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Zitatensammlung
Teil 1
oser la rose
Zitat von Rudolf STEINER zu
ROSENKREUZERTUM und ANTHROPOSOPHIE
Aus Auseinandersetzungen, die verschiedentlich bisher gepflogen worden sind, wissen wir, daß die Rosenkreuzer-Einweihung im wesentlichen ein Ausbau der christlichen Einweihung überhaupt ist, so daß man von ihr als einer christlich-rosenkreuzerischen Einweihung sprechen kann. Und in früheren Vortragszyklen sind einander gegenübergestellt worden die rein christliche Einweihung mit ihren sieben Stufen und die Rosenkreuzer-Einweihung mit ihren ebenfalls sieben Stufen. Aber nun muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß das Prinzip des Fortschrittes der menschlichen Seele auch gegenüber der Initiation oder Einweihung durchaus gewahrt werden muß. Wir wissen, daß die Rosenkreuzer-Einweihung so recht ihren Anfang genommen hat etwa um die Zeit des dreizehnten Jahrhunderts herum, und daß sie dazumal von denjenigen Individualitäten, welche die tieferen Geschicke der menschlichen Entwickelung zu lenken haben, als die für die fortgeschrittenere menschliche Seele richtige Einweihung anerkannt werden mußte. Schon daraus muß aber eigentlich ersichtlich sein, daß die Einweihung des Rosenkreuzers überhaupt mit der Fortentwicklung der menschlichen Seele rechnet, und daß sie daher ganz besonders berücksichtigen muß, daß diese Entwickelung der menschliche Seele seit dem dreizehnten Jahrhundert auch wieder ihren Fortgang genommen hat; daß also die Seelen, welche heute der Initiation zugeführt werden sollen, nicht mehr auf dem Standpunkte des dreizehnten Jahrhunderts stehen können. Auf dieses möchte ich insbesondere deshalb hinweisen, weil in unserer heutigen Zeit so sehr die Sehnsucht besteht, alles mit irgendeiner Marke, mit irgendeinem Schlagworte zu belegen. Aus dieser Unsitte heraus - nicht aus irgendeinem berechtigten Grunde - ist eine Bezeichnung gerade unserer anthroposophischen Strömung entstanden, die nach und nach zu einer Art von Kalamität führen könnte. So richtig es ist, daß innerhalb unserer Strömung das, was das Prinzip des Rosenkreuzertums genannt werden muß, voll gefunden werden kann, so daß man innerhalb unserer anthroposophischen Strömung eindringen kann in die Quellen des Rosenkreuzertums, - so wahr es auf der einen Seite ist, daß sich diejenigen, welche durch die Mittel unserer heutigen anthroposophischen Vertiefung eindringen in die Quellen des Rosenkreuzertums, sich Rosenkreuzer nennen können, so sehr muß es aber auch auf der anderen Seite betont werden, daß namentlich Außenstehende kein Recht dazu haben, die Art der anthroposophischen Strömung, die wir vertreten, die Rosenkreuzerströmung zu nennen, einfach aus dem Grunde, weil damit - ob es bewußt oder unbewußt geschieht - unsere Strömung mit einer ganz falschen Marke bezeichnet wird. Wir stehen nicht mehr auf dem Standpunkte, auf dem die Rosenkreuzer vom dreizehnten Jahrhundert durch die folgenden Jahrhunderte hindurch gestanden haben, sondern wir rechnen mit dem Fortschritt der menschlichen Seele. Deshalb darf das, was in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» als der geeignetste Weg hinauf in die geistigen Sphären gezeigt ist, auch nicht ohne weiteres verwechselt werden mit dem, was man als Rosenkreuzerweg bezeichnen kann. So kann man also durch unsere Strömung in das wahre Rosenkreuzertum eindringen, darf aber die Sphäre unserer Geistesströmung, die ein viel weiteres Gebiet als das der Rosenkreuzer umfaßt, nämlich das der gesamten Theosophie, nicht als eine rosenkreuzerische bezeichnen; es muß unsere Strömung schlechthin als die 'Geisteswissenschaft von heute', als die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft vom zwanzigsten Jahrhundert bezeichnet werden. Und insbesondere Außenstehende würden sich - mehr oder weniger unbewußt - einer Art von Mißverständnis unterziehen, wenn sie unsere Richtung schlechtweg als die 'rosenkreuzerische' bezeichneten. Das aber muß uns eigen sein als eine im eminenten Sinne rosenkreuzerische Errungenschaft seit dem Aufgehen des modernen okkulten Geisteslebens im dreizehnten Jahrhundert, daß alle heutige Initiation im tiefsten Sinne des Wortes schätzen und anerkennen muß als ein Selbständiges im menschlichen Innern das, was wir als das allerheiligste Willenszentrum des Menschen bezeichnen, wie schon gestern angedeutet worden ist. Und weil durch die okkulten Methoden [den jesuitischen], die gestern gekennzeichnet worden sind, der Wille des Menschen gleichsam überwältigt wird, geknechtet wird und in eine ganz bestimmte Richtung hineingeführt wird, deshalb muß vom wahren Okkultismus diese Richtung energisch abgewiesen werden.
Karlsruhe, 6.Okt.1911/VE
aus «GA 131»; S.57ff