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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zur
DEMUTSERZIEHUNG
Dieses Gefühl läßt sich etwa so schildern. Man kann demjenigen, der angehender Mystiker ist sagen: Sieh dir einmal die Pflanze an. Diese Pflanze wurzelt in dem Boden. Der Boden bietet ihr ein Reich dar, das niedriger ist als das Pflanzenreich. Die Pflanze kann aber nicht leben ohne dieses Reich, das zunächst für ein niedrigeres genommen werden muß. Wenn die Pflanze sich hinunterneigt zu dem mineralischen Reich, dann kann sie sagen: Diesem niedrigeren Reich, aus dem ich hervorgewachsen bin, verdanke ich mein Dasein. - Aber dann kann der Mensch allmählich aufsteigen und kann, indem er auf das Tier blickt, sich sagen: Das Tier verdankt dem Pflanzenreich das Dasein. Es müßte, wenn es seiner Stellung im Weltenbau sich bewußt werden würde, in Demut sich zum niedrigeren Reiche herniedersenken und sagen: Dir verdanke ich mein Dasein. - Und so der Mensch, der auf einer gewissen Höhe angelangt ist; er müßte sagen: Eigentlich könnte ich diese Stufe nicht erreicht haben, wenn nicht alles dasjenige, was unter mir ist, sich in der entsprechenden Weise entwickelt hätte. - [...] Wenn das so recht in der Seele sich verbreitet, was man die Erziehung zur Demut nennen kann, dann wird die Seele durchflossen und durchdrungen von diesem Demutsgefühl, das zuletzt wirklich empfindungsgemäß dazu führt, sich so zu denken, daß man einen unendlichen Weg vor sich hat, um vollkommener zu werden.
Wien, 23.Mär.1910/ME
aus «GA 119»; S.83
[vgl. Steiners Schüler Ch.MORGENSTERN: „Die Fußwaschung”]