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Zitatensammlung
Teil 1
Zitate von Rudolf STEINER zu
EHE und LIEBE
Aber bevor wir von diesem geistigen Plan sprechen, haben wir noch an eines der Mittel, an eine der Kräfte zu erinnern, durch welche die Menschheit in ihrer großen Mehrheit von der Sphäre des astralen Schauens zur Sphäre der Intellektualität fortgeschritten ist. Dies geschah durch eine neue Art der Eheschließung. Einst vollzogen sich die Heiraten innerhalb desselben Stammes oder derselben Sippschaft, was also lediglich eine Ausweitung der Familie darstellte. Manchmal vollzogen sie sich sogar zwischen Bruder und Schwester. Gegen die neuere Zeit hin empfanden die Menschen das Verlangen, ihre Frauen außerhalb der Sippschaft, des Stammes oder der bürgerlichen Gemeinschaft zu suchen. Die Fremde, die Unbekannte wurde die Geliebte. Die Liebe, einst eine natürliche und soziale Funktion, wurde persönlicher Wunsch und die Heirat freie Wahl. Das zeigt sich schon in gewissen griechischen Mythen, wie im Raub der Helena [a] und mehr noch in den skandinavischen und germanischen Mythen, wie der Siegfriedsage und dem Gudrunlied. Die Liebe wurde ein Abenteuer und die Frau eine Eroberung in der Ferne.
Dieser Übergang von der patriarchalischen zur freien Eheschließung entspricht nun der neuen Entwickelung der intellektuellen Fähigkeiten, des menschlichen Ich. Er vollzog sich zur gleichen Zeit wie die momentane Verdunkelung der astralen Fähigkeiten des Schauens und des direkten Lesens in der astralen und geistigen Welt.
Hier geschieht nun der Einschlag des Christentums. Die menschliche Verbrüderung und die Verehrung des Einen Gottes sind ohne Zweifel wesentliche Züge des Christentums, aber sie bilden doch nur seine äußerliche und soziale, aber nicht seine innerliche und spirituelle Gestalt. Die neue Errungenschaft des Christentums auf dem Gebiet der Mystik, der Innerlichkeit und des Übersinnlichen besteht darin, daß es die vergeistigte Liebe geschaffen hat, das Ferment, das den Menschen von innen her verwandelt, den Sauerteig, der die Welt emporhebt. Der Christus ist gekommen, um zu sagen: Wenn du nicht verlässest deine Mutter, dein Weib und alle leibliche Bindung, kannst du nicht mein Jünger sein [Mt.10,37 et al.]. - Das bedeutet nicht die Aufhebung aller natürlichen Bande, aber die Ausdehnung der Liebe außerhalb der Familie auf alle Menschen, ihre Verwandlung in eine lebendige und schöpferische Kraft, in eine Kraft der Umwandlung.
Diese Liebe, welche die Rosenkreuzer zum Prinzip ihrer okkulten Bruderschaft gemacht hatten, die aber ihre Zeit nicht begreifen konnte, ist dazu bestimmt, den Grundgehalt der Religion, des Kultus, ja sogar der Wissenschaft zu verändern.
Paris, 25.Mai 1906/VE
aus «GA 94»; S.20f
[a] oder, römisch, im Raub der Sabinierinnen
Die Ehe ist ein Dualismus. Alles in der Welt sucht unsere Zeit zu Unrecht auf das Sexuelle zurückzuführen. In das Gebiet der Ehe spielt ein großer Weltengegensatz hinein: Der Mann hat einen weiblichen Ätherleib und die Frau einen männlichen Ätherleib. Der Geist, das Seelische beim Mann ist mehr weiblich, und umgekehrt. Unsere Seele strebt zu dem Höchsten. Der Mann wird daher dieses Höchste vergleichen mit dem Weiblichen, weil seine Seele weiblich ist. Das äußere, der Leib, wird nur das äußere Symbol, ist nur ein Gleichnis. «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.» «Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.»
Fragenbeantwortung in Stuttgart, 2.Sep.1906/S0
aus «GA 95»; S.149
Wie steht es mit dem Zeitpunkt, in dem gerade jene kurze Rekapitulation der ganzen Geschichte des hebräischen Volkes in der Persönlichkeit des Jesus stattfinden sollte? Was ist das für ein Zeitpunkt in der Geschichte? Dazu nehme man folgende Entwickelungstatsachen zusammen, die ich nun seit Jahren in Ihrer Vorstellungswelt vorzubereiten versucht habe. Nehmen Sie das zusammen: Die Menschheit ging aus von einer uralten Entwickelung, in welcher alles das, was die Menschen zusammenband in Liebe, gebunden war an die Blutsbande. Das liebte sich, was durch Blutsbande verbunden war, und man heiratete nur in engen Blutsverbänden. Eine andere Liebe gab es in den alten Zeiten nicht. Deshalb war die Liebe gebunden an die Blutsverwandtschaft. Das wird genannt Nahehe; von der Nahehe ging die Menschheit aus. Immer mehr sind dann diese einzelnen Verbände in den verschiedensten Gegenden der Erde durcheinandergeworfen worden. Wir können bei allen Völkern verfolgen, wie es als besonderes Ereignis angesehen wird, wenn Männer und Frauen von einem in den andern Stamm hinein heiraten, wenn der Übergang eintritt zur Fernehe. In allen Mythen und Sagen, zum Beispiel im Gudrun-Liede, wird das als besonderes Ereignis charakterisiert. Das machte immer einen besonderen Eindruck. Während dieser Entwickelung der Menschheit sind zwei Strömungen tätig. In diesem Zusammenführen durch Blutsbande wirkte immer schon das göttlich-geistige Prinzip, das die Menschheit zusammenführen soll, das aus der ganzen Menschheit Eines machen soll. Ihm wirkte entgegen das luziferische Prinzip, das jeden einzelnen Menschen auf sich selbst stellen will, das den einzelnen Menschen so mächtig und groß machen will, als es möglich ist. Beide Prinzipien müssen da sein in der Menschennatur, beide Kräfte müssen in der Menschenentwickelung wirken.
Berlin, 9.Nov.1909/MA
aus «GA 117»; S.50f
Aus allen diesen Gründen muß ich Ihnen, verehrter Herr Baron, über Ihren Haupt-Fragepunkt und zugleich zu dem vierten Punkt meine Meinung dahin aussprechen, daß die «Form der Ehe», wie sie sich bei den gesitteten Völkern des Abendlandes herausgebildet hat, durch ihr eigenes Wesen niemals zu irgendeinem Kulturrückgang, auch zu keinem solchen in ethischer, ästhetischer oder in rassenhygienischer Beziehung beitragen könnte; ein solcher müßte von ganz anderen Dingen, z.B. Fragen der Weltanschauung, der inneren Seelenharmonie usw. herrühren. Es könnte sich in der Ehe äußern, aber niemals durch die «Form der Ehe» bewirkt sein.
Brief aus Berlin, Feb.1913
aus «Briefe II»; S.453