zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu
VORGEBURTLICHKEIT und INDIVIDUALITÄT
Und was entwickelt sich denn hauptsächlich aus dem vorgeburtlichen Leben heraus im einzelnen menschlichen Leben zwischen Geburt und Tod?
Nun, wir unterscheiden im Menschen ein individuelles Leben und ein soziales Leben. Ohne daß Sie diese zwei Pole des menschlichen Erlebens auseinanderhalten, können Sie überhaupt zu keinem Begriff vom Menschen kommen: Individuelles Leben - dasjenige, was wir gewissermaßen als unser urpersönlichstes Eigentumserlebnis an jedem Tage, in jeder Stunde haben; soziales Leben - dasjenige, was wir nicht haben könnten, wenn wir nicht fortwährend in Gedankenaustausch, in sonstigen Verkehr mit anderen Menschen treten würden. Individuales und Soziales spielen in das menschliche Leben herein. Alles, was in uns individuell ist, ist im Grunde die Nachwirkung des vorgeburtlichen Lebens. Alles, was wir im sozialen Leben entwickeln, ist der Keim zu dem nachtodlichen Leben. Wir haben sogar neulich gesehen, daß es der Keim zu dem Karma ist. So daß wir sagen können: Im Menschen ist Individuelles und Soziales. Das Individuelle ist die Nachwirkung des Vorgeburtlichen. Das Soziale ist das Keimhafte des Nachtodlichen.
Der erste Teil dieser Wahrheit, daß das Individuelle gewissermaßen die Nachwirkung ist des vorgeburtlichen Lebens, der kann ganz besonders ersehen werden, wenn man Menschen mit besonderen Begabungen studiert. Sagen wir einmal, weil es gut ist, in solchen Fällen auf das Radikale zu sehen, man studiere menschliche Genies. Woher kommt die geniale Kraft, das Genie? Das Genie bringt sich der Mensch durch seine Geburt in dieses Leben herein. Es ist immer das Ergebnis des vorgeburtlichen Lebens. Und da begreiflicherweise das vorgeburtliche Leben besonders in der Kindheit zum Ausdrucke kommt - später paßt sich der Mensch dem Leben zwischen Geburt und Tod an, aber in der Kindheit kommt alles das heraus, was der Mensch vor der Geburt erlebt hat -, deshalb zeigt sich beim Genie das Kindliche während des ganzen Lebens. Es ist geradezu die Eigenschaft des Genies, das Kindhafte durch das ganze Leben zu bewahren. Und es gehört sogar zum Genie, bis in die spätesten Tage sich die Jugendlichkeit, Kindlichkeit zu erhalten, weil alles Genie zusammenhängt mit dem vorgeburtlichen Leben. Aber nicht nur das Genie, alle Begabungen, alles dasjenige, wodurch ein Mensch eine Individualität ist, hängt mit dem vorgeburtlichen Leben zusammen. Wenn man dem Menschen daher das Dogma gibt, es gebe kein vorgeburtliches Leben, es gebe keine Präexistenz, was tut man denn implicite damit? Man verbreitet die Lehre: Es gibt keinen Grund für besondere individuelle Begabungen. - Sie wissen, daß die eigentlichen Kirchenbekenntnisse, wenn sie ganz aufrichtig und ehrlich sind, sich dazu bekennen: Es gibt keine Gründe für persönliche Begabungen. - Es geht ja nicht an, die persönlichen Begabungen selber abzuleugnen; aber man leugnet ihre Gründe ab, dann kann man die persönlichen Begabungen für ziemlich bedeutungslos halten.
Dornach, 23.Okt.1919/JU
aus «GA 191»; S.187ff