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Zitatensammlung
Teil 1
oser la rose
Zitat von Rudolf STEINER zu
ROSENKREUZERGEIST und MÄRCHEN
Kann man sich denn aus den Vorgängen, die sich in unserer Kultur abgespielt haben, eine Vorstellung davon machen, wie dieser Geist eigentlich gewirkt hat? Ich sagte, seit dem 11., 12., 13., 14. Jahrhundert hat er als eigentlicher Rosenkreuzergeist gewirkt; aber er war immer da, hat nur die letzte Rosenkreuzerform angenommen seit dem genannten Zeitraum. Dieser Geist, der jetzt als Rosenkreuzergeist wirkt, geht zurück bis in alte Menschheitszeiten. Er hat schon in der alten atlantischen Zeit seine Mysterien gehabt. Und was in der neueren Zeit seine Wirksamkeit entfaltet, das strömte, immer bewußter und bewußter werdend, in älteren Zeiten, in Zeiten, die gar nicht lange hinter den unsrigen liegen, unbewußt in die Herzen und Seelen der Menschen herein.
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In jenen Zeiten gab es allerdings keine Theosophische Gesellschaft, wo man so über alles redete, wie wir es heute tun; sondern damals hörte die Seele etwas ganz anderes von ihrer Umgebung. Versuchen wir uns zu vergegenwärtigen, was damals die Seelen hörten - von denen hörten, die nicht herumreisten, um geisteswissenschaftliche Vorträge zu halten, sondern die als Rhapsoden vortrugen oder in einer andern Weise von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt zogen, um vom Geiste zu künden. Was sprachen solche Leute damals für Worte? Wir wollen es einmal in einem einzelnen Falle vor uns hintreten lassen. Damals sagte man noch nicht: Es gibt eine Theosophie, eine Lehre vom niederen und höheren Ich; der Mensch hat einen physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und so weiter; sondern da zogen Rhapsoden herum, das heißt solche Menschen, die berufen waren, vom Geiste zu künden, und erzählten [...]
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In viele, viele Seelen zogen diese und andere Geschichten damals ein. Die Seelen horchten hin und nahmen es auf - nahmen es aber nicht auf, um es etwa nach der Weise von sonderbaren Theosophen der Neuzeit allegorisch auszulegen, denn als symbolische und allegorische Auslegungen sind diese Dinge nichts wert. Nein, die Menschen nahmen es auf, weil sie ihre Lust und ihr Vergnügen daran hatten, weil sie das warme Leben bei solchen Erzählungen durch ihre Seele ziehen fühlten. Und nichts weiter wollten sie, wenn dies durch ihre Seele zog, wenn ihnen erzählt wurde von dem Königssohn, von seinen Taten mit dem Glöckchen und seiner Erwerbung der Tochter der Blumenkönigin. Und viele Seelen leben jetzt, die damals so etwas gehört und in Lust und Freude aufgenommen haben. Und wenn so etwas aufgenommen wird zum Entzücken und zur Befriedigung der Seele, so lebt es weiter in der Seele. Dann nehmen solche Seelen Gedankenformen in Gefühlen und Empfindungen auf, und dann sind sie etwas anderes geworden, als sie vorher waren. Das bringt Früchte, das gibt Kräfte den Seelen, und diese Kräfte verwandeln sich, werden zu etwas anderem. Was sind sie denn geworden? Zu dem sind sie geworden, was jetzt in den Seelen ist als Sehnsucht nach einer höheren Auslegung derselben Geheimnisse, als Sehnsucht nach der Geisteswissenschaft. Damals haben die Rhapsoden nicht erzählt: Es gibt einen Menschen, der strebt zum höheren Selbst hinauf und muß dazu überwinden, was ihn herunterdrücken will als sein niederes Selbst. Sondern sie haben erzählt: Einen Königssohn gab es; der zog aus und fand einen Graben, aus dem es herauf wimmerte, und tat das, was eine gute Tat war. Heute sagen wir: Der Mensch muß etwas tun, was eine gute Tat, eine Tat der Liebe, des Opfers ist. Damals erzählte man ein solches Tun im Bilde. Heute sagen wir: Der Mensch muß in sich jene Stimmung des Geistes bekommen, durch die er eine Ahnung erhält von der geistigen Welt, einen Zusammenhang mit ihr und durch die er fähig wird, seine Kräfte so zu entwickeln, daß er mit der geistigen Welt in eine Beziehung kommen kann. Damals sagte man das im Bilde: Die alte Frau gab dem Königssohn ein Glöckchen, das läutete er. Heute wird gesagt: Der Mensch hat in sich aufgenommen die übrigen Naturreiche; was da ausgebreitet vorhanden ist, das hat der Mensch in sich harmonisch vereinigt. Er muß aber verstehen, wie das in ihm lebt, was draußen ausgebreitet ist, und kann seine niedere Natur nur dadurch überwinden, daß er das, was in den Naturreichen wirkt, in das rechte Verhältnis zu sich bringt, so daß es ihm zu Hilfe kommen kann.
Wie oft haben wir gesprochen von der Entwickelung des Menschen durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit hinauf, wie er zurückgelassen hat die andern Reiche und das, was das Beste ist, aus ihnen herausgezogen hat, um hinaufzusteigen zu einer Höhe. Wozu hat er sich da entwickelt? Zu dem, wofür schon Plato ein Bild gebraucht, um hinzudeuten auf das, was in des Menschen Seele lebt: das Bild des Pferdes, mit dem er dahinreitet von Inkarnation zu Inkarnation. Damals stellte man das Bild hin von dem Glöckchen, das geläutet wurde, damit die Naturreiche in ihren Repräsentanten, dem Adlerkönig, dem Fuchskönig und dem Fischkönig, kamen, um das, was Beherrscher der drei Naturreiche werden soll, in das rechte Verhältnis zu bringen.
Die Seele des Menschen ist wild, und nur dadurch, daß Liebe und Weisheit sie ergreifen und glätten, kommt der Mensch in das rechte Verhältnis. Damals trat es in bildhafter Weise vor die Menschen hin. Gelenkt wurde die Seele dahin, daß sie das, was wir heute anders erzählen, verstehen kann. Damals wurde erzählt: Wenn er das Glöckchen einmal läutete, kam der Adlerkönig, wenn er es zweimal läutete, kam der Fuchskönig, und wenn er es dreimal läutete, kam der Fischkönig; die brachten das Pferd zurück. Das heißt, die Stürme der Menschenseele, die wild dahinstürmt, müssen erkannt werden, und wenn wir sie erkennen, kann auch die Seele von dem Niederen befreit und in Ordnung gebracht werden.
S.201f
Berlin, 10.Jun.1911/SA
aus «GA 124»