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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zum
GEWISSEN
An einem besonderen Beispiele möchte ich Ihnen anführen, wie sich dieses in der physischen Welt lebende Selbst des Menschen verhält zu seinem höheren Selbst, und zwar möchte ich es Ihnen anführen für unsere heutigen Verhältnisse, denn derjenige, der in die geistigen Welten hineinschaut, weiß, daß sich diese Dinge im Laufe der Zeiten ändern. Derjenige, der zum Beispiel einem anderen Menschen ein Unrecht zugefügt hat, der kann in sich selber das erleben, was man Gewissensbisse nennt. Man kommt da auf jene eigentümlichen Seelenerlebnisse, die man gewöhnlich zusammenfaßt unter dem Wort Gewissen. Sie wissen alle, daß man im gewöhnlichen Leben mit diesem Worte Gewissen bezeichnet eine Art innerer Stimme, welche den Menschen treibt, von ihm begangenes Unrecht wieder gutzumachen. [...] Das Gewissen ist zunächst für den Menschen in der physischen Welt ein inneres Erlebnis, ein Seelenerlebnis. Fragen Sie nun den Geistesforscher, wie es sich damit verhält, dann muß dieser folgende Beobachtung anstellen: er muß den Betreffenden, der ein Unrecht begangen hat, beobachten in bezug auf sein Leben in der astralischen Welt. Derjenige nun, der für sich selbst innerlich Gewissensbisse erlebt, der ist für den Geistesforscher umringt von merkwürdigen astralen Gestalten, die sonst nicht da sind, wenn nicht Gewissensbisse in der Seele leben. [...] Und wenn wir uns fragen: Wie zeigt sich für die Geistesforschung das Entstehen dieser Gestalten, dann bietet sich folgendes: Nehmen wir an, jemand hat solch ein Unrecht begangen, dann bilden sich aus den Gedanken, die das Unrecht herbeigeführt haben, andere Gedankenformen, die Metamorphosen der ersten sind. Alles das, was der Mensch denkt, empfindet und fühlt, lebt ja in seiner astralischen Aura als eine Form, als eine Gedanken- oder Empfindungs-oder Gefühlsform. Man kann einen Gedanken, der - sagen wir klar ist, in einer scharf umrissenen Gedankenform, wie umschwebend den Menschen, abbilden; ebenso einen wilden, einen wüsten Gedanken, diese oder jene Leidenschaft durch verworrene Formen. Das sind alles Gestalten, die den Menschen umgeben. Während nun der Mensch ein Unrecht begeht an einem anderen, denkt und empfindet er dies oder jenes. Diese Gedanken- oder Empfindungsformen treten dann aus ihm heraus, sind in der Umgebung; aber sie bleiben nicht bloß Gedankenformen, das ist das Wesentliche und Wichtige. Sie bleiben nicht etwas, was sich vom Menschen abgesondert hat, sondern sie finden Nahrung aus gewissen Welten. Es brausen gleichsam, wie der Wind in einen Hohlraum, der sich ihm darbietet, hineinbraust, in diese Gedankenformen, die ausgeschieden werden durch die Gewissensbisse, gewisse Wesenheiten aus ganz bestimmten Welten - wir werden darüber noch sprechen - hinein, und die eigenen Gedankenformen des Menschen sind dann ausgefüllt mit einer Wesenssubstanz aus diesen Welten. Der Mensch hat Veranlassung gegeben durch seine Gedankenformen dazu, daß in seiner Umgebung nun andere Wesenheiten leben. Diese Wesenheiten sind in Wahrheit das Quälende der Gewissensbisse. [...]
Sie können nun an diesem Beispiele sehen, daß für die geistige Beobachtung eine ganz andere Realität [a] vorliegt als für die nicht geistige. Für die letztere ist das Gewissen nur ein inneres Erlebnis; für die geistige Beobachtung ist das Gewissen eine Summe von Wesenheiten, die den Menschen umgibt, eine geistig-astrale Realität um ihn herum. [...]
[...] Sie wissen ja, daß das menschliche Seelenleben sich im Laufe langer Zeiträume geändert hat. [...] Sie wissen, daß wenn wir heute dasjenige, was wir menschliches Bewußtsein nennen, beschreiben, etwas anderes herauskommt als das Bewußtsein, sagen wir, zum Beispiel bei den alten Indern in der ersten Kulturepoche der nachatlantischen Zeit; daß anders war dieses Bewußtsein namentlich in der atlantischen Zeit. Sie wissen alle, daß das menschliche Bewußtsein sich von einem dumpfen, ursprünglichen Hellsehen hindurchentwickelt hat zum heutigen klaren, tagwachen Bewußtsein für die physische Welt. [...] Wir brauchen gar nicht weit zurückzugehen, verhältnismäßig nur wenige Jahrtausende, da finden wir noch zahlreiche Völker, welche nicht etwa bloß das physische Feuer sahen, sondern imstande waren, durch dieses physische Feuer hindurch zu den Elementargeistern des Feuers zu schauen. Das hat sich nach und nach entwickelt im menschlichen Bewußtsein, daß gleichsam eine höhere Welt sich zurückgezogen hat vor dem Menschen, und dieser beschränkt worden ist auf die physische Welt. [...] Nun, ebenso wie das Feuer die Geister des Feuers verdeckt, ebenso verdeckt das menschliche Gewissen - diese innere Stimme, wie wir sie nennen - zunächst die Welt, die ich eben beschrieben habe, die Welt der quälenden und nagenden Gewissensgeister.
S.53ff
Was empfand ein Mensch der älteren Zeit, wenn er eine schlechte Tat begangen hatte? Das hellseherische Auge war noch geweckt; er sah das, was ich beschrieben habe, in seiner Umgebung - in Griechenland nannte man es die Erinnyen [b]. Und was entstand jetzt in seinem Inneren für eine Empfindung, da er dieses Gesicht der Erinnyen fortwährend vor sich hatte? Es entstand eine Empfindung, die ganz entsprechend den Eigentümlichkeiten der astralischen Welt war, die Empfindung: umzuwandeln, zu metamorphosieren die Gestalten, die er da um sich herum hatte. In der astralischen Welt herrscht Verwandlungsfähigkeit. Wenn der Mensch ausgelöscht hat die schlechte Tat, sie in eine gute verwandelt hat, dann verwandeln sich die Erinnyen der Mythologie in die wohlwollenden Eumeniden [c]. Hier haben Sie die Verwandlungsfähigkeit. Da war es also etwas, was der Mensch so erlebte, daß er sich sagte: Ich habe eine schlechte Tat begangen; furchtbar ist dasjenige, was sichtbar ist in der astralischen Welt; das muß umgewandelt werden; ich muß dasjenige tun, was die Metamorphose herbeiführt. Es war eine Korrespondenz des menschlichen Handelns mit demjenigen, was in der Umgebung war. Von dem, was innere Stimme des Gewissens ist, war noch nichts da.
S.57f
München, 25.Aug.1909/ME (aus «GA 113»)
a] eigentl. Wirklichkeit (vgl. »TzN Jän.2004«: Anm.b)
b] 'Ερινύες, lat. Furien (dargestellt zB. in der «Orestie» von Aischylos)
c] 'Ευμενίδες