen, was in der früheren Christenzeit die Handauflegung für eine Bedeutung gehabt hat?
Rudolf Steiner: Da müssen Sie sich klar sein darüber, daß die Menschheit eine Entwickelung durchgemacht hat und daß gewisse geistige Kräfte, die in der Vormenschheit da waren, immer mehr und mehr im Rückgang sind, indem der Mensch intellektueller wurde, die Freiheit ausbildete. Gegenüber dem natürlichen Leben gingen gewisse Kräfte durchaus zurück, und deshalb versteht man viele Dinge nicht, die in der biblischen Geschichte erzählt werden und die etwas ganz anderes bedeuten, als was der Mensch heute damit verbindet. Ich mache Sie da zum Beispiel aufmerksam, wie gemein, widerlich gemein die moderne Zeit so etwas auffaßt wie das Verhältnis des Sokrates zu seinen Schülern. Man redet da von einer Art Homosexualität, während das auf eine Seite der Seelenkräfte hinweist, wo nicht nur durch das Wort, sondern durch das Beisammensein des Sokrates mit seinen Schülern etwas bewirkt wurde. Die Anwesenheit des Menschen bedeutete ihnen etwas. Es ist eine ekelhafte Verleumdung der Dinge, wenn heute auf diese Sachen im Griechentum die Begriffe der Homosexualität angewendet werden. Und so ist es auch mit der Berührung bei der Handauflegung. Die Hand des Menschen hat im wesentlichen nicht nur eine fühlende Bedeutung, sondern sie hat auch eine Ausströmung, und die Ausströmung war in früherer Zeit stärker, sie kann etwas Gesundendes bekommen. Ich habe das öfter in Vorträgen in eine bestimmte Formel gebracht: Das menschliche Leben ist ein Ganzes, und die Kindheit gehört zusammen mit dem späteren Lebensalter. Kein Mensch bekommt im späteren Lebensalter die Gewalt, zu segnen, der nicht in der Kindheit zu beten vermag. Wer niemals in der Jugend betend die Hände gefaltet hat, kann die Hände niemals segnend halten. Das Handauflegen war einfach ein Einweihungsvorgang [.. Lücke in der Nachschrift], was sich da involviert, das involviert sich in der Handauflegung. Das war etwas, was früher ausgebildet worden ist, und die gesundende Wirkung des Handauflegens, die sollte man durchaus ins Auge fassen. Nicht wahr, der heutige Mensch ist nicht mehr in derselben Lage, er wird gar nicht in seiner Jugend dazu angehalten, so etwas auszubilden. Solche Dinge hat man früher ausgebildet, das ist schon eine Realität gewesen einmal. Es ist aber gar nicht ausgeschlossen, daß in einer vergeistigteren Zukunft diese Dinge wieder ausgebildet werden. Würden Sie das nicht für wünschenswert halten? - Das Händefalten ist eine Vorbereitung zum Segnen. Ebenso ist zum Beispiel im älteren Katholizismus durchaus gelehrt worden: Lernst du knien, so lernst du in der richtigen Weise das «dominus vobiscum» sagen. - Das ist Ihnen sonderbar? - Sie wissen ja, wie man das «dominus vobiscum» sagt. Das wird erlernt durch das Knien, sonst hat es nicht die Gewalt.
Stuttgart, 14.Jun.1921/MA
aus «GA 342»; S.139ff
Sie wissen, es gibt Menschen, die, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben, durch ihre Gegenwart so wirken, daß diese Gegenwart von ihrer Umwelt als ein Segen empfunden wird. Solche Menschen gibt es. Wenn man erforschte, wodurch diese Menschen dazu gekommen sind, nicht durch ihr Tun, sondern durch ihr Wesen für ihre Umwelt zum Segen zu werden, dann würde man darauf kommen, daß solche Menschen einmal selber das Wohltätige erlebt haben, als Kinder zu einer verehrten Autorität in selbstverständlicher Weise aufzuschauen, sie verehren zu können. Das haben sie durchgemacht im richtigen Lebensalter. Dadurch, daß sie selber einmal haben verehren können, werden sie nach vielen Jahren zum Segen für ihre Umwelt. Man kann das, ich möchte sagen, paradigmatisch ausdrücken, indem man sagt: Es gibt Menschen, die segnen können. Viele sind es ja nicht, aber es gibt Menschen, die im späteren Alter die Kraft des Segnens erlangen. Das kommt daher, daß sie in ihrer Kindheit beten gelernt haben. Da haben Sie zwei Gesten, die kausal miteinander verknüpft sind: Beten und Segnen. Niemand lernt segnen, der es nicht aus dem Beten heraus lernt. Man muß das nicht sentimental verstehen, sondern ganz ohne mystischen Beigeschmack, wie man eine Naturerscheinung betrachtet, nur daß einem diese Erscheinung menschlich näher steht.
Stuttgart, 13.Okt.1922/VE
aus «GA 217»; S.165f
Diese Dinge kann aber nur der beurteilen - und bei ihm geht es in eine selbstverständliche Erziehungskunst über -, der nicht nur in der Gegenwart das Kind anschaut und fragt, was es für Bedürfnisse, was es für Entwickelungskräfte hat, sondern der das ganze menschliche Leben überschauen kann. Da möchte ich Ihnen ein Beispiel geben. Nehmen wir an, wir bringen es beim Kinde dahin, daß wir zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife jene innere Hingabe an den Erzieher herausbekommen. Ich möchte durch ein Beispiel die Stärke, die da eintreten muß, veranschaulichen. Wer solche Dinge durchschaut, der weiß, welches Glück seines Lebens es bis in die spätesten Jahre ist, wenn er in der Kindheit etwa in der Lage war, von seiner Umgebung zu hören von einem sehr verehrten Verwandten, den er bisher noch nicht gesehen hat. Er darf ihn eines Tages besuchen. Er geht mit scheuer Ehrfurcht, nach alldem, was er gehört hat, nach dem ganzen Bilde, das ihm entworfen worden ist, den Gang zu diesem Verwandten. Mit scheuer Ehrfurcht sieht er, wie die Türe geöffnet wird. Es ist ein Ungeheures um ein solches Hinschauen zu etwas Verehrungswürdigem. Wenn man so hat verehren können, so zu einem Menschen hat hinschauen können, so ist das etwas, was sich tief einwurzelt in die menschliche Seele, und wovon man im spätesten Lebensalter noch die Früchte haben kann! So ist es aber mit allem, was an beweglichen, lebendigen Begriffen an das Kind herangebracht wird, nicht in es hineingepreßt wird. Wer das bei einem Kinde erreicht, daß das Kind in scheuer Ehrfurcht wirklich zu dem Erzieher hinaufschaut als der selbstverständlichen Autorität, der erzeugt etwas in dem Kinde für das späteste Lebensalter, das ich ausdrücken möchte in dem Folgenden: Wir wissen, es gibt Leute, welche, wenn sie ein gewisses Lebensalter erreicht haben, für die Umgebung, in der sie sich aufhalten, eine Wohltat sind, deren Worte gar nicht viele zu sein brauchen; sie wirken wie segnend, ihre Worte. Es ist etwas, das die Stimme durchdringt, es ist nicht der Inhalt der Worte, Es ist ein Segen für die Menschen, in der Zeit der Kindheit in die Nähe solcher Menschen zu kommen. Wenn wir zurückgehen bei solch einem Fünfzig-, Sechzigjährigen und schauen, was ihm im kindlichen Leben zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife gegeben worden ist, was er gelernt hat, so kommen wir darauf, daß er verehren gelernt hat, ein Verehren im Moralischen, das ihn in der richtigen Weise aufschauen lehrte, religiös, zu den höheren Mächten der Welt; ein Mensch, der in der richtigen Weise, wenn ich so sagen darf, beten lernte. Wer in der richtigen Weise beten gelernt hat, bei dem wandelt sich das, was er innerlich an dem Verehren lernte, im Alter in segnende Kräfte, in die Kräfte, durch die er eine Wohltat für seine Umgebung sein kann. Und ich möchte sagen, um es möglichst bildlich auszudrücken: Derjenige, der nie gelernt hat die Hände zu falten als Kind, um zu beten, der kann auch niemals in seinem Leben die Kraft entwickeln, die Hände zum Segnen auszubreiten.
London, 20.Nov.1922/MO
aus «GA 218»; S.255f