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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu
ÖSTLICHER und WESTLICHER DENKWEISE
Und da liegt auch, was den Unterschied zwischen östlicher und westlicher Denkungsweise ausmacht. Die westliche Denkungsweise kann sich der ganzen Aufgabe und Mission des Westens nach niemals trennen von einer wirklich konkreten geschichtlichen Auffassung unserer Erdenentwickelung. Und geschichtliche Auffassung ist nur diejenige, die Fortschritt sieht, nicht Wiederholung des Gleichen. Der Begriff Geschichte ist der, der erst durch den Westen eingetreten ist in die Menschheitsentwickelung. Man hat da erst gelernt, wirklich die Dinge geschichtlich aufzufassen, nicht bloß eine Wiederholung des Gleichen zu sehen. Und wenn irgendwo unter uns irgend jemand auftritt, der nicht ganz durchdrungen ist von dem Begriffe des geschichtlichen Fortschrittes, und dann sich hingibt in einem besonderen Maße orientalischer Denkungsweise, deren Wahrheit damit nicht im geringsten angezweifelt wird, von der alles unterschrieben wird, trotzdem gesagt wird, daß die geschichtliche Auffassung hinzukommen muß, dann stellt sich leicht ein, daß ihm der Begriff der Geschichte abhanden kommt und daß für ihn eine merkwürdige Frage entstehen kann: Wozu eigentlich diese ewige Wiederholung des Gleichen? Das war zum Beispiel die Frage, die Schopenhauer aufgestellt hat, dem der Begriff der Geschichte im eigentlichen Sinne gemangelt hat, und der innerhalb unseres Geisteslebens einer derer war, die viel für die äußere Exoterik aufgenommen haben aus dem orientalischen Leben. Dadurch, daß irgendeine höhere Wahrheit aufgestellt wird, wird die niedrigere Wahrheit in keinerlei Weise angetastet; es wird zu allem Ja gesagt, was von dem unhistorischen Standpunkte aus behauptet wird; es wird nur eine niedere Denkweise in ein höheres Reich heraufgehoben, das heißt, es wird beleuchtet in unserem Falle die orientalische Denkungsweise mit dem Lichte des Westens*.
München, 26.Aug.1909/JU
* Diese Darstellung, die an sich etwas weitschweifig erscheint, rechtfertigt sich wohl dadurch, daß sie gegen die in mystischen Weltanschauungen oft auftretende Behauptung gerichtet werden muß, daß im Grunde die verschiedenen aufeinanderfolgenden Religionen und so weiter nur die Umgestaltungen Einer Urweisheit seien.
aus «GA 113»; S.85f