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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zur
WIRKUNG des ZWEIGLEBENS
In unseren letzten Betrachtungen mußte schon darauf aufmerksam gemacht werden, daß jetzt in diesem Zeitabschnitt unserer Zweigentwickelung einiges gesagt werden soll für vorgeschrittene Theosophen [entspr. Anthroposophen], und es wurde schon darauf hingewiesen, daß dieser Ausdruck «vorgeschrittene Theosophen» nicht so gemeint sei, als ob damit etwa eine besondere theoretische, eingehendere Kenntnis der theosophischen Lehren bezeichnet werden soll. Es ist etwas damit gemeint, was wir uns dadurch klarmachen können, daß wir uns vor die Seele rücken, daß das Leben innerhalb eines theosophischen Zweiges, wenn es eine Zeitlang währt, für die Menschenseele etwas zu bedeuten hat. Man eignet sich während dieses theosophischen Zweiglebens nicht nur Vorstellungen und Begriffe an über des Menschen Wesenheit, über höhere Welten, über die Evolution und so weiter, sondern mehr als der Einzelne sich eigentlich zum Bewußtsein bringt, eignet man sich während dieses Zweiglebens eine gewisse Summe von Empfindungen und Gefühlen an, andere als die sind, die man als völliger Neuling, wenn man eben erst in die Theosophie eintritt, mitbringt. Diese Gefühle und Empfindungen beziehen sich namentlich darauf, daß man in aller Ruhe und Gelassenheit mit einer gewissen inneren Gläubigkeit lernt Dinge und Schilderungen anzuhören und sie als etwas hinzunehmen, was keine Phantasterei und keine Träumerei ist, über deren Darstellung man wahrscheinlich vor dem Eintritt in die Theosophie gelacht und sich lustig gemacht hätte und über deren Schilderung sich ganz gewiß die Mehrzahl unserer Zeitgenossen heute als über eine Phantasterei lustig machen würde. Etwas viel Wichtigeres als die Einzelheiten der theosophischen Lehren ist diese Summe von Empfindungen und Gefühlen, die wir so nach und nach unserer Seele eingewöhnen. Denn wir werden in der Tat dadurch nach und nach ganz andere Menschen, und diejenigen, die sich solche Gefühle und Empfindungen gegenüber anderen Welten angeeignet haben, gegenüber denjenigen Welten, die zwar in der unsrigen vorhanden sind und uns fortwährend durchpulsieren, die aber für die äußeren Sinne nicht wahrnehmbar sind, solche Menschen, die solche Empfindungen und Gefühle haben, die so zu anderen Welten stehen, wie das angedeutet worden ist, sind hier als vorgeschrittene Theosophen gemeint. Es wird also nicht an Ihre theoretische Erkenntnis, sondern an Ihr Herz und Gefühl appelliert, wenn wir solche Betrachtungen vorurteilsfrei hinnehmen wollen, zu denen die letzte und auch die heutige Betrachtung gehören. Wir würden, wenn wir nur von allgemeinen abstrakten Theorien reden wollten, durch die wir möglichst wenig den sogenannten gesunden Menschenverstand verletzten, uns doch nur etwas vormachen; wir würden nicht den nötigen Willen haben, die Welten, die erschlossen werden müssen durch die theosophische Bewegung, uns auch wirklich nach und nach zu erschließen.
Berlin, 16.Mai 1908/SA
aus «GA 102»; S.162f