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Zitatensammlung
Teil 1
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Zitat von Rudolf STEINER zum
WIRTSCHAFTSLEBEN
Nun kommen wir zu dem dritten, zu dem wirtschaftlichen Verhältnis. Denken Sie sich einmal, wie uns eigentlich das wirtschaftliche Leben hineinstellt in ein gewisses Verhältnis zu der Welt. Sie werden leicht darauf kommen, wie dieses Verhältnis ist, wenn Sie sich denken müßten, daß wir ganz aufgehen könnten im rein äußeren wirtschaftlichen Leben. Was wären wir dann, wenn wir nur im äußeren, rein wirtschaftlichen Leben aufgehen würden? Wir wären denkende Tiere, nichts anderes. Nur dadurch sind wir nicht denkende Tiere, daß wir außer dem wirtschaftlichen Leben noch ein Rechtsleben haben, ein politisches Leben, ein Staatsleben und eine Geisteswissenschaft, ein irdisches Geistesleben. Wir werden also durch das Wirtschaftsleben mehr oder weniger hinuntergedrängt ins Untermenschliche. Aber indem wir hinuntergedrängt werden ins Untermenschliche, können wir gerade auf diesem Gebiete des Untermenschlichen Interessen entwickeln, die im wahren Sinne des Wortes die brüderlichen Interessen unter den Menschen sind. Auf keinem anderen Gebiete können wir so leicht und so selbstverständlich die brüderlichen Verhältnisse unter den Menschen im vollsten Sinne des Wortes entwickeln wie gerade im Wirtschaftsleben.
Im geistigen Leben - was ist das eigentlich Regierende im irdischen Geistesleben? Im Grunde genommen das persönliche, wenn auch seelische, aber seelisch-egoistische Interesse. Von der Religion will der Mensch haben, daß sie ihn selig macht. Von der Erziehung will er haben, daß sie seine Anlagen entwickelt. Von irgendeiner künstlerischen oder sonstigen Erscheinung, die er genießt, will er Freude in sein Leben hinein haben oder auch eine Entfaltung seiner Lebenskräfte. Es ist überall so, daß ein gröberer oder feinerer Egoismus, wenn auch verständlicherweise, um seinetwillen den Menschen hinführt zu dem, was im irdischen Geistesleben lebt.
Wiederum im Rechtsleben, im politischen Leben haben wir es zu tun mit dem, was uns gewissermaßen zu gleichen Wesen vor dem Gesetze macht. Wir haben es zu tun mit dem Verhältnisse von Mensch zu Mensch. Wir haben es mit dem zu tun, was unser Recht sein soll. Recht besteht nicht unter Tieren! Das ist auch etwas, wodurch wir über die Tierheit schon im irdischen Leben hinausgehoben sind. Aber wir haben sowohl in dem Verhältnis, das wir in einer Religionsgemeinschaft, in einer Erziehungsgemeinschaft haben, wie auch in einer Rechtsgemeinschaft, in diesem allem etwas, was in einer gewissen Beziehung auf einem Anspruch von uns beruht, was wir gewissermaßen in selbstverständlicher Weise wollen. Auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens, da kann sich etwas geltend machen, gerade wenn wir uns überwinden können, was wir nicht aus den Interessen heraus wollen: Brüderlichkeit, Berücksichtigung des anderen, so leben, daß der andere neben uns durch uns etwas erfährt.
Im geistigen Verhältnis nehmen wir etwas entgegen, weil wir es wollen. Im Rechtsverhältnis machen wir auf etwas Anspruch, worauf wir Anspruch machen müssen, wenn wir uns ein menschenwürdiges Leben als Gleicher unter Gleichen bewahren wollen. Und im wirtschaftlichen Leben entfaltet sich dasjenige, was die Gefühle des einen Menschen mit den Gefühlen des anderen Menschen verbindet: die Brüderlichkeit. Die Impulse des brüderlichen Lebens, die entspringen, indem wir ein gewisses Verhältnis herstellen, aus dem, was wir besitzen, zu dem, was der andere besitzt; dessen, was wir bedürfen, zu dem, was der andere bedarf; aus dem, was wir haben, zu dem, was der andere hat und so weiter. Entwickeln wir im wirtschaftlichen Leben immer mehr und mehr diese Brüderlichkeit, dann geht gewissermaßen aus diesem wirtschaftlichen Leben etwas heraus. Diese Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben, dieses brüderliche Verhältnis unter den Menschen, das im Wirtschaftsleben strahlen muß, wenn Gesundung des Wirtschaftslebens da sein soll, das ist dasjenige, was, wenn ich so sagen soll, aus dem Wirtschaftsleben aufdampft, so daß, indem wir gerade aus dem Wirtschaftsleben heraus es uns anerziehen, wir es mitnehmen durch die Pforte des Todes und hineintragen in das übersinnliche Leben nach dem Tode.
So erscheint für das irdische Leben das Wirtschaftsleben als das niederste, aber in ihm entwickelt sich etwas, was gerade hineinpulst aus dem Irdischen durch die Pforte des Todes in das Überirdische. Da haben wir das dritte Gebiet des sozialen Organismus geisteswissenschaftlich betrachtet. Es entwickelt sich etwas, was uns Menschen gewissermaßen in das Untermenschliche hinunterstößt, aber wir werden dafür begnadet, daß gerade aus dem, was die Brüderlichkeit im wirtschaftlichen Leben entwickelt, wir etwas durch die Pforte des Todes mitnehmen, was uns bleibt, indem wir in die übersinnliche Welt hineintreten. So wie das irdische Geistesleben, das sich auf die Weise entwickelt, wie ich es vorhin beschrieben habe, hinweist durch das Spiegelbild auf das Abgespiegelte, auf das vorgeburtliche übersinnliche Geistesleben, so weist das Wirtschaftsleben mit dem, was sich unter dem Einfluß dieses Wirtschaftslebens im Menschen entwickelt - soziales Interesse, Gefühle für menschliche Gemeinschaft, Brüderlichkeit -, auf das übersinnliche Leben nach dem Tode hin.
Zürich, 11.Feb.1919/MA
aus «GA 193»; S.52ff