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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu
PAULUS, SIBYLLEN und ÖLBAUM
Wir werden aber jetzt ins Auge fassen können, wie gleichsam Paulus inmitten einer Welt steht, in der etwas vorgeht auch ohne sein Wort, ohne das, was er mit seinen mächtigen, feurigen Worten zum Verständnis des Mysteriums von Golgatha hat beitragen können. Aber man hat doch - das lassen Sie mich zum Schluß des heutigen Vortrags noch aussprechen -, gerade wenn man diese Erscheinung ins Auge faßt, die jetzt als der Kampf des Christus gegen die Sibyllen charakterisiert worden ist, gegenüber dem Paulus ein Gefühl, das ich in die Worte zusammenfassen möchte: Bei Paulus erscheint alles so, als ob zwischen seinen Worten noch viel mehr läge als das, was man zunächst liest, als ob die Kraft, die von der Erscheinung von Damaskus auf ihn übergegangen ist, sich durch ihn zum Ausdruck brächte und als ob durch ihn doch ein Ton hereindringe in die Menschheit, der entgegengesetzt ist dem prophetischen Tone der Sibyllen; als ob bei ihm sich fortsetzte etwas von dem Ton der alten Propheten, die Michelangelo so schön in seinen Figuren dargestellt hat. Die Sibyllen, sie haben etwas gehabt, sagte ich, was von dem Elementaren der Erde ausging, was nicht hätte in ihnen sein können, wenn nicht die Elementargeister der Erde zu ihnen gesprochen hätten. Bei Paulus ist etwas Ähnliches da, etwas, was merkwürdigerweise, aber ganz exoterisch, schon die äußere Wissenschaft bemerkt hat, was einen aber wirklich, man möchte sagen, vor eine Welt des Staunens bringt, wenn man es geisteswissenschaftlich betrachtet.
Auch Paulus hat in gewisser Weise aus dem Elementarischen der Erde geschöpft, aber aus einem eigentümlichen Gebiet des Elementarischen der Erde. Und man kann theologisch-rationalistisch-abstrakt Paulus selbstverständlich ganz gut verstehen, wenn man das nicht in Betracht zieht, was ich jetzt sagen will, was von der äußeren Wissenschaft nicht erklärt werden kann; man kann ihn ganz gut auslegen, wenn man nur vom Standpunkte der gewöhnlichen Rationalität heraus Paulus begreifen will. Will man aber begreifen, was geistig, spirituell in Paulus gelebt hat, in und zwischen seinen Worten, will man begreifen, warum man durch seine Worte durchfühlt etwas Ähnliches wie in den Prophetien der Sibyllen, aber bei ihm ausgehend von einem guten Elemente der Erdenentwickelung, dann kommt die Erscheinung in Betracht, die die Frage beantwortet: Wie weit geht die Welt des Paulus? Wie begrenzt sich die Welt des Paulus? Und das Merkwürdige, was wir als Antwort bekommen, ist: Paulus wurde groß in derjenigen Welt, die gerade so weit geht wie die Ölbaumkultur. Ich sage etwas Sonderbares, ich weiß es; aber wir werden sehen, daß dieses Sonderbare doch in gewisser Weise sich auflöst, wenn wir morgen auf die Gestalt des Paulus ein wenig eingehen werden. Die Erde ist auch geographisch voller Geheimnisse. Und ein Gebiet der Erde, auf dem der Ölbaum gedeiht, ist ein anderes als dasjenige, auf dem die Eiche oder Esche gedeiht. Und der Mensch steht als physisches Wesen in physischer Verkörperung mit den elementaren Geistern in Beziehung. Anders raunt und rauscht und wallt und webt es in der Welt des Ölbaumes als in der Welt der Eiche oder Esche oder Eibe. Und wenn man den Zusammenhang des Erdenwesens mit dem Menschheitswesen begreifen will, dann ist es nicht unnötig, auch auf solche eigentümliche Erscheinungen aufmerksam zu machen wie diejenige, daß Paulus gerade so weit kommt mit seinem Wort auf der Erde, wie der Ölbaum reicht. Paulus' Welt ist die Welt des Ölbaums.
Leipzig, 29.Dez.1913/MO
aus «GA 149»; S.41ff