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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu
KAIN und ABEL in ERDENERKENNTNIS
Nun sieht man [beim Blick zurück, nachdem man am Hüter der Schwelle vorbeigekommen ist] gleichsam in die physische Welt hinunter, und da tritt ein anderes Bild auf, das Bild, daß man selber hier unten als Mensch steht. Man merkt an sich seinen astralischen Leib; aber dieser astralische Leib, der sich jetzt wie im Spiegelbild zeigt, er ist nach abwärts gerichtet, er will nicht die Kraft entfalten, nach der geistigen Welt hinzuströmen; er bleibt gleichsam an dem physischen Plan kleben und hängen, er erhebt sich nicht nach der Höhe. Man sieht auch das Spiegelbild des anderen Wesens; dessen astralischer Leib strömt nach aufwärts. Man hat das Gefühl: dieser astralische Leib strömt in die geistige Welt ein. Man sieht sich, man sieht den anderen, man hat das Gefühl: Du stehst da unten noch einmal; an der Stelle des anderen Wesens steht ein wirklich anderer Mensch da unten; es ist ein Mensch, der besser ist als du; sein astralischer Leib strebt nach oben, geht wie Rauch nach oben. Dein astralischer Leib strebt nach der Erde zu, geht wie Rauch nach unten. Man bekommt ein Gefühl von dem Selbst, das in einem drinnen lebt, indem man da hinunterschaut, und man bekommt den furchtbaren Eindruck: In dir dämmert ein Entschluß auf, ein furchtbarer Entschluß auf - der Entschluß, den anderen, den du als besser fühlst, zu töten. Man weiß: dieser Entschluß kommt nicht ganz aus dem Selbst; denn das Selbst hat man da oben. Es ist ein anderes Wesen [Doppelgänger], das da unten aus einem spricht; aber dieses gibt den Entschluß ein, den anderen zu töten. Und jetzt hört man wieder die Stimme, die vorher inspiriert hat die Inspiration, aber jetzt wie eine furchtbar rächende Stimme: «Wo ist dein Bruder?» [Gen.4,9] Und es ringt sich aus diesem Selbst die Gegenstimme los zu der früheren. Früher war die Inspiration diese: Dadurch, daß du dich vereinigt hast mit den segnenden Mächten der anderen Wesenheit wirst du mit diesen segnenden Mächten nach abwärts dich ergießen, und ich werde dich zum Hüter machen des anderen Wesens. Jetzt entringt sich diesem Wesen, das man als sich selbst erkennt, das Wort: «Ich will nicht der Hüter meines Bruders sein.» Zuerst der Entschluß, den anderen zu töten, dann der Protest gegen die Stimme, die also inspirierend war: Ich bestelle dich, weil du deine Kälte mit jener Wärme hast vereinigen wollen, zum Hüter des anderen - der Protest: Ich will nicht der Hüter sein.
Wenn man dieses imaginative Erlebnis gehabt hat, meine lieben Freunde, dann weiß man, wessen alles eine Menschenseele fähig sein kann, und dann weiß man vor allen Dingen eines: daß, wenn sie verkehrt werden in ihr Gegenteil, die edelsten Dinge der geistigen Welten zu den furchtbarsten Dingen der physischen Welt werden können. Man weiß, daß auf dem Grunde der menschlichen Seele durch Verkehrung der edelsten Opferwilligkeit der Wunsch entstehen kann, den Mitmenschen zu töten. Von diesem Augenblicke an, weiß man, was mit der Kain-und-Abel[קין והבל]-Geschichte in der Bibel gemeint ist; aber erst von diesem Momente an, denn die Kain-und-Abel-Geschichte, die ist nichts anderes als die Wiedergabe eines okkulten Erlebnisses, und zwar jenes, von dem eben gesprochen worden ist. [...]
S.143f
Im Grunde ist erst in unserer Zeit die Möglichkeit gegeben, daß die Menschen wissen dürfen, wovon die Kain-und-Abel-Geschichte die Spiegelung ist: daß sie die Spiegelung ist eines hohen Opfers. Alles das, was oben war, was vorparadiesisch war, wurde verhüllt, indem der Hüter selber es verdeckte, indem mit anderen Worten die Menschen aus dem Paradies ausgetrieben worden sind. Und das konnte nur dadurch geschehen, daß der physische und Ätherleib des Menschen nun so mit Kräften durchsetzt wurden, daß der Mensch dasjenige nicht ausführt, was sich als Spiegelbild ergibt; denn ganz gewiß würde der Mensch das ausführen, wenn er fühlen würde alles, was in dem Astralleibe ist. Der physische Leib und der Ätherleib betäuben den Menschen so weit, daß der Wunsch in ihm, den anderen zu töten, nicht Tatsache wird. Bedenken Sie, was mit diesem einfachen Satz gesagt ist: Dadurch, daß die guten fortschreitenden göttlich-geistigen Mächte den physischen und Ätherleib des Menschen ihm so gegeben haben, daß er nicht zurückschauen kann, dadurch wird zugleich etwas wie eine Art Betäubung ausgegossen über den Wunsch des Krieges aller gegen alle. Dieser Wunsch wird nicht rege in der Seele, weil des Menschen physischer und Ätherleib so zubereitet worden sind, daß dieser Wunsch betäubt wird. Der Mensch kann seinen astralischen Leib nicht schauen; daher bleibt ihm auch dieser Wunsch unbekannt, er führt ihn nicht aus.
Sehen Sie, wenn man den astralischen Leib in einer Wechselwirkung mit dem Selbst wirklich schildern will, dann muß man Dinge schildern, die nicht nur tatsächlich verborgen bleiben der Menschennatur, sondern die verborgen bleiben müssen. Was ist denn aber dadurch geschehen, daß dieser Wunsch und ähnliche Wünsche, die auf Vernichtung, auf Zerstörung des menschlichen und sonstigen auf dem physischen Plan wirkenden Zusammenseins hingehen, übertäubt sind? Sie sind abgeschwächt; die menschliche Seele empfindet sie nur abgeschwächt, empfindet sie sozusagen nur leise. Und dieses leise Empfinden jener Wünsche, die etwas so Furchtbares wären, wenn der Mensch sie ausleben würde, so wie sie eigentlich sind, das ist die wirkliche menschliche Erdenerkenntnis.
Ich spreche hiermit zuerst die Definition aus, was die menschliche Erdenerkenntnis ist. Diese menschliche Erdenerkenntnis sind die stumpf gemachten Zerstörungstriebe: Shiva in seiner furchtbarsten Gestalt so weit abgestumpft, daß er sich nicht auslebt, sondern daß er gleichsam fadenscheinig gemacht, ausgepreßt bis zur menschlichen Vorstellungswelt geworden ist, das ist die Maja des Inneren, das ist die Erkenntnis des Menschen. So mußte die Erkenntnis abgeschwächt werden, respektive so mußten die Triebe und inneren Kräfte abgeschwächt werden, damit das ursprünglich Furchtbare, in dem Ahriman drinnen waltet - denn ursprünglich ist es Ahriman, der diesen Wunsch hier erregt -, damit Ahrimans Gewalt so weit abgeschwächt werde, damit der Mensch nicht Ahriman auslebte und ständig sich dadurch zum Diener des Shiva machte. So weit mußte abgeschwächt werden dasjenige, was die Summe dieser Kräfte ist, daß sie nur so walten in dem Menschen, daß er mit seinen Begriffen und Ideen sich in die anderen Wesen hineinversetzen kann. Wenn man mit einem Begriffe versucht, ein anderes Wesen zu durchdringen, wenn man die Vorstellung zu versenken sucht in das Wesen eines anderen, so ist diese in das Wesen eines anderen hineinversenkte Vorstellung die abgestumpfte Waffe des Kain, die in Abel hineingestoßen wurde. Und daß sie so abgeschwächt wurde, diese Waffe, das machte möglich, daß das, was mit einem Ruck in sein Gegenteil verkehrt worden ist, in Evolution übergeht. Und so kommt der Mensch in langsamer Evolution durch immer weitergehende Verstärkung der Erkenntnisse dahin, daß er, was er nicht ausleben durfte in der physischen Welt, weil es da Zerstörungstrieb geworden ist, daß er das nach und nach entwickelt - erst in der gegenständlichen Erkenntnis, dann in der imaginativen Erkenntnis, die schon mehr in das Wesen des anderen geht, in der inspirativen Erkenntnis, die noch näher in das Wesen des anderen dringt, in der intuitiven Erkenntnis, die ganz hineingeht, aber geistig mit dem anderen selbst fortlebt in dem anderen Wesen. So ringen wir uns allmählich herauf, zu begreifen, was dieses Selbst eigentlich ist. Der astralische Leib ist, seiner innersten Natur nach angesehen, der große Egoist; das Selbst ist mehr als der große Egoist, das will nicht nur sich, das will sich noch in dem anderen, das will noch hinübergehen in das andere. Und die Erkenntnis, wie sie auf der Erde errungen ist, ist diese abgestumpfte Sucht, in das andere hinüberzutreten, auszudehnen alles, was man ist, nicht nur in sich, sondern weiter über sich hinaus in das andere hinein. Sie ist ein Steigen des Egoismus über sich selbst hinaus.
Wenn Sie diesen Ursprung der Erkenntnis zunächst ins Auge fassen, dann werden Sie begreifen, wie überall die Möglichkeit vorliegt, diese Erkenntnis zu mißbrauchen; denn in dem Augenblick, wo diese Erkenntnis abirrt, wird sie sogleich zum Mißbrauch, wenn diese Erkenntnis eine wirkliche Erkenntnis im Selbst ist. Nur dadurch, daß man fortschreitet, immer geistiger und geistiger dieses Hineindringen ins andere macht und aus dem zu Weltinteressen erweiterten astralischen Leib dazu gelangt, auf jegliches Eindringen in das andere zu verzichten, daß man völlig unberührt in seinem eigenen Bestände dieses andere läßt, daß man des anderen Interessen höherstellt als die eigenen Interessen, nur dadurch macht man sich reif, in der Erkenntnis aufzusteigen. Sonst kann man ohnedies nicht ein Wesen aus der Hierarchie der Angeloi erkennen, wenn man nicht dahin gelangt ist, daß einen das Innere der Angeloi mehr interessiert als das eigene. Solange man mehr Interesse hat für sein eigenes Wesen als für das Wesen der Angeloi, so lange kann man nicht die Angeloi erkennen. Man muß sich also erziehen zuerst zu Welteninteressen und dann zu Interessen, die noch weitergehen, so daß einem andere bedeutungsvoller, wichtiger sein können als man selbst. In dem Augenblick, wo man versucht, sein Selbst weiterzubringen in den okkulten Erlebnissen, und einem doch dieses eigene Selbst wertvoller bleibt als die anderen Wesen, die man erkennen will, in dem Augenblick ist die Abirrung da. Und hier, wenn Sie diesen Gedankengang verfolgen, kommen Sie eigentlich zu einer wirklichen Vorstellung über das, was schwarze Magie ist; denn die schwarze Magie beginnt da, wo okkulte Tätigkeit hineingetragen wird in die Welt, ohne daß man in der Lage ist, zuerst seine Interessen zu Weltinteressen auszudehnen, ohne daß man andere Interessen mehr schätzen kann als seine eigenen Interessen.
S.146ff
Den Haag, 27.Mär.1913/JU
aus «GA 145»