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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zum
WASSERGLAS-BILD
Ich will Ihnen ein solches Bild sagen, will Ihnen an einem solchen Bild zeigen, wie der Mensch seine Seele über sich selber hinaufrücken kann. Nehmen Sie zwei Gläser, in dem einen ist Wasser und in dem anderen keines. Das Glas, in dem Wasser ist, soll nicht ganz angefüllt sein, sondern nur zur Hälfte. Nehmen wir jetzt an, Sie beobachten in der Außenwelt diese zwei Gläser. Wenn Sie aus dem Glas mit Wasser nun etwas in das leere Glas herüberschenken, so wird das leere Glas etwas mit Wasser gefüllt sein, das andere aber wird nachher weniger Wasser haben. Wenn Sie ein zweites Mal aus diesem Glas, das zuerst halb mit Wasser gefüllt war, in das zuerst leere Glas herübergießen, wird das erste Glas noch weniger Wasser haben, kurz, durch das Herübergießen wird immer weniger und weniger in dem Glas sein, das zuerst halb mit Wasser gefüllt war. Das ist für die äußere physisch-sinnliche Welt eine wahre Vorstellung.
Jetzt bilden wir uns eine Vorstellung, die ganz anders ist. Denken Sie sich einmal, Sie würden probeweise sich die umgekehrte Vorstellung bilden, Sie würden sich vorstellen, Sie gießen aus dem halbgefüllten Glas Wasser in das leere Glas ein. Da kommt in das letztere Glas Wasser hinein, in dem halbvollen Glas aber, da, stellen Sie sich vor, würde durch das Herübergießen das Wasser mehr, und wenn Sie ein zweites Mal ausgießen würden, so würde wieder etwas hinübergehen in das früher leere Glas, aber das zuerst halbgefüllte Glas würde dadurch noch mehr Wasser haben. Durch das Ausgießen würde immer mehr und mehr Wasser in dem ersten Glas sein. Denken Sie sich, Sie bilden sich diese Vorstellung. Selbstverständlich wird jeder Mensch, der sich in unserer Gegenwart zu den absolut vernünftigen Menschen rechnet, sagen: Nun, das ist ein rechter Wahnsinn, den du dir da vorstellst. Du stellst dir vor, daß du Wasser ausgießest und daß dadurch immer mehr Wasser in das Glas kommt, aus dem du herausgießest. - Ja, wenn man diese Vorstellung anwendet auf die physische Welt, dann ist sie natürlich eine wahnsinnige Vorstellung, aber merkwürdigerweise läßt sie sich auf die geistige Welt anwenden. In einer sonderbaren Weise läßt sie sich anwenden. Nehmen wir einmal an, ein Mensch habe ein liebevolles Herz, und er erweist aus seinem liebevollen Herzen einem anderen Menschen, der der Liebe bedarf, eine liebende Tat, so gibt er etwas dem anderen Menschen ab, aber er wird dadurch nicht leerer, sondern indem er Liebestaten dem anderen Menschen hinübergibt, erhält er mehr, er wird voller, und wenn er ein zweites Mal eine Liebestat verrichtet, wird er noch voller, hat er noch mehr. Man wird nicht arm, nicht leer dadurch, daß man Liebestaten verrichtet, sondern man wird reicher, man wird voller. Man gießt in den anderen Menschen etwas hinüber, was einen selbst voller macht.
Wenden wir nun unser Bild, das für die gewöhnliche physische Welt unmöglich, wahnsinnig ist, auf das Ausgießen der Liebe an, dann ist es anwendbar, dann können wir es als ein Sinnbild, als ein Symbolum für geistige Tatsachen auffassen. Was Liebe ist, ist etwas so Kompliziertes, daß kein Mensch den Hochmut besitzen sollte, Liebe zu definieren, Liebe ihrem Wesen nach ohne weiteres zu durchschauen. Liebe ist kompliziert. Wir nehmen sie wahr, aber keine Definition kann die Liebe ausdrücken. Aber ein Sinnbild, ein einfaches Sinnbild, ein Glas Wasser, das, indem es ausgegossen wird, voller wird, das gibt uns eine Eigenschaft des Liebeswirkens wieder. Wir tun im Grunde genommen, wenn wir uns so das Komplizierte der Liebestaten vorstellen, nichts anderes, als was der Mathematiker in seiner trockenen Wissenschaft tut. Nirgends ist ein wirklicher Kreis, nirgends ein wirkliches Dreieck; die müssen wir uns nur denken. Wenn wir einen Kreis aufzeichnen und ihn nur ein wenig durch ein Mikroskop besehen, so sehen wir lauter Kreide- oder andere Punkte; solcher Kreis wird nie die Regelmäßigkeit eines wirklichen Kreises haben. Wir müssen zu unserer Vorstellung, zu unserem Innenleben gehen, wenn wir den Kreis oder das Dreieck oder sonst etwas vorstellen wollen. So müssen wir, um uns so etwas wie eine geistige Tat vorzustellen - die Liebe zum Beispiel -, auch zum Bilde greifen und an eine Eigenschaft uns halten.
Helsingfors, 5.Apr.1912/VE
aus «GA 136»; S.58ff