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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zur
MANICHÄISCHEN ANSCHAUUNG
Der tiefe Gedanke, der darin liegt, ist der, daß von seiten des Lichtreiches das Reich der Finsternis überwunden werden soll nicht durch Strafe, sondern durch Milde; nicht durch Widerstreben dem Bösen, sondern durch Vermischung mit dem Bösen, um das Böse als solches zu erlösen. Dadurch, daß ein Teil des Lichtes hineingeht in das Böse, wird das Böse selbst überwunden.
Dem liegt die Auffassung vom Bösen zugrunde, die ich oftmals als die theosophische auseinandergesetzt habe. Was ist das Böse? Es ist nichts anderes als ein unzeitgemäßes Gutes. Um ein Beispiel anzuführen, das von mir schon öfters angeführt wurde: Nehmen wir an, daß wir es mit einem ausgezeichneten Klavierspieler und einem ausgezeichneten Klaviertechniker zu tun haben, die beide vollkommen sind in ihrer Art. Zuerst muß der Techniker das Instrument bauen und es dann abgeben an den Spieler. Wenn dieser ein guter Spieler ist, wird er es in entsprechender Weise benützen und so sind beide gleichsam das Gute. Wenn aber nun der Techniker anstelle des Spielers in den Konzertsaal gehen und da herumhämmern wollte, dann wäre er am unrechten Ort. Das Gute würde so zum Bösen. So sehen wir, daß das Böse nichts anderes ist als das Gute am unrechten Ort.
Wenn das, was in irgendeiner Zeit außerordentlich gut ist, sich weiter erhalten, starr werden wollte und nun das schon Fortgeschrittene beeinträchtigen würde in seinem Gange, so wird es jetzt zweifellos ein Böses, weil es dem Guten widerstreben würde. Nehmen wir an, die leitenden Kräfte der Mondenepoche, der lunarischen Epoche, wenn sie dort vollkommen waren in ihrer Art und ihre Tätigkeit abschließen müssen, würden sich noch länger in die Entwickelung mischen. Dann müßten sie in der irdischen Entwickelung das Böse darstellen. So ist das Böse nichts anderes als das Göttliche, denn in der anderen Zeit war das, was zur Unzeit das Böse ist, der Ausdruck des Vollkommenen, des Göttlichen.
In diesem tiefen Sinne haben wir die manichäische Anschauung aufzufassen, daß das Gute und Böse im Grunde genommen von derselben Art, im Grunde genommen gleich in ihrem Anfang und gleich in ihrem Ende sind. Wenn Sie diese Anschauung so auffassen, werden Sie verstehen, was eigentlich der Mani anregen wollte.
Berlin, 11.Nov.1904/VE
aus «GA 93»; S.71f