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Zitatensammlung
Teil 1
Zitate von Rudolf STEINER zur
WEISHEIT
Im einzelnen Individuum muß die Kraft sein, welche die Sinne bildet. Im Embryonalleben muß das Licht wirksam sein, muß der Ton wirksam sein. Sie müssen im Embryonalleben im Individuum selbst arbeiten und die Organe bilden. Das Licht schließt das Auge von innen auf, der Ton das Ohr. Die äußeren Qualitäten nehmen wir erst wahr durch die Sinne. Diese äußeren Qualitäten haben die Sinne auch gebildet. Sie sind die Baumeister der eigenen Organe. Wir sind selbst Licht vom Weltenlichte; wir sind Ton vom Weltenton.
Der Mystiker lebt sich ein in das, was um ihn und in ihm lebt und webt. Das schaffende Licht, das draußen wirkt und innen schafft, empfindet er. Er ist selbst leuchtend und tönend in einer leuchtenden und tönenden Welt. Wenn er im schöpferischen Lichte lebt, im schöpferischen Ton lebt, dann hat er mystisches Leben. Dann überkommt den Menschen etwas, was anders ist als das Licht von außen und der Ton von außen. Wer das einmal erfahren hat, der empfindet es als Wahrheit. Von dem schaffenden Lichte sprechen die Gnostiker, die ägyptischen Mystiker, die Mystiker des Mittelalters. Sie nennen es das Äonenlicht. Es ist ein Licht, welches vom Mystiker aus die Gegenstände um ihn her zu lebendigem Leben erweckt. Das ist das Pleroma [το πλήρωμα] der Gnostiker. So fühlt sich der Mystiker in dem Weltenlicht beseligt. Er fühlt sich beseligt verwebt mit diesem Äonenlicht. Da ist er nicht getrennt von der Wesenheit der Dinge; da ist er teilhaftig der unmittelbaren Schöpferkraft. Das ist, was der Mystiker als seine Beseligung in dem schöpferischen Lichte bezeichnet. Die Vedantaweisheit bezeichnet die Weltenweisheit als Chit, aber die Beseligung, wo der Mystiker untertaucht in die Dinge, wo die Seele ganz mit den Dingen verschmilzt, bezeichnet die Vedantalehre als Anânda. Chit ist Weltenweisheit, Anânda die Weisheit, die unmittelbar mit dem Äonenlicht verschmilzt, die eins sich fühlt mit dem die Welt durchleuchtenden All-Licht. Diese Stimmung bezeichnet der Kusaner als «Docta ignorantia».
So wie der Mensch die Erfahrung machen kann, daß er verschmilzt mit dem Äonenlichte zu dem Pleroma, so kann er auch verschmelzen mit dem kosmischen Weltgedanken. Dann fühlt er die Weltgedanken in seinem eigenen Innern auftönen. Wenn der Mensch gewahr wird den Gedanken, der das Gesetz zum Dasein bringt in den Dingen, und dies als eigenes Gesetz in sich aufquillen fühlt, dann tönen die Dinge in ihrem eigenen Wesen in seiner Seele wider, daß er intim mit den Dingen wird, wie der Freund mit dem Freunde [nach Lull] intim wird. Dieses Wahrnehmen der ganzen Welt bezeichneten die Pythagoräer als Sphärenharmonie. Das ist das Widerklingen des Wesens der Dinge in der eigenen Seele des Menschen. Da fühlt er sich vereinigt mit der Gotteskraft. Das ist das Hören der Sphärenharmonie, des schaffenden Weltgesetzes; das ist das Verwobensein mit dem Sein der Dinge, das ist das, wo die Dinge selbst reden, und die Dinge sprechen durch die Sprache seiner Seele aus ihm selbst heraus. Dann hat er erreicht, wovon der Kusaner sagt, daß keine Worte fähig sind, dies auszudrücken.
Das Seiende ist das Gesehene. Das drückt nicht die erhabene Existenz aus, welche als Prädikat den Dingen zukommt, wenn der Mystiker sich in der tiefsten Weise mit den Dingen vereinigt. Diese erhabene Existenz ist das Sat der Inder.
Berlin, 12.Nov.1904/SA
aus «GA 51»; S.213ff
Das zweite in der menschlichen Natur und im Weltenall ist: Weisheit. Ebenso wie Karma etwas Unausgeglichenes ist, hat Weisheit etwas von Ruhe, Ausgeglichenheit. Darum nennt man sie auch Rhythmus. Alle Weisheit ist der Form nach Rhythmus. Im Astralkörper ist vielleicht viel Sympathie, dann ist viel Grünes in der Aura. Dieses Grün wurde einmal als Gegenfarbe herausgefordert. Dem Grünen entsprach ursprünglich ein Rot, ein selbstsüchtiger Instinkt. Das hat sich durch Tätigkeit, Karma, in Grün verwandelt. In der Weisheit, im Rhythmus ist alles fertig, ausgeglichen. Im Menschen ist alles Rhythmische, Weisheitsvolle im Ätherkörper. Der Ätherkörper ist daher das am Menschen, was die Weisheit repräsentiert. Im Ätherkörper herrscht Ruhe, Rhythmus.
Berlin, 27.Sep.1905/ME
aus «GA 93a»; S.23
Einem solchen Anschauen drängt sich unmittelbar etwas auf wie Werden in die Zukunft und wie Absterben in die Zukunft hinein. Sprossendes Leben und Verwesung, Absterben, das sind die zwei Dinge, die sich ineinanderschieben gegenüber allem, wenn wir zu diesem Verbinden unseres Ätherleibes mit der Welt der Wirklichkeit kommen. Es ist dies etwas, was für den Menschen dann, wenn er ein wenig weiterkommt, eine schwere, schwere Prüfung bedeutet. Denn ein jegliches Wesen kündigt sich ihm so an, daß er immer gewissen Dingen gegenüber an dem Wesen das Gefühl des Werdens, des Sprossens, Sprießens hat; anderen Dingen gegenüber an diesem Wesen hat er das Gefühl des Absterbens. Und aus diesen zwei Grundkräften kündigt sich alles das an, was wir hinter der Sinneswelt sehen. Man nennt im Okkultismus das, worauf man da schaut, die Welt des Entstehens und Vergehens. Gegenüber der Sinneswelt also schaut man hinein in die Welt des Entstehens und Vergehens, und das, was dahinter ist, ist die waltende Weisheit.
Hinter dem waltenden Willen die waltende Weisheit! Waltende Weisheit sage ich ausdrücklich, aus dem einfachen Grunde, weil die Weisheit, die der Mensch in seine Begriffe hereinbringt, gewöhnlich keine waltende Weisheit ist, sondern eine gedachte Weisheit. Die Weisheit, welche sich der Mensch aneignet, indem er hinter den waltenden Willen schaut, die steht mit den Dingen in Verbindung, und im Reiche der Dinge herrscht da, wo Weisheit waltet, die waltende Weisheit, die ihre Wirkungen wirklich äußert, die wirklich da ist. Da, wo sie sich sozusagen abzieht von der Wirklichkeit, da entsteht das Sterben; wo sie einfließt, da entsteht Werden, da ist Entstehung, sprießendes, sprossendes Leben. Sehen Sie, die Welt, auf die wir hier schauen und die wir sozusagen als die zweite charakterisieren können, wir können sie begrenzen und können sagen: Wir schauen zunächst auf die Sinneswelt als auf die Welt A und auf die der waltenden Weisheit als B, die hinter der Sinneswelt ist. Aus dieser ist die Substanz unseres eigenen Ätherleibes genommen. Das, was wir da draußen nämlich sehen als waltende Weisheit, das erblicken wir in unserem eigenen Ätherleib. Und in unserem eigenen physischen Leib erblicken wir nicht das bloß, was der Sinnesschein ist, sondern auch waltenden Willen, weil wir überall in unserer Sinneswelt waltenden Willen sehen.
Hannover, 28.Dez.1911/JU
aus «GA 134»; S.39f
[...] Kein Evangelium hat so fortgewirkt wie das Lukas-Evangelium in seiner holdseligen Stimmung und Strömung, indem es der Menschenseele die Jesus-Wesenheit intim gemacht hat. Und doch, alles ist drinnen in dieser kindlichen Darstellung, alles, was drinnen sein soll in einem gewissen Aspekt des Christus-Impulses: daß das Höchste in der Welt, in der ganzen Welt, die Liebe ist; daß die Weisheit Großes ist, erstrebenswert ist, daß ohne Weisheit die Wesen nicht bestehen können, daß die Liebe aber etwas Größeres ist; daß die Macht und die Kraft, durch welche die Welt gezimmert ist, etwas Großes ist, ohne das die Welt nicht bestehen kann, daß die Liebe aber etwas Größeres ist. Derjenige fühlt nur den Christus-Impuls richtig, der auch das Höhere der Liebe gegenüber der Macht und der Stärke und der Weisheit fühlen kann. Weisheit müssen wir erstreben, vor allem als menschliche Geistindividualitäten, denn Weisheit gehört zu den göttlichen Impulsen der Welt. Und daß wir Weisheit erstreben müssen, daß Weisheit das heilige Gut sein muß, das uns vorwärtsbringt, das sollte ja gerade in der ersten Szene der «Prüfung der Seele» dargestellt werden, daß wir die Weisheit nicht versiegen lassen dürfen, daß wir sie pflegen müssen, um auf der Leiter der Menschheitsentwickelung durch die Weisheit aufzusteigen. Aber überall, wo Weisheit ist, da ist ein Zweifaches: Weisheit der Götter, Weisheit der luziferischen Gewalten. Nahe kommt das Wesen, das nach Weisheit strebt, unter allen Bedingungen auch den Gegnern der Götter, der Schar des Lichtträgers, der Schar des Luzifer. Daher gibt es keine göttliche Allweisheit, weil der Weisheit immer gegenübersteht ein Opponent: der Luzifer.
Und die Macht und die Kraft! Durch die Weisheit wird die Welt begriffen, durch die Weisheit wird sie erschaut, wird sie erleuchtet; durch die Macht und die Kraft wird die Welt gezimmert. Alles, was zustande kommt, es kommt zustande durch die Macht und die Kraft, welche in den Wesen ist, und wir würden uns ausschließen von der Welt, wenn wir nicht unseren Anteil suchten an der Macht und der Kraft der Welt. Wir sehen diese Macht und Kraft der Welt, wenn der Blitz durch die Wolken zuckt, wir nehmen sie wahr, wenn der Donner rollt, wenn der Regen sich aus den Himmelsräumen herunterergießt auf die Erde, um sie zu befruchten, oder wenn die Sonnenstrahlen niederschießen, um die in der Erde schlummernden Pflanzenkeime hervorzuzaubern. In den Naturkräften, die auf die Erde niederwirken, sehen wir diese Macht und Kraft heilbringend als Sonnenschein, als Regen- und Wolkenkräfte; aber auf der anderen Seite sehen wir diese Macht und Kraft zum Beispiel in den Vulkanen, wie gegen die Erde selbst sich erhebend: Himmelskraft gegen Himmelskraft. Und wir schauen hinein in diese Welt, und wir wissen: Wenn wir selber Wesen des Weltalls sein wollen, so muß etwas von ihnen auch in uns wirken, wir müssen unseren Anteil an der Macht und der Kraft haben. Dadurch stehen wir in der Welt drinnen: die göttlichen und die ahrimanischen Gewalten durchleben und durchzucken uns. Die Allmacht ist nicht allmächtig, denn immer hat sie ihren Gegner Ahriman gegen sich.
Zwischen ihnen - zwischen der Macht und der Weisheit - steht die Liebe, und wir fühlen, wenn sie richtige Liebe ist, daß sie einzig und allein göttlich ist. Von Allmacht, Allstärke können wir reden wie von einem Ideal; aber ihr steht gegenüber Ahriman. Von Allweisheit kann man sprechen wie von einem Ideal; aber ihr gegenüber steht die Kraft des Luzifer. «All-Liebe» zu sagen, erscheint absurd, denn sie ist keiner Steigerung fähig, wenn wir sie richtig üben. Weisheit kann klein sein - sie kann vergrößert werden; Macht kann klein sein - sie kann vergrößert werden. Daher kann als Ideal gelten Allweisheit und Allmacht. Weltenliebe - wir fühlen, daß der Begriff der All-Liebe von ihr ausgeschlossen sein muß; denn Liebe ist etwas Einziges.
Berlin, 24.Dez.1912/MA
aus «GA 143»; S.224ff
Nach und nach empfindet man auch so gegenüber seinem eigenen Denken. Es ist ja vorhin gesagt worden: Man muß ein Mensch auf dem physischen Plane bleiben; man muß also neben dem, daß man den selbstgemachten Gedanken nicht allzuviel Wert beimißt, diese Gedanken doch machen, aber dieses Selbstdenken verwandelt sich jetzt auch, und zwar so, daß man es unter die eben charakterisierte Selbstkontrolle stellt. Bei einem Gedanken, von dem man sich sagen kann: du hast ihn gemacht und er ist angemessen der Weisheit, - bei diesem Gedanken entwickelt man ein Gefühl der Dankbarkeit gegenüber der Weisheit. Ein Gedanke, der aufsteigt als irrtümlicher, unschöner, unmoralischer Gedanke, der führt zu einem gewissen inneren Schamgefühl, und man bekommt die Empfindung: So kannst du noch sein; das ist noch möglich, daß du so viel Egoitat hast, um das zu denken gegenüber dem, was schon als Weisheit in dich eingezogen ist! - Das ist ungeheuer wichtig, eine solche Art von Selbstkontrolle in seinem Inneren zu fühlen. Diese Selbstkontrolle hat noch die Eigentümlichkeit, daß sie einem nie gegeben wird durch den kritischen Verstand, sondern immer auftritt im Fühlen, im Empfinden.
Achten wir wohl darauf, meine lieben Freunde: Derjenige, der nur gescheit ist, der nur Urteilskraft in bezug auf das äußere Leben hat, kritisch ist, der kann zu dem, um was es sich handelt, niemals kommen; denn das muß im Fühlen aufkommen. Wenn es im Gefühl auftaucht, wenn man dieses Gefühl sich errungen hat, so ist es ein Gefühl, das wie aus dem eigenen Innern aufsteigt; man identifiziert sich dann mit diesem Gefühl der Scham oder Dankbarkeit und man empfindet sein Selbst verbunden mit diesem Gefühl. Und wenn ich schematisch aufzeichnen sollte, was man da erlebt, so müßte ich sagen, daß es ist, wie wenn man Weisheit von oben einströmend, von oben also einem entgegenkommend fühlte, von vorne in das Haupt einströmend und dann einen von oben nach unten ausfüllend. Dagegen empfindet man, wie einem aus dem eigenen Leib entgegenströmt etwas von Scham, so daß man sich identifiziert mit diesen Gefühlen, und sich das, was als Weisheit da ist, anspricht als etwas, was von außen gegeben ist; und man empfindet in sich eine Region, wo sich begegnet das, was jetzt das Ich ist, dieses Gefühl, und die einströmende, einem geschenkte Weisheit.
Diese Region, wo die beiden zusammenkommen, die kann man innerlich erleben. Fühlt man dieses Zusammenkommen, so ist dieses das richtige innere Erleben der ätherischen Welt. Man erlebt, wie sich hereindrängen die Gedanken aus der äußeren ätherischen Welt - denn das ist die Weisheit, die aus der äußeren ätherischen Welt einem entgegenströmt, was da hereindrängt und empfunden wird durch die beiden Gefühle. Das ist die richtig empfundene ätherische Welt, - und wenn wir sie so empfinden, steigen wir auf zu den höheren Wesen, die nur bis zu einem Ätherleib herunterkommen und nicht bis zu einem physischen Menschenleib.
Den Haag, 24.Mär.1913/MO
aus «GA 145»; S.90ff
Das nämlich ist das Überraschende, daß es dem Menschen in der geistigen Welt nicht an Weisheit fehlt. Man kann ein Tor sein in der Sinneswelt, und die Weisheit strömt einem in der geistigen Welt nur so zu in ihrer Realität, wenn man einfach in diese geistige Welt hineinversetzt wird. Weisheit, dasjenige, was wir uns in der physischen Welt mit Mühe aneignen, was wir uns erarbeiten müssen von Tag zu Tag, wenn wir es haben wollen, das haben wir in der geistigen Welt so, wie wir in der physischen Welt um uns herum die Natur haben. Es ist immer da, und es ist in reichlichstem Maße da. Gewissermaßen können wir sagen: Je weniger Weisheit wir uns auf dem physischen Plan angeeignet haben, desto reichlicher strömt uns diese Weisheit auf dem geistigen Plane zu. Aber nun haben wir gegenüber dieser Weisheit auf dem geistigen Plane eine bestimmte Aufgabe.
Ich habe Ihnen in den letzten Tagen davon gesprochen, daß man auf dem geistigen Plane das Menschheitsideal, den Inhalt der Götterreligion vor sich hat, daß man sich dahin durcharbeiten muß. Das kann man nicht, wenn man nicht in die Lage kommt auf dem geistigen Plan, sein Wollen dort - also jetzt das Wollen, das fühlende Wollen, das wollende Fühlen -, Wollen und Fühlen so anzuwenden, daß man die Weisheit, die einem immer fort und fort zuströmt, die da ist wie die Erscheinungen der Natur in der physischen Welt, fortwährend vermindert, daß man fortwährend von ihr etwas wegnimmt. Man muß diese Fähigkeit haben, von der Weisheit, die dort einem entgegentritt, immer mehr und mehr wegzunehmen. Hier auf dem physischen Plan müssen wir immer weiser und weiser werden, dort müssen wir uns bemühen, unser Wollen, unser Fühlen so anzuwenden, daß wir von der Weisheit immer mehr und mehr wegnehmen, sie verdunkeln. Denn je weniger wir dort von der Weisheit wegnehmen können, desto weniger finden wir die Kräfte, um uns so mit diesen Kräften zu durchsetzen, daß wir uns als reale Wesen dem Menschheitsideale annähern. Dieses Annähern muß darin bestehen, daß wir immer mehr und mehr von der Weisheit wegnehmen. Was wir da wegnehmen, das können wir umwandeln in uns selber, so daß die umgewandelte Weisheit die Lebenskräfte sind, die uns zu dem Menschheitsideale hintreiben. Diese Lebenskräfte müssen wir uns in dieser Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt erwerben. Nur dadurch kommen wir in einer regelrechten Weise der neuen Verkörperung entgegen, daß wir die Weisheit, die uns reichlich zufließt, in Lebenskräfte umwandeln. Und wir müssen, wenn wir wieder auf der Erde ankommen, so viel Weisheit in Lebenskräfte umgewandelt haben, müssen so viel von Weisheit vermindert haben, daß wir genug Lebenskräfte haben, um die Vererbungssubstanz, die wir von Vater und Mutter bekommen, mit genügend organisierenden geistigen Lebenskräften zu durchdringen. Wir müssen also von der Weisheit immer mehr und mehr wegnehmen.
Wenn man einen rechten Materialisten, der dem Geiste gar keine Realität zuerkennt auf dem physischen Plane, nach dem Tode wieder auffindet, einen solchen Materialisten, der während seines Lebens gesagt hat: Das ist ja alles Torheit, was ihr da über den Geist sprecht, eure Weisheit ist die reinste Phantasterei, die weise ich ganz von mir, ich lasse gar nichts anderes gelten als die Beschreibung dessen, was äußere Natur ist -, bei einem solchen Menschen, wenn er nach dem Tode getroffen wird, sieht man so reichlich Weisheit zuströmen, daß er sich gar nicht retten kann. Von überallher strömt ihm der Geist zu. In demselben Maße, als er hier nicht geglaubt hat an den Geist, in demselben Maße ist er dort überall von Geist umflutet. Jetzt tritt an ihn die Aufgabe heran, diese Weisheit in Lebenskräfte umzuwandeln, so daß er eine physische Realität schaffen kann in der nächsten Inkarnation. Er soll das, was er Realität genannt hat, heraus erzeugen aus dieser Weisheit, er soll diese Weisheit vermindern. Sie will sich aber von ihm nicht vermindern lassen, sie bleibt wie sie ist. Er bekommt es nicht fertig, Realität daraus zu machen. Die ungeheure Strafe des Geistes steht vor ihm, daß er, während er hier auf dem physischen Plan nur auf Realität gebaut hat in seinem letzten Leben, während er den Geist ganz geleugnet hat, er sich sozusagen vor dem Geist nicht retten kann und er nichts von diesem Geiste realisieren kann. Er steht immer vor der Gefahr, daß er gar nicht in die physische Welt wiederum hereinkommen kann durch Kräfte, die er selbst erzeugt. Er lebt fortwährend in der Furcht: Der Geist wird mich hereindrängen in die physische Welt, und ich werde dann ein physisches Dasein haben, das alles das verleugnet, was ich im vorhergehenden Leben als das Richtige anerkannt habe. Ich werde mich hereinstoßen lassen müssen von dem Geist in die physische Realität, ich werde es nicht selbst zu einer Realität bringen.
Das ist allerdings etwas Frappierendes, aber die Sache ist so. Um sozusagen in dem Geiste zu ersticken nach dem Tode und keine Realität, wie man sie allein verehrt hat vor dem Tode, in ihm zu finden, dazu ist der Weg der, vor dem Tode ein rechter Materialist zu sein und den Geist abzuleugnen. Dann erstickt man oder ertrinkt man im Geiste.
Wien, 12.Apr.1914/SO
aus «GA 153»; S.125ff
Also, sobald wir im Sinne der Weisheit selber sprechen, das heißt, ein Wirkliches suchen, müssen da drüben Wesenheiten existieren, nicht bloß dasjenige, was man in abstracto mit Weisheit, Schönheit, Güte bezeichnet. Wenn man von Schönheit in der geistigen Welt spricht, dann kann man nicht sagen: Schönheit ist da als Maja, als Schein in der geistigen Welt. - Geradeso wie der physischen Welt Schönheit und Weisheit eingeprägt sind, indem wir zum Beispiel die weisheitsvolle Schönheit darstellen im Drama oder in andern Kunstwerken oder das Gute in Schönheit darstellen im Drama oder in andern Kunstwerken, wie das alles miteinander in Verbindung tritt, so wirkt Weisheit, Schönheit und Güte im Reich der Schönheit drüben jenseits der Schwelle. Aber wir dürfen dann nicht als Vorstellungen von ihnen sprechen, wir müssen das da drüben nicht so anwenden, wie wir es hier anwenden. Nehmen wir also an, es wollte jemand von drüben aus sprechen, und er wollte von drüben aus mit der Seelenkraft sprechen, die unserer Vorstellungskraft entspricht, so dürfte er nicht sagen: Weisheit, Schönheit, Stärke, denn das sind abstrakte Ideen, er müßte Wesenheiten anführen. Weisheit müßte als Wesenheit drüben auftreten.
In der Sprache der alten Mysterien hat man das, was ich jetzt ausführe, wohl gewußt, und man hat deshalb auch Benennungen eingeführt, die dies zum Ausdrucke bringen können, die nicht hindeuten auf bloße abstrakte Ideen, sondern auf Wesenhaftes. Ein Wesen müßte es sein drüben jenseits der Schwelle, was hier die Weisheit ist, ein Wesen. Sie werden, wenn Sie etwas nachdenken, leicht finden können, daß etwa ein Wesen, das wir bezeichnen als Gottschauer, als der Gottschauende, ein solches Wesen sein könnte, das da drüben der Weisheit entspricht: Gottschauer.
Ein Wesen, das der Schönheit entspricht, unserer abstrakten Idee der Schönheit für den physischen Plan, würde offenbaren müssen. Die Schönheit offenbart sich, sie ist der Schein, das Scheinende, dasjenige, was scheint. Im Augenblicke, wo man die Schwelle überschreitet, tritt dasjenige auf, was viel lebendiger ist als hier auf dem physischen Plan. Es ist nicht, wenn von dem Schönen die Rede ist, dem wesenhaft Schönen, von etwas so Stummem oder bloß in menschlichen, physischen Gehör- oder Sprachabstraktionen Lebendem die Rede, wie hier auf dem physischen Plan es ist. Es ist alles Offenbarung, lebendige Offenbarung. Und wenn Sie das, was ich jetzt sage, zusammennehmen mit dem schon früher Gesagten, so werden Sie begreifen, daß die alten Mysterien ein Wort geprägt haben für das, was da drüben jenseits der Schwelle der Schönheit entspricht, das man bezeichnen kann als Gottverkündigung. Gottes Wort, Gott-Aussager etwa, Gottverkünder. Wort Gottes könnte man auch sagen.
Ebenso muß ein Wesen da sein für das Wollen: der Gottwollende. Nicht das Abstrakte, wie wir es in unserer Seele haben als Wollen, sondern ein Wesen muß jenseits der Schwelle sein für den Willen. Gottwoller - wenn wir das Wort bilden dürfen. Warum sollten denn durchaus nur solche Worte gebildet werden, die schon gang und gäbe sind, da wir doch in Reiche eintreten, für die Worte gar nicht geprägt sind! Gottwoller gewissermaßen. Gott hat in sich - wenn wir Gott als Sammelnamen nehmen für die geistigen Wesenheiten der höheren Hierarchien - nicht nur ein Wollen, wie wir in unseren Seelen, sondern einen Woller: das ist wesenhaft. Was bei uns nur die drei Seelenkräfte: Vorstellen, Fühlen, Wollen sind, sind Wesen bei Gott, sind: der Gottschauer, der Gottverkünder, der Gottwoller. Und wenn man - Sie wissen ja, ich habe das öfter bei andern Gelegenheiten erwähnt, was mit Übersetzungen alles geschehen ist im Laufe der Zeiten -, wenn man die alten hebräischen Ausdrücke nimmt, so entsprechen sie vollständig den Worten, die ich versuchte, hier zu prägen. Gewiß, Sie werden in keinem hebräischen Lexikon die Übersetzung dieser Worte so finden, aber wenn man sich einlebt in das, was gemeint war, so müßte man die alten hebräischen Worte mit diesen Worten heute eigentlich übersetzen, und zwar so, daß Gottschauer ganz dasselbe in unserer Sprache bedeutet wie Michael [מיכאל]; Gottverkünder ganz dasselbe bedeutet wie Gabriel [גבריאל]; Gottwoller ganz dasselbe bedeutet wie Raphael [רפאל]. Während wir in der physischen Welt wirken durch unsere drei Seelenkräfte, wirken die Wesen der höheren Hierarchien durch Wesenheiten selber. Indem wir wirken durch Vorstellen, Fühlen, Wollen, wirkt ein Gott durch Michael, Gabriel und Raphael. Und das bedeutet für einen Gott dasselbe: Ich wirke durch Michael, Gabriel, Raphael - was für unsere Seele bedeutet: Ich wirke durch Denken, Fühlen und Wollen. Diese Übersetzung: Ich wirke durch Denken, Fühlen und Wollen - in: Ich wirke durch Michael, Gabriel, Raphael, ist einfach die Übersetzung aus der Sprache der Menschen in die Sprache, die gesprochen werden sollte - wenn man die wirkliche Sprache, die dort herrscht, spricht - jenseits der Schwelle zur geistigen Welt. Wenn Sie sich einlassen auf manche Darstellungen der Bibel, so werden Sie übrigens überall fühlen können - wenn Sie einigermaßen sachgemäß fühlen und nicht so fühlen, wie es der heutigen Interpretation der Bibel, die eine Mißinterpretation in vieler Beziehung ist, entspricht -, Sie werden fühlen können, wie wirklich für Michael, Gabriel und Raphael dies hier gedacht werden muß.
Dornach, 19.Aug.1916/SA
aus «GA 272»; S.201ff
Um was es sich handelt für die Zukunft, das ist nicht, daß es im äußeren Leben bequemer hergehen wird. Die Menschheit wird schon noch größere Unbequemlichkeiten, als diejenigen, die sie sich heute träumen läßt, mit dem Reste der Erdenentwickelung auf sich nehmen müssen. Aber sie wird sie auf sich nehmen, weil sie durch innere Seelenkämpfe - jeder einzelne in seiner Persönlichkeit - gestärkt sein wird. Wenn wir durch den Schleier der Erscheinungen durchsehen, so sehen wir ja nicht auf eine Welt, in der die Götter sagenhaft still, jeder in seinem Bette, schlafen und ein friedsames Leben führen, so wie die Menschen es sich erträumen und was ja doch nichts anderes ist, als eine andere Form des Faulenzerlebens. Nein, so ist es nicht! Wenn wir den Schleier der Phänomene durchblicken, so sehen wir nicht auf ein göttlich-geistiges Schlafensleben, sondern auf ein göttlich-geistiges, auf ein hierarchisches Arbeitsleben. Und was uns auffällt zunächst, das ist der große Kampf, der hinter der Szene der physisch-sinnlichen Welt stattfindet zwischen der Weisheit und der Liebe. Und der Mensch ist hineingestellt in diesen Kampf. Lange Zeit war er es unbewußt; in der Zukunft muß er sich immer bewußter und bewußter hineinstellen in diesen Kampf, der in der Welt stattfindet zwischen Weisheit und Liebe. Denn der Mensch soll sein dasjenige, was entsteht, indem Weisheit und Liebe wie ein Pendel immerfort ausschlagen, bald nach der Weisheits-, bald nach der Liebesseite. Denn durch des Pendels rhythmische Schwingungen, nicht durch die schläfrige Ruhe ist dasjenige, was Sein ist in der Welt.
Dieser Kampf zwischen Weisheit und Liebe spielte sich in alten atavistischen Zeiten und in den Zeiten bis jetzt, noch in den unterbewußten Untergründen der menschlichen Seele ab. Da unten, wo die unbewußten Instinkte pulsieren, da steht der Geist der Weisheit gegen den Geist der Liebe, und der Geist der Liebe gegen den Geist der Weisheit. Aber ins Bewußtsein zieht das herauf von unserem Zeitalter der Bewußtseinsseelenentwickelung an. Der Mensch muß diesen Kampf in sich selber auskämpfen. Immer stärker und stärker wird die Kraft werden, die auf der Grundlage dieses inneren Seelenkampfes in den menschlichen Naturen sich abzuspielen hat. Nur sträuben sich heute die Menschen noch gegen diese innere Entwickelung. Sie ahnen sie zwar und fürchten sich davor, sie haben aber nicht den Mut zu diesem inneren Kampfe. Das, was in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» steht, soll dahin führen, daß der Mensch diesen inneren Kampf siegreich auskämpfen kann. Es ist den Menschen unbequem. Sie schrecken davor zurück, sie haben nicht den Mut, diesen inneren Kampf zu bestehen. Das ist aber eine Zeiterscheinung, daß die Menschen diesen inneren Kampf nicht bestehen wollen, daß sie ihn noch fliehen, daß sie ihn noch nicht haben wollen, diesen inneren Kampf. Und weil sie ihn nicht innerlich haben wollen, deshalb projiziert er sich heute nach außen. Ich habe das angedeutet in dem einen meiner Mysterien, wo Sie nachlesen können, wie dasjenige, was an äußeren Kämpfen unter den Menschen stattfindet, Ausdruck eines inneren Kampfes ist. Sie wissen, die Stelle ist lange vor dem Ausbruche der gegenwärtigen kriegerischen Weltkatastrophe geschrieben, aber gerade die gegenwärtige Weltenkatastrophe bezeugt die Wahrheit des dort Geschriebenen. Da ist angedeutet, daß alles, was an äußeren Kämpfen heute stattfindet - in anderen Zeitaltern hatten die Kämpfe anderen Charakter, denn alles ändert sich und macht Metamorphosen durch -, aus dem Inneren der Menschen herausgeworfene Kämpfe sind. Das ist es, was kommen muß: Die Menschen müssen ins Innere hereinnehmen, was sie glauben, heute außen auskämpfen zu müssen. Ein Kriegsschauplatz im Innern der menschlichen Seelen, das wird das Heilmittel sein für das, was heute unter die Menschen so ruinös getreten ist. Nicht früher, als bis dieser innere Kriegsschauplatz in die menschlichen Seelen einzieht, kann dasjenige verglimmen, was äußerlich so furchtbar katastrophal unter die Menschen gekommen ist. Denn dieses Äußere ist nichts anderes als das, was die Menschen nach außen projizieren, weil sie es nicht ins Innere hereinbringen wollen. Alles übrige ist nur scheinbar; das aber ist die Wirklichkeit.
Dornach, 20.Sep.1918/VE
aus «GA 186»; S.280f
Aber es wäre schlimm, wenn der Mensch nur von dem luziferischen Elemente abkommen würde und nichts anderes an die Stelle treten würde. Es wäre sehr, sehr schlimm. Denn dann würde der Mensch ganz mit der Erde, das heißt mit dem einzelnen Erdenterritorium, auf dem er geboren wird, zusammenwachsen. Er würde sich in seiner Kultur vollständig spezifizieren, vollständig differenzieren. Wir sehen ja heute diese Tendenz sich herausentwickeln. Besonders veranlagt war die Sache schon seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts; aber wir sehen heute, wie aus der Weltkriegskatastrophe die Tendenz sich herausentwickelt, sich in immer kleinere und kleinere Gruppen zu spalten. Der Volkschauvinismus nimmt immer mehr und mehr überhand, bis er dazu führen wird, daß sich die Menschen in immer kleinere und kleinere Gruppen spalten, so daß schließlich die Gruppe zuletzt nur einen einzelnen Menschen umfassen könnte. Dann könnte es dahin kommen, daß die einzelnen Menschen auch in einen linken und rechten sich spalten würden, und in einen Krieg mit sich selbst kommen könnten, wo sich der rechte Mensch mit dem linken in den Haaren liegt. Viele Anlagen dazu zeigen sich ja auch heute schon in der Entwickelung der Menschheit. Dem muß eben das Gegengewicht geschaffen werden. Und dieses Gegengewicht kann nur geschaffen werden dadurch, daß ebenso wie eine Urweisheit die heidnische Kultur durchdrang und durchsetzte, auch eine neue Weisheit, doch nun aus freiem Menschenwillen heraus, errungen wird, eine neue Weisheit der Erdenkultur überliefert werden wird. Diese neue Weisheit muß wiederum eine Initiationsweisheit sein. Diese neue Weisheit muß wiederum über das hinausgehen, was nur im einzelnen gewonnen werden kann.
Und hier kommen wir zu jenem Kapitel, das auch dem heutigen Menschen nicht vorenthalten werden darf. Wenn der Mensch gegen die Zukunft hin nichts tun würde, um eine neue Weisheit selbst zu erringen, dann würden in unterbewußten Tiefen der Menschennatur die Dinge vorgehen, die ich Ihnen ja zum Teil schon geschildert habe, nämlich die Ahrimanisierung der ganzen Menschheitskultur. Die Menschheitskultur würde ahrimanisiert werden, und es würde dann jener Inkarnation des Ahriman, von der ich Ihnen gesprochen habe, ein leichtes sein, mit ihrem eigenen Wesen die Erdenkultur zu durchdringen. Deshalb muß eben vorgebaut werden in bezug auf alle die Strömungen, die die ahrimanische Kultur fördern.
Dornach, 15.Nov.1919/SA
aus «GA 191»; S.272f
Da aber trat in die Welt ein mächtiges Wesen ein: «Ea». Wer heute noch Laute fühlt, der fühlt in dem Zusammenklange von E und A den Hinweis auf jenes mächtige Wesen, das dem Menschen hilfreich im Sinne dieser alten Mysterienlehre zur Seite war, als die Dämonen aus Tiamat mächtig waren: Ea, Ia, was dann später, indem man die Seinspartikel «soph» voraussetzte, Soph Ea = Sophia wurde. Ea, ungefähr dasjenige, was wir mit dem abstrakten Worte: Weisheit, die in allen Dingen waltet, bezeichnen. Ia = die in allem waltende Weisheit, Sophia. Soph = eine Partikel, die ungefähr «seiend» bedeutet [vgl. En-Soph], Sophia, Sophea, Sopheia = die waltende Weisheit, die überall waltende Weisheit schickte dem Menschen einen Sohn, jenen Sohn, den man dazumal mit dem Namen bezeichnete: «Marduk», den wir gewohnt worden sind in einer etwas späteren Terminologie als Michael zu bezeichnen, als den aus der Hierarchie der Archangeloi heraus waltenden Michael. Das ist dieselbe Wesenheit wie Marduk, der Sohn von Ea, der Weisheit, Marduk-Michael.
Torquay, 11.Aug.1924/MO
aus «GA 243»; S.23
Kommt man vom gewöhnlichen groben Berechnen zum rhythmischen Berechnen, wie es für die Sphärenharmonie war die Astrologie, so kommt man vom rhythmischen Berechnen zum Anschauen der Weltenorganisation in Figuren, Zahlen, die da sind in der Astrosophie. Aber man kommt nach der anderen Seite hin, ich möchte sagen so, daß sich schon die regierenden Weltenwesen etwas spröde erweisen. Sie sind nicht gleich da. Zuerst zeigen sie einem nur eine Art Akasha-Photographie, von der man aber nicht recht weiß, woher sie einem zugeworfen wird. Da hat man die Welt, aber eben nur überall im Weltenäther gezeichnete Photographien. Aber man weiß nicht, wo sie herkommen.
Dann tritt die Inspiration ein. Da fängt das Wesen an, durch das Bild heraus sich selber kundzugeben. Wir gehen zunächst aus der Nomie [νομία] bloß zur Logie [λογία]. Erst wenn wir ganz durchdringen zur Intuition, dann folgt der Inspiration das Wesen selber, wir kommen an die Sophia [σοφία] . Das ist aber ein persönlicher Entwickelungsweg, der den ganzen Menschen in Anspruch nimmt, der auch Bekanntschaft machen muß mit einer solchen Dame, die sich hinter der Meteorologie verbirgt, in Wind und Wetter, in Mond und Sonne, insoferne sie eingreifen in die Elemente. Da muß nicht nur der Kopf sich engagieren wie bei der Logie, sondern der ganze Mensch.
Nun können Sie aber daraus ersehen, daß schon auch eine Möglichkeit vorliegt, in dieser Beziehung, sich auf einen Irrweg zu begeben, denn Sie können auch in der Anthroposophie, indem Sie von der Anthroponomie, die eigentlich heute die allein herrschende Wissenschaft ist, zur Anthropologie kommen, können Sie zur Anthroposophie kommen mit dem Kopf. Da haben Sie dann lediglich die Ratio, aber die Ratio lebt nicht. Sie bezeichnet nur die Spuren des Lebens, wo es nicht darauf ankommt, daß man die Einzelheiten berücksichtigt. Das Leben lebt aber gerade in den Einzelheiten, in dem Irrationalen. Da müssen Sie hinunterleiten, was der Kopf erfaßt hat in den ganzen Menschen, und mit dem ganzen Menschen dann aufrücken von der Nomie zur Logie, zur Sophia.
Dornach, 17.Sep.1924/ME
aus «GA 318»; S.149f