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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zum
DRANG nach DASEIN
[1] In der indischen Esoterik unterscheidet man zwölf Kräfte, die den Menschen wieder ins physische Dasein ziehen: Dies erste dieser Kräfte ist: Avidya = Unwissenheit. Avidya ist, was uns in das physische Dasein wieder hineinzieht, aus dem einfachen Grunde, weil wir erst dann unsere Mission auf der Erde erfüllt haben, wenn wir alles Wissen herausgezogen haben. Wir haben unsere irdische Mission dagegen nicht vollendet, solange wir noch nicht alles wissen, was wir als Wissen aus dem physischen Dasein herausziehen sollen.
[2] Nach Avidya ist das nächste, was uns zurückzieht, alles, was auf der Erde dadurch enthalten ist, daß wir es selbst gemacht haben und deshalb zu unserer Organisation gehört. Wenn ein Maurer zum Beispiel hier an einem Dom gebaut hat, ist das ein Teil seiner selbst geworden. Die zwei Dinge ziehen sich dann gegenseitig an. Was eine organisierende Tendenz für den Urheber hat, das Werk Leonardo da Vincis ebensogut wie das kleinste Werk hier, bildet ein Organ im Menschen, und daher kommt er wieder zurück. Dies alles zusammen, was der Mensch getan hat, nennt man Sanskara oder organisierende Tendenzen, die den Menschen aufbauen. Das ist es, was ihn als zweites zurückzieht.
[3] Nun kommt das dritte. Bevor der Mensch in irgendeine Inkarnation eingetreten ist, hat er nichts gewußt von einer Außenwelt. Das Selbstbewußtsein hat erst mit der ersten Inkarnation angefangen; vorher war der Mensch nicht selbstbewußt. Er mußte erst die Außendinge auf dem physischen Plan wahrnehmen, ehe er das Selbstbewußtsein entwickeln konnte. So wahr den Menschen das, was er getan hat, zurückzieht auf den physischen Plan, so wahr zieht ihn auch das Wissen von den Dingen zurück. Das Bewußtsein ist eine neue Kraft, die ihn an das bindet, was hier ist. Das ist das dritte, was den Menschen hineinzieht in ein neues Erdenleben. Dieses dritte heißt: Vijnana = Bewußtsein.
[4] Bis dahin sind wir noch sehr intim innerhalb der Menschenseele geblieben. Als viertes tritt nun auf, was dem Bewußtsein von außen entgegentritt, was ohne den Menschen zwar da war, was er aber erst mit seinem Bewußtsein kennengelernt hat. Dies war ohne sein früheres Dasein da, schließt sich aber erst auf, nachdem sein Bewußtsein es aufgeschlossen hat. Erst die Trennung zwischen Subjekt und Objekt, oder wie der Sanskritist sagt, die Trennung zwischen Name und Form = Namarupa. Dadurch ist der Mensch beim äußeren Objekt angelangt. Das zieht ihn als viertes zurück, zum Beispiel die Erinnerung an ein Wesen, an das er sich geheftet hat.
[5] Das nächste ist, was wir am äußeren Objekt als Vorstellung bilden; zum Beispiel das Bild eines Hundes ist die bloße Vorstellung, die dem Maler aber das Wesentliche ist. Es ist alles, was der Verstand aus der Sache macht: Shadayadana.
[6] Nun geht es noch weiter herunter in das Irdische. Die Vorstellung führt uns zu dem, was wir die Berührung mit dem Dasein nennen = Sparsha. Wer am Objekt hängt, steht auf der Stufe von Namarupa. Wer sich Bilder macht, steht auf der Stufe von Shadayadana. Wer aber unterscheidet zwischen Sympathischem und Unsympathischem, der wird zu dem Schönen lieber kommen als zu dem Unschönen. Dies nennt man die Berührung mit dem Dasein = Sparsha.
[7] Etwas anderes als diese Berührung mit der Außenwelt ist aber noch das, was sich dabei im Inneren regt als das innere Gefühl. Jetzt trete ich selbst in Aktion, verbinde mein Gefühl mit der einen oder anderen Sache. Das ist ein neues Element. Es zieht den Menschen weiter hinein, man nennt es Vedana = das Gefühl.
[8] Durch Vedana entsteht nun wiederum etwas ganz Neues, nämlich der Durst nach Dasein. Die Kräfte, die den Menschen ins Dasein zurückziehen, erwachen immer mehr in ihm selbst. Die oberen Kräfte zwingen mehr oder weniger alle Menschen, sie sind nicht individuell. Zuletzt aber kommen ganz persönliche Kräfte, die ihn wieder in das Irdische hineinziehen. Das ist das achte: Trishna = Durst nach Dasein.
[9] Noch subjektiver als der Durst nach Dasein ist etwas, das man nennt: Upadana = Behagen im Dasein. Bei Upadana hat der Mensch etwas mit dem Tier gemeinsam, er empfindet es nur etwas geistiger, und die Aufgabe des Menschen ist es, dieses grobe Seelenelement zu vergeistigen.
[10] Dann kommt das individuelle Dasein selbst, die ganze frühere Inkarnation, wenn er schon einmal da war: Bhava = das individuelle Dasein, die Kraft der ganzen Totalität der vorherigen Inkarnation. Die vorherige Inkarnation zieht ihn hinein in das Dasein.
[11] Damit haben wir eigentlich die Stufen der Nidanas bis zu der Stufe der individuellen Geburt zurückgeführt. Der Esoteriker unterscheidet nun noch zwei Stufen, die über die Zeit des individuellen Daseins hinausgehen. Er unterscheidet da ein Vorstadium, das zur Geburt gedrängt hat, bevor der Mensch jemals inkarniert war. Dies nennt man: Jati = was vor der Geburt zur Geburt gedrängt hat.
[12] Mit dem in die Geburt Gedrängtwerden ist zugleich etwas anderes verbunden. Tatsächlich wird uns mit der Geburt schon der Keim des Verfalls mitgegeben, das Streben, aus der individuellen Geburt wieder herauszukommen. Wir sind interessiert daran, daß dieses unser Erdendasein wieder zerfällt und wir befreit werden, alt werden und sterben können = Jaramarana. Das sind die zwölf Nidanas, die wie Stricke wirken und uns immer wieder ins Dasein zurückziehen. (Nidana bedeutet ja Strick, Schlinge.) Es sind drei Gruppen, die zusammengehören:
[13]
erste Gruppe

zweite Gruppe

dritte Gruppe
Avidya
Sanskara
Vijnana
Namarupa
Shadayadana
Sparsha
Vedana
Trishna
Upadana
Bhava
Jati
Jaramarana
[14] Die Seele hat drei Glieder: Die Bewußtseinsseele als höchstes Glied, dann die Verstandesseele und die Empfindungsseele. Die erste Gruppe der Nidanas von Avidya bis Namarupa haftet an der Bewußtseinsseele; die zweite Gruppe haftet an der Verstandesseele, und die dritte von Upadana bis Jaramarana haftet an der Empfindungsseele.
[15] Vijnana ist das Charakteristische für die Bewußtseinsseele; Shadayadana für die Verstandesseele, und die letzteren vier sind verbunden mit der Empfindungsseele. Diese letzteren vier sind beim Tier ebenso vorhanden wie beim Menschen.
Berlin, 10.Okt.1905/MA
aus «GA 93a»; S.118ff
[vgl. mit dem „Mahanidana Sutta”]