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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Johann Wolfgang v.GOETHE zum
FRAGMENT „DIE GEHEIMNISSE
Eine Gesellschaft studierender Jünglinge, in einer der ersten Städte Norddeutschlands, haben ihren freundschaftlichen Zusammenkünften eine gewisse Form gegeben, so daß sie erst ein dichterisches Werk vorlesen, sodann über dasselbe ihre Meinungen wechselseitig eröffnend, gesellige Stunden nützlich hinbringen. Derselbe Verein hat auch meinem Gedicht: Die Geheimnisse überschrieben, seine Aufmerksamkeit gewidmet, sich darüber besprochen und, als die Meinungen nicht zu vereinigen gewesen, den Entschluß gefaßt, bei mir anzufragen, inwiefern es tunlich sei, diese Rätsel aufzuklären; wobei sie mir zugleich eine gar wohl haltbare Meinung mitgeteilt, worin die meisten miteinander übereingekommen. Da ich nun in dem Antrage und in der Art desselben so viel guten Willen, Sinn und Anstand finde, so will ich hierauf umso lieber eine Erklärung geben, als jenes rätselhafte Produkt die Auslegungsgabe schon manches Lesers beschäftigt hat, und ich in meinen schriftstellerischen Bekenntnissen wohl sobald nicht an die Epoche gelangen möchte, wo diese Arbeit veranlaßt und sogleich auf einmal in kurzer Zeit auf den Punkt gebracht worden, wie man sie kennt, alsdann aber unterbrochen und nie wieder vorgenommen wurde; es war in der Mitte der achtziger Jahre.
Ich darf voraussetzen, daß jenes Gedicht selbst dem Leser bekannt sei, doch will ich davon folgendes erwähnen: Man erinnert sich, daß ein junger Ordensgeistlicher, in einer gebirgigen Gegend verirrt, zuletzt im freundlichen Tale ein herrliches Gebäude antrifft, das auf Wohnung von frommen geheimnisvollen Männern deutet. Er findet daselbst zwölf Ritter, welche nach überstandenem sturmvollen Leben, wo Mühe, Leiden und Gefahr sich andrängten, endlich hier zu wohnen und Gott im Stillen zu dienen, Verpflichtung übernommen. Ein dreizehnter,[a] den sie für ihren Obern erkennen, ist eben im Begriff, von ihnen zu scheiden, auf welche Art, bleibt verborgen; doch hatte er in den letzten Tagen seinen Lebenslauf zu erzählen angefangen, wovon dem neuangekommenen geistlichen Bruder eine kurze Andeutung, bei guter Aufnahme, zuteil wird. Eine geheimnisvolle Nachterscheinung festlicher Jünglinge, deren Fackeln bei eiligem Lauf den Garten erhellten, macht den Beschluß.
Um nun die weitere Absicht, ja den Plan im allgemeinen und somit auch den Zweck des Gedichtes zu bekennen, eröffne ich, daß der Leser durch eine Art von ideellem Montserrat geführt werden und, nachdem er durch die verschiedenen Regionen der Berg-, Felsen- und Klippenhöhen seinen Weg genommen, gelegentlich wieder auf weite und glückliche Ebenen gelangen sollte. Einen jeden der Rittermönche würde man in seiner Wohnung besucht und durch Anschauung klimatischer und nationaler Verschiedenheiten erfahren haben, daß die trefflichsten Männer von allen Enden der Erde sich hier versammeln mögen, wo jeder von ihnen Gott auf seine eigenste Weise im Stillen verehre.
Der mit Bruder Markus herumwandelnde Leser oder Zuhörer wäre gewahr geworden, daß die verschiedensten Denk- und Empfindungsweisen, welche in dem Menschen durch Atmosphäre, Landstrich, Völkerschaft, Bedürfnis, Gewohnheit entwickelt oder ihm eingedrückt werden, sich hier am Orte in ausgezeichneten Individuen darzustellen und die Begier nach höchster Ausbildung, obgleich einzeln unvollkommen, durch Zusammenleben würdig auszusprechen berufen seien.
Damit dieses aber möglich werde, haben sie sich um einen Mann versammelt, der den Namen Humanus führt; wozu sie sich nicht entschlossen hätten, ohne sämtlich eine Ähnlichkeit, eine Annäherung zu ihm zu fühlen. Dieser Vermittler nun will unvermutet von ihnen scheiden, und sie vernehmen, so betäubt als erbaut, die Geschichte seiner vergangenen Zustände. Diese erzählt jedoch nicht er allein; sondern jeder von den Zwölfen, mit denen er sämtlich im Laufe der Zeiten in Berührung kommt, kann von einem Teil dieses großen Lebenswandels Nachricht und Auskunft geben.
Hier würde sich dann gefunden haben, daß jede besondere Religion einen Moment ihrer höchsten Blüte und Frucht erreiche, worin sie jenem obern Führer und Vermittler sich angenaht, ja sich mit ihm vollkommen vereinigt. Diese Epochen sollten in jenen zwölf Repräsentanten verkörpert und fixiert erscheinen, so daß man jede Anerkennung Gottes und der Tugend, sie zeige sich auch in noch so wunderbarer Gestalt, doch immer aller Ehren, aller Liebe würdig müßte gefunden haben. Und nun konnte nach langem Zusammenleben Humanus gar wohl von ihnen scheiden, weil sein Geist sich in ihnen allen verkörpert, allen angehörig, keines eigenen irdischen Gewandes mehr bedarf.
Wenn nun nach diesem Entwurf der Hörer, der Teilnehmer, durch alle Länder und Zeiten im Geiste geführt, überall das Erfreulichste, was die Liebe Gottes und der Menschen unter so mancherlei Gestalten hervorbringt, erfahren; so sollte daraus die angenehmste Empfindung entspringen, indem weder Abweichung, Mißbrauch, noch Entstellung, wodurch jede Religion in gewissen Epochen verhaßt wird, zur Erscheinung gekommen wäre.
Ereignet sich nun diese ganze Handlung in der Karwoche, ist das Hauptkennzeichen dieser Gesellschaft ein Kreuz mit Rosen umwunden, so läßt sich leicht voraussehen, daß die durch den Ostertag besiegelte ewige Dauer erhöhter menschlicher Zustände auch hier bei dem Scheiden des Humanus sich tröstlich würde offenbart haben.
Damit aber ein so schöner Bund nicht ohne Haupt- und Mittelsperson bleibe, wird durch wunderbare Schickung und Offenbarung der arme Pilgrim Bruder Markus in die hohe Stelle eingesetzt, der ohne ausgebreitete Umsicht, ohne Streben nach Unerreichbarem, durch Demut, Ergebenheit, treue Tätigkeit im frommen Kreise gar wohl verdient, einer wohlwollenden Gesellschaft, so lange sie auf der Erde verweilt, vorzustehen.
Wäre dieses Gedicht vor dreißig Jahren, wo es ersonnen und angefangen worden, vollendet erschienen, so wäre es der Zeit einigermaßen vorgeeilt. Auch gegenwärtig, obgleich seit jener Epoche die Ideen sich erweitert, die Gefühle gereinigt, die Ansichten aufgeklärt haben, würde man das nun allgemein Anerkannte im poetischen Kleide vielleicht gerne sehen und sich daran in den Gesinnungen befestigen, in welchen ganz allein der Mensch, auf seinem eigenen Montserrat, Glück und Ruhe finden kann.
aus «GA 98»; S.263ff
a] vgl. mit R.STEINER zur Zwölferloge mit Dreizehntem