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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu
EWIGKEIT und AUGENBLICK
Ewigkeit [a] - wir brauchen die Vorstellung nur anzuschlagen, und wir fühlen es, es klingt etwas in uns, was zusammenhängt mit den tiefsten Sehnsuchten der menschlichen Seele, mit dem Höchsten, das unter seinen Strebenszielen der Mensch benennen kann. Augenblick [a] - ein Wort, das uns immer wieder hindeutet auf dasjenige, in dem wir eigentlich leben, und auf die Notwendigkeit, in diesem Augenblick, in dem wir leben, dasjenige aufzusuchen, was uns den Ausblick geben kann in das Land der Sehnsucht, in die Ewigkeit. Man braucht sich nur zu erinnern, daß das tiefste Geheimnis seiner größten Dichtung Goethe in seinen «Faust» so hineingelegt hat, daß er den Faust gegenüber dem Augenblicke aussprechen läßt: «Verweile doch! du bist so schön!» und sich dann gestehen läßt: Wenn das Gesinnung der Seele werden kann, wenn es möglich ist, daß sich die Seele identifizieren könnte mit einem Geständnis, zum Augenblicke zu sagen: «Verweile doch! du bist so schön!», dann müßte sogleich das Geständnis für Faust folgen, daß er würdig wäre, dem Gegner des Erdenmenschentums, dem Mephistopheles, zu verfallen. Was mit der Empfindung, die aus dem Augenblicke quillt, zusammenhängt, hat ja Goethe zum eigentlichen Grundgeheimnis seiner größten Dichtung gemacht. So scheint es, als ob dasjenige, in dem wir leben, der Augenblick, ganz entgegengesetzt wäre dem, was wir als Ewigkeit bezeichnen und wonach die Menschenseele immer wieder und wieder lechzen muß, sich sehnen muß.
München, 26.Aug.1912/MO
aus «GA 138»; S.25f
a] vgl. die Dschet und den Nechech im alten Ägypten