zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 1
Zitate von Rudolf STEINER zu
PROMETHEUS und EPIMETHEUS
So sehen Sie, daß der Mensch sich seine Freiheit dadurch erkauft hat, daß sich seine Natur verschlechterte, weil er mit der Inkarnierung wartete, bis seine Natur heruntergestiegen ist in die dichteren physiologischen Zustände. In der griechischen Mythologie hat sich ein tiefes Bewußtsein von diesem Tatbestand erhalten. Wäre der Mensch schon früher zur Inkarnation gekommen - das sagt der Mythos der Griechen -, dann wäre das eingetreten, was Zeus [Ζεύς] wollte, als sich die Menschen noch im «Paradiese» befanden: Er wollte sie glücklich machen, aber als unbewußte Wesen. Das klare Bewußtsein hätte dann einzig bei den Göttern gelegen und der Mensch wäre ohne das Gefühl der Freiheit geblieben. Die Auflehnung des Luzifergeistes, des Devageistes in der Menschheit, der heruntersteigen wollte, um sich aus der Freiheit heraus selbst emporzuentwickeln, ist symbolisiert in der Sage von Prometheus [Προμηϑεύς]. Er aber muß für sein Bestreben büßen dadurch, daß fortwährend ein Adler - als Symbol der Begierde - an seiner Leber nagt und ihm dadurch die furchtbarsten Schmerzen verursacht.
Berlin, 23.Mai 1904/MO
aus «GA 93»; S.27
Prometheus gehört der griechischen Sagenwelt an. Er und sein Bruder Epimetheus [Ἐπιμηϑεύς] sind die Söhne eines Titanen [ὁ τιτάν], Japetos [Ἰαπετός]. Und die Titanen selbst sind die Söhne der ältesten griechischen Gottheit, von Uranos [Οὐρανός] und seiner Gemahlin, der Gaia [Γαῖα]. Uranos würde, ins Deutsche übersetzt, bedeuten «der Himmel» und Gaia «die Erde». Ich bemerke noch ausdrücklich, daß Uranos im Griechischen dasselbe ist wie Varuna im Indischen. Ein Titan also, ein Nachkomme der Söhne des Uranos und der Gaia, ist Prometheus und ebenso sein Bruder Epimetheus. Der jüngste der Titanen, Kronos [Κρόνος], die Zeit [eigentl. Saturn], hat seinen Vater Uranos entthront und sich selbst der Herrschaft bemächtigt. Dafür wurde er wiederum von seinem Sohne Zeus entthront und mit allen Titanen in den Tartaros [ὁ τάρτᾶρος], den Abgrund oder die Unterwelt verstoßen. Nur der Titan Prometheus und sein Bruder Epimetheus hielten zu Zeus. Sie standen damals auf der Seite des Zeus und kämpften gegen die anderen Titanen.
Nun wollte Zeus aber auch das Menschengeschlecht, das übermütig geworden war, vertilgen. Da machte sich Prometheus zum Anwalt des Menschengeschlechts. Er sann darauf, wie er dem Menschengeschlecht etwas geben könne, womit es sich selbst retten könne und nicht mehr bloß angewiesen sei auf die Hilfe des Zeus. So wird uns erzählt, daß Prometheus den Menschen den Gebrauch der Schrift und der Künste gelehrt habe, namentlich aber den Gebrauch des Feuers [τό πῦρ]. Dadurch aber hat er den Zorn des Zeus auf sich geladen. Er wurde wegen dieses Zornes des Zeus an den Kaukasus angeschmiedet und mußte dort lange Zeit große Qual erdulden.
Es wird uns ferner noch erzählt, daß nunmehr die Götter, Zeus an der Spitze, den Hephaistos [Ἥφαιστος], den Gott der Schmiedekunst, veranlaßt haben, eine weibliche Bildsäule zu verfertigen. Diese weibliche Bildsäule war mit allen Eigenschaften ausgestattet, welche die äußere Dekoration des Menschengeschlechts der fünften Wurzelrasse sind. Diese weibliche Bildsäule war die Pandora [Πανδὡρα]. Pandora wurde veranlaßt, Gaben an die Menschheit heranzubringen, zunächst an den Bruder des Prometheus, an den Epimetheus. Zwar warnte Prometheus den Bruder, diese Gaben anzunehmen; dieser ließ sich aber dennoch bereden und nahm die Gaben der Götter an. Es wurde alles auf die Menschheit ausgeschüttet, nur eines wurde zurückbehalten: die Hoffnung [ἡ ἑλπίς]. Diese Gaben sind zum größten Teile Plagen und Leiden für die Menschheit; nur die Hoffnung wurde in der Büchse der Pandora zurückbehalten.
Prometheus wird also angeschmiedet am Kaukasus, und an seiner Leber nagt fortwährend ein Geier. Hier duldet er. Er weiß aber etwas, was eine Bürgschaft für seine Rettung ist. Er weiß ein Geheimnis, das selbst Zeus nicht weiß, das dieser aber wissen will. Er verrät es indessen nicht, trotzdem Zeus den Götterboten Hermes [Ἡρμῆς] zu ihm schickt.
Nun wird uns im Laufe der Sage seine merkwürdige Befreiung erzählt. Es wird erzählt, daß Prometheus nur befreit werden kann durch das Eingreifen eines Eingeweihten, eines Initiierten. Und ein solcher Initiierter war der Grieche Herakles [Ἡρακλῆς]; Herakles, der die zwölf Arbeiten verrichtet hat. Die Verrichtung dieser zwölf Arbeiten ist die Leistung eines Initiierten. Es sind die zwölf Initiationsprüfungen, symbolisch ausgedrückt. Außerdem wird von Herakles gesagt, daß er sich in die Eleusinischen Mysterien habe einweihen lassen. Er vermag Prometheus zu retten. Es mußte sich aber noch jemand opfern, und es opferte sich für Prometheus der Kentaur Chiron. Der litt da schon an einer unheilbaren Krankheit. Er war halb Tier, halb Mensch. Er erleidet den Tod und Prometheus wurde dadurch gerettet. Das ist die äußere Struktur der Prometheussage.
In dieser Sage liegt die ganze Geschichte der fünften Wurzelrasse, und es ist in ihr wirkliche Mysterienwahrheit eingeschlossen. Diese Sage wurde in Griechenland wirklich als Sage erzählt. Aber auch in den Mysterien wurde sie wirklich dargestellt, so daß der Mysterienschüler das Schicksal des Prometheus vor sich sah. Und in diesem sollte er die Vergangenheit und Zukunft der ganzen fünften Wurzelrasse sehen. [...]
Berlin, 7.Okt.1904/VE
aus «GA 93»; S.48f
Immer ist es die Mythe, die Sage, die tiefer, weisheitsvoller ist als unsere scheinbar so fortgeschrittene Wissenschaft. Der Zug aus dem menschlichen Leben, der jetzt eben erwähnt worden ist, drückt sich in großartiger Weise aus im Prometheus-Mythos. Indem gesagt wird, daß Prometheus den Menschen das Feuer vom Himmel gebracht hat, wird damit ausgedrückt, daß Prometheus an jenem Prozeß beteiligt ist, der in der Atmung sich ausdrückt und der den Menschen immer höher führt. Aber zu gleicher Zeit wird in wunderbarer Weise ausgeführt: Weil Prometheus sich erhebt über die Kräfte, welche die Menschen an das Irdische fesseln, und sich dadurch in einen Gegensatz setzt zu der irdischen Kraft, und weil er derjenige ist, der den Menschen zuerst die Möglichkeit gegeben hat, diese Kraft des Feuers zu haben, darum muß er dafür leiden. Das Leiden wird wunderbar dargestellt als die Tatsache, die dieser Mythe zugrunde liegt: ein Geier frißt dem gefesselten Prometheus an der Leber! Wie könnte man schöner und weisheitsvoller darstellen, daß die Kräfte, die mit dem Atmungsprozeß in uns einströmen, an der Leber nagen, und daß derjenige, der das vorausleistet, was von der Menschheit in einer fernen Zukunft geleistet wird, wie ein Gekreuzigter dasteht, wie das, was sich herniedersenkt, was aus der Luft kommt, an der Leber frißt!
Berlin, 6.Jän.1908/MO
aus «GA 102»; S.28f
[...] Wir sitzen mit unserer Seele gründlicher im Physischen fest als der Grieche, der das vorausahnte, und der gerade solche großen Ahnungen in seiner Mythologie wunderbar zum Ausdruck brachte. Unseren modernen Menschen sah der Grieche voraus. Aber er sah ihn als den an den Felsen des Knochensystems, an das Ahrimanische geschmiedeten Prometheus. Er sah ihn imaginativ voraus. Und das, was in das Ahrimanische hineinsausen will, das will uns noch stärker und immer stärker an den Felsen der Verknöcherung schmieden.
Stuttgart, 9.Jun.1919/MO
aus «GA 192»; S.179f