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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu
CHRISTUS und GEMEINSAMKEIT
Damit aber ist eines schon für den, der tieferes Verständnis sucht, gesagt, etwas gesagt, was jegliche Art solchen Zusammenlebens dem Zentralereignisse der ganzen Erdenentwickelung, dem Mysterium von Golgatha, nahebringt. Denn seitdem das Mysterium von Golgatha in der Erdenentwickelung sich abgespielt hat, gehört alles dasjenige, was auf das Menschenzusammenleben sich bezieht, in einem gewissen Sinne zu diesem Christus-Impuls. Das ist das Wesentliche, daß der Christus-Impuls nicht dem einzelnen Menschen gehört, sondern dem menschlichen Zusammenleben. Es ist, im Sinne des Christus Jesus selber verstanden, ein großer Irrtum, wenn man glaubt, der einzelne Mensch könne eine unmittelbare Beziehung zu dem Christus haben. Das Wesentliche ist, daß der Christus gelebt hat, gestorben ist, auferstanden ist für die Menschheit, für dasjenige, was die Menschheit im Ganzen ist. Daher kommt seit dem Mysterium von Golgatha das Christus-Ereignis sofort in Betracht - wir werden später darauf zurückkommen -, wenn irgendeine Art menschlichen Zusammenlebens entfaltet wird. Es rückt also auch das irdische Geistesleben, das erquillt aus dem Individuellsten heraus, aus den menschlichen persönlichen Anlagen und Begabungen, an das Christus-Ereignis für den wirklich die Welt Verstehenden heran.
Nun betrachten wir aber zunächst dieses irdische Geistesleben für sich: religiöses Leben, Schul- und Erziehungswesen, künstlerisches Wesen und so weiter. Wir gelangen durch dieses in eine gewisse Beziehung zu anderen Menschen. Da müssen wir unterscheiden zwischen dem, was uns mit anderen Menschen durch unser eigentliches Schicksal, durch unser Karma in Beziehung bringt, und dem, was nicht in diesem engsten Sinne mit unserem individuellen Karma zusammenhängt. Wir haben auf der einen Seite gewisse Beziehungen zu den Menschen, die sich einstellen in unserem Leben; wir knüpfen neue Beziehungen an zu einzelnen Menschen. Wir haben Beziehungen, die nichts anderes sind als die Wirkungen von anderen Verhältnissen, die in früheren Erdenleben sich angeknüpft haben. Wir knüpfen hier wiederum Verhältnisse an, die ihre karmische Entwickelung in späteren Erdenleben finden werden. Das gibt eine ganze Menge von individuellen Beziehungen der einzelnen Menschen zu anderen einzelnen Menschen. Diese Beziehungen, die im wesentlichen mit unserem Karma im engsten Sinne zusammenhängen, müssen wir unterscheiden von den weiteren Beziehungen, in die wir dadurch zu Menschen kommen, daß wir mit ihnen solche Gemeinschaften schließen, durch welche wir einer religiösen Gemeinde, einem Glaubensbekenntnis mit ihnen gemeinsam angehören, daß wir mit ihnen in gleichem Sinne erzogen werden, mit ihnen gemeinschaftlich ein Buch lesen und dergleichen, mit ihnen gemeinsam irgendeine Kunst genießen und so weiter. Diese Menschen, mit denen wir also in eine irdische Gemeinschaft kommen, müssen nicht immer durch eine karmische Beziehung aus einem früheren Erdenleben mit uns zusammen sein. Es gibt allerdings auch solche Gemeinschaften, die auf gemeinsame Schicksale in früheren Erdenleben hinweisen, aber mit diesen großen Gemeinschaften, von denen ich eben gesprochen habe, ist dieses in der Regel nicht der Fall. Doch führt es auf etwas anderes zurück. Es führt darauf zurück, daß wir gegen das Ende der Zeit, die wir in der übersinnlichen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchleben, wenn wir in dem Zeitraume ankommen, der nahe liegt unserer neuen Wiederverkörperung, geistige Beziehungen eingehen - weil wir bis zu einem gewissen Grade da reif werden für solche geistige Beziehungen - zu den Hierarchien der Angeloi, Archangeloi und Archai, also geistige Beziehungen zu den höheren Hierarchien überhaupt; aber daß wir in der geistig-übersinnlichen Welt vor unserer neuen Geburt auch anderen Menschenseelen nahekommen, die später verkörpert werden als wir, die in irgendeiner Weise noch länger auf ihre Verkörperung zu warten haben. Wir haben eine ganze Summe von übersinnlichen Begegnungen, die wir gerade durch unsere besondere Reife machen, bevor wir wiederum durch eine Geburt in das Erdenleben hereingezogen werden. Und diese Kräfte, die wir dabei aufnehmen, die stellen uns auf der Erde an denjenigen Platz hin, wo es uns möglich wird, solche Gemeinschaften des irdisch-geistigen Lebens zu erleben, von denen ich eben gesprochen habe.
Es ist aus dem, was ich gesagt habe, vor allen Dingen herauszunehmen, daß unser irdisch-geistiges Leben, das wir erleben, indem wir religiöse Menschen sind, indem wir erzogen werden, geschult werden, indem wir gewisse Kunsteindrücke aufnehmen und dergleichen, nicht etwas ist, was nur seine Bestimmung erhält durch das, was auf der Erde ist, sondern bestimmt ist durch dasjenige, was wir übersinnlich erst erleben, bevor wir durch die Geburt zu diesem irdischen Geistesleben herunterkommen. Wie durch das Bild, das im Spiegel ist, hingewiesen wird auf den, der sich abspiegelt, so wird durch das irdische Geistesleben hingewiesen auf das, was der Mensch erlebte, bevor er in einen irdischen Leib eingezogen ist. In dieser Beziehung gibt es nichts auf der Erde, was in einem so innigen Bezug, in einem so realen, lebendigen Bezug zu der übersinnlichen Welt steht als dieses irdische Geistesleben, das ja gewisse Verirrungen, viele Verirrungen aufweist. Aber auch die Verirrungen haben einen sinnvollen Bezug zu dem, was wir im Übersinnlichen, in einer ganz anderen Weise allerdings, aber doch eben im Übersinnlichen erleben. Dadurch wird das irdische Geistesleben zu einer besonderen Stellung auf der Erde gebracht, daß es mit unserem vorgeburtlichen Leben zusammenhängt. Nichts anderes im irdischen Leben hängt mit unserem vorgeburtlichen Leben so zusammen wie dieses irdische Geistesleben. Das ist, worauf der Geistesforscher noch besonders hinweisen muß. Er trennt das irdische Geistesleben von den anderen Betätigungen ab, denen der Mensch hier auf der Erde unterliegt, weil er in seinen übersinnlichen Beobachtungen erfährt, daß dieses irdische Geistesleben im vorgeburtlichen, übersinnlichen Leben seine Ursprünge, seine Impulse hat. Dadurch gliedert sich für den Geisteswissenschafter dieses irdische Geistesleben von dem anderen Erleben des Menschen ab.
Zürich, 11.Feb.1919/MA
aus «GA 193»; S.48ff
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