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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zum
ZEITBEGRIFF BEIM GEDANKENMACHEN
Ja, man merkt allmählich einen gewissen Gegensatz in der Seele heraufkommen zwischen der Art, wie man früher geurteilt hat, und wie man jetzt, nachdem man sich eine gewisse Reife in der entsprechenden Angelegenheit errungen hat, urteilt; und man merkt, wie das, was man in der Vergangenheit hat urteilen können, und das, was man jetzt urteilt, sich wie zwei Mächte gegenüberstehen, und man merkt dann eine gewisse innere Beweglichkeit des Zeitlichen in sich, man merkt, wie durch das Spätere das Frühere überwunden werden muß. Dies ist das Heraufdämmern eines gewissen Zeitgefühles im Bewußtsein, das auftritt durch das Vorhandensein innerer Kämpfe, die aber nur dadurch auftreten, daß das Spätere mit dem Früheren in einen gewissen Gegensatz kommt. Dieses ist durchaus notwendig sich anzueignen als ein inneres Zeitgefühl, als eine innere Zeitempfindung; denn daran müssen wir festhalten, daß wir das Ätherische nur erfahren lernen, wenn wir uns einen inneren Zeitbegriff aneignen.
Des weiteren wird uns das ein gewisses Erlebnis, daß wir immer das Gefühl haben: das Frühere rührt von uns selber her in unserem Urteil, in unserer Erkenntnis; das Spätere ist wie in uns eingeflossen, ist uns wie entgegengeströmt, ist uns verliehen worden. Immer deutlicher tritt das Gefühl eben hervor von dem, was schon gestern erwähnt worden ist: daß die Gescheitheit, die aus einem selber stammt, abgelöst werden muß von der Weisheit, die wie durch eine Art von Hingabe an einen aus der Zukunft entgegenfließenden Strom erworben wird. Sich erfüllt fühlen von Gedanken, im Gegensatz zu dem, was man früher getan hat, da man gelebt hat in dem Bewußtsein, man mache die Gedanken, das bezeugt den Fortschritt. Indem man immer mehr und mehr fühlen lernt, man macht nicht mehr Gedanken, sondern die Gedanken denken sich in einem, indem man dieses Gefühl hat, hat man ein Zeichen dafür, daß der ätherische Leib allmählich in sich das notwendige innere Zeitgefühl entwickelt. Alles Frühere wird den Beigeschmack des egoistisch Gemachten haben; alles das, was beim Heranreifen erlangt ist, wird den Beigeschmack haben, daß es verbrennt dasjenige, was man selber gemacht hat, daß es aufzehrt dasjenige, was man selber gemacht hat. Und so verwandelt man allmählich sein Inneres in ein ganz merkwürdiges Erleben: Man kommt immer mehr und mehr zu dem Bewußtsein davon, daß das eigene Denken, das eigene Gedankenmachen unterdrückt werden müsse, weil es etwas Minderwertiges ist, und daß das Sichhingeben an die Gedanken, die einem aus dem Kosmos zuströmen, das eigentlich Wertvolle ist.
Den Haag, 24.Mär.1913/MO
aus «GA 145»; S.85f