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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zur
MISTEL im BALDUR-MYTHOS
Wenn wir in die Tiefen der menschlichen Kulturentwickelung, sofern sie geistiger Art ist, hineinblicken, so finden wir an vielen Stellen, daß in der Tat die Mythen und Sagen, die uns überliefert worden sind, in vieler Beziehung weiser sind, als es unsere heutige Wissenschaft ist. Und wenn der Mensch einst die geistige Grundlage der Welt wieder erkennen wird, dann wird er in manchem Mythos, in manchen Sagen und Märchen eine tiefe Weisheit erkennen, tiefer als unsere scheinbar so vorgeschrittene Wissenschaft. Denken wir uns noch einmal den alten Mond, in dem nur die alte Tierpflanze gedeihen kann, und lenken wir eine Weile den Blick ab von der Weiterentwickelung des Mondes. Seien wir uns klar, daß alle diese Mondwesenheiten Vorläufer unserer heutigen Menschenwesen waren. Aus den Mineralpflanzen ist durch einen Herunterstieg unser heutiges Mineralreich entstanden, aus den Tierpflanzen unsere heutigen Pflanzen und aus den zurückgebliebenen Tiermenschen, aus denen, die nicht fortgeschritten sind, zum größten Teile unsere heutigen Tiere. So sehen wir, wie unsere heutigen Mineralien, unsere Pflanzen, Tiere und Menschen wirklich Nachkommen sind jener alten Mondwesen. Nun gibt es heute sehr merkwürdige Pflanzen, die nicht in einem mineralischen Boden gedeihen, zum Beispiel die Mistel. Sie ist deshalb so merkwürdig, weil sie sich als Pflanze für den hellseherischen Blick sehr von den anderen Pflanzen unterscheidet. Sie zeigt nämlich etwas von einem Astralleib, der, wie bei dem Tierleibe, in die Mistel hineingeht. Trotzdem sie keine Empfindung hat, zeigt sie etwas von der äußeren Gestalt des Tierwesens. Das rührt davon her, daß sie zu jenen Pflanzentieren des Mondes gehört, die zurückgeblieben sind; die jetzt nicht Pflanzen haben werden können und die deshalb auch nicht auf einem mineralischen Boden gedeihen. So weit konnten sie nicht fortschreiten, und deshalb brauchen sie andere Pflanzen, in die sie sich hineinsenken können. Die Mistel ist bei dem alten Mondbrauch geblieben. Das haben die alten Vorfahren der europäischen Völker gewußt, indem sie es zunächst in einem wunderbaren Sagengebilde verkörpert haben. Diese alten germanischen und nordischen Völkerschaften sahen in Loki eine Gewalt, welche noch jenen alten Mondkräften angehörte, die sich von dem alten Mondschauplatz auf unsere Erde herübergefunden haben. Als die Erde Erde geworden ist, kam sie unter den Einfluß derjenigen Kräfte, welche sich diese alten Völkerschaften in dem Gotte Baldur symbolisierten. Er repräsentiert alle die Kräfte, die auf die reifen Erdenwesen wirkten. Diejenigen Wesenheiten unserer Erde aber, die auf der Mondstufe zurückgeblieben sind, fühlen innige Verwandtschaft zu dem, der zu dem Gotte des Mondes gehört, zu Loki. Daher stammt die wunderbare Sage, daß einst, als die Götter spielten, alle Wesen einen Eid geleistet haben, daß sie Baldur nicht verletzen wollten - nur die Mistel schwur diesen Eid nicht. Weshalb? Weil sie nicht verwandt ist mit den Erdenkräften, die in Baldur verkörpert sind; sie ist degeneriert, ein zurückgebliebenes Geschöpf des Mondes. Sie kann die Grundkraft der Erde, Baldur, verletzen. Loki muß sich eines Wesens bedienen, das zu ihm gehört. Tief aus dem geheimen Weitenzusammenhange heraus ist diese Sage entstanden. Und wenn wir wissen, daß in vieler Beziehung dasjenige, was der gesunden Entwickelung widerstrebt, gerade der kranken Entwickelung dienen muß, dann begreifen wir, daß es eine große, weise Intuition unserer Vorfahren war, die sie dazu führte, in der Mistel besonders heilende Kräfte und Säfte zu suchen. Sie wußten das, was wir eben besprochen haben; daher das Ansehen, welches der Mistel überhaupt gegeben worden ist. Das ist so ein Beispiel, an dem wir sehen können, wie in den Sagen und Mythen Weisheit der Weltentwickelung verborgen ist.
Stuttgart, 8.Aug.1908/SA
aus «GA 105»; S.88f