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Zitatensammlung
Teil 2
Zitate zu
ERSCHEINUNGEN der WEISHEIT
Während ich solches schweigend bei mir selbst erwog und meine tränenvolle Klage mit Hilfe des Griffels aufzeichnete, schien es mir, als ob zu meinen Häupten ein Weib hinträte von höchst ehrwürdigem Antlitz, mit funkelnden und über das gewöhnliche Vermögen der Menschen durchdringenden Augen, von frischer Farbe und unerschöpfter Jugendkraft, obwohl sie so bejahrt war, daß sie in keiner Weise unserem Zeitalter anzugehören schien. Ihr Wuchs war von wechselnder Größe; denn bald zog sie sich zum gewöhnlichen Maß der Menschen zusammen, bald schien sie mit dem Scheitel den Himmel zu berühren; und als sie noch höher ihr Haupt emporhob, ragte sie über den Himmel selbst hinaus und entzog sich so dem Blick der Menschen. Ihr Gewand war von feinstem Gespinst und mit peinlicher Kunstfertigkeit aus unzerstörbarem Stoff gefertigt; sie hatte es, wie ich später aus ihrem eignen Munde erfuhr, mit eigner Hand gewebt. Seinen Glanz hatte wie bei rauchgeschwärzten Bildern ein trüber Anflug von Vernachlässigung und Alter überzogen. An seinem untersten Rande las man eingewebt ein griechisches Π, an seinem obersten aber ein Θ. Und zwischen beiden Buchstaben schienen wie an einer Leiter etliche Stufen eingezeichnet, die von dem unteren zum oberen Schriftzug emporstiegen. Doch hatten dieses selbe Kleid die Hände einiger Gewalttätiger zerfetzt, und jeder hatte die Stückchen, die er gerade fassen konnte, an sich gerissen. Ihre Rechte endlich trug Bücher, ihre Linke aber ein Zepter.
Als sie die Dichtermusen, die mein Lager umstanden und meiner Tränenflut Worte liehen, erblickte, sprach sie etwas erregt und mit finster flammenden Blicken: Wer hat diesen Dirnen der Bühne den Zutritt zu diesem Kranken erlaubt, ihnen, die seinen Schmerz nicht nur mit keiner Arznei lindern, sondern ihn obendrein mit süßem Gifte nähren möchten? Sind sie es doch, die mit dem unfruchtbaren Dorngestrüpp der Leidenschaften die fruchtreiche Saat der Vernunft ersticken, die der Menschen Seelen an die Krankheit gewöhnen, nicht sie davon befreien. Wenn eure Schmeichelreden einen Uneingeweihten, wie es gemeinhin durch euch geschieht, ablenken, so würde ich das für minder betrüblich halten, denn bei ihm würden unsere Mühen nicht verletzt. Doch dieser, ist er nicht mit der Wissenschaft der Eleaten und Akademiker ernährt worden? Drum hinweg ihr Sirenen, die ihr süß seid zum Verderben, überlaßt ihn meinen Musen zur Pflege und zur Heilung!
Anicius Manlius Severinus BOETHIUS
aus «Trost der Philosophie»; S.3ff
Ich sah jedoch innerhalb dieses Gebäudes gegenüber dem Turm auch etwas wie sieben weiße Marmorsäulen stehen. Sie waren wunderbar rund gedrechselt und sieben Ellen hoch und trugen auf ihrer Spitze eine eiserne runde Galerie, die anmutig ein wenig oben darüber hinausragte. Am obersten Ende dieser Galerie sah ich eine überaus schöne Gestalt stehen, die auf die Menschen in der Welt blickte. Ihr Haupt strahlte einen so starken Glanz wie ein Blitz aus, daß ich es nicht vollständig betrachten konnte. Sie hatte die Hände ehrerbietig über der Brust gefaltet, während ihre Füße hinter der Galerie für meinen Blick verborgen blieben. Auf dem Haupt aber trug sie einen kronenförmigen, von hellem Schein strahlenden Reif. Sie war aber auch mit einer goldfarbenen Tunika angetan. Darin lief von der Brust bis zu den Füßen herab ein Streifen. Er war mit dem Schmuck von kostbarsten Edelsteinen, nämlich von grüner, weißer, roter und himmelblauer, von Purpurglanz schimmernder Farbe geziert.
Und sie rief den Menschen, die in der Welt waren, zu und sagte:
,O ihr Trägen, warum kommt ihr nicht? Wird euch nicht Hilfe zuteil, wenn ihr kommen wollt? Beginnt ihr den Weg Gottes zu laufen, ist euch das Surren von Mücken und Fliegen lästig. Nehmt doch den Fächer der Eingebung des Heiligen Geistes und verscheucht sie immer wieder von euch. Ihr müßt laufen und Gott muß euch auch helfen. Bietet euch Gott nicht heuchlerisch zum Dienst an und ihr werdet von seiner Hand gestärkt.'
Hildegard von Bingen
aus «Scivias»; S.497f
siehe weiters «Regina della sera»