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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Günter RÖSCHERT zu
GLAUBE, FRIEDE und HOFFNUNG
Glaube (pistis [ἡ πίστις]) ist aktive Empfänglichkeit für die Folgen des Falles in der Schöpfung und für die Existenz eines rettenden Impulses. Er ist kein Ersatzwerk, noch das bloße Für-wahr-Halten von irgendetwas, sondern das geistige Organ für die konkrete individuelle Ohnmacht und die ebenso konkrete Erhebungsmöglichkeit ohne Verdienst.⁷⁸ Wer im Glauben handelt, erwartet keinen Erfolg.⁷⁹ Der Glaube blickt - unklar noch - in Richtung des neuen Schauens,⁸° das als Konsequenz des Weges der „inneren Erfahrung” auftreten wird.
Glaube kann als Gerechtigkeit (dikaiosyne theou [ἡ δικαιοσύνη ϑεῦ]) angerechnet werden. Gerechtigkeit ist die Recht-Schaffung des durch den Fall beschädigten Urbildes, die grundlegende Heilsgabe, welche die Zukunft ermöglicht. Gerechtigkeit ist höhere Natur, das Aufleuchten des von Steiner beschriebenen Lebensgeistes⁸¹; dieser ist die Wirklichkeit der kosmischen Gerechtigkeits-Ordnung.⁸² Im Sinne des Apostels [Paulus] bedeutet Gerechtigkeit die An-Ähnlichung und beginnende Gleichgestaltung des eigenen Leibes an den Leib Christi.⁸³ Für den ethischen Vorgang ist Gerechtigkeit Gottes das Unterpfand für die Hinordnung des individuellen, schicksalhaften Tuns in das Gesamtschicksal des Kosmos.⁸⁴
Der Frieden (eirene [ἡ εἰρήνη]) ist die Wirkung des Einströmens der Gerechtigkeit Gottes in die Seele⁸⁵ - das Bewusstsein der Freiheit [ ἡ ἐλευϑερία].
Die Vollendung dessen, was der Mensch erstrebt durch die geistige Welt, ist Gnade (charis [ἡ χάρις]). Was aus Eigenkräften mutvoll begonnen wird, bedarf stets und in jedem Falle der Bestätigung, ja der Gegenliebe der geistigen Welt.⁸⁶ Die Intuition ist hervorgebracht und gegeben zugleich.⁸⁷
Hoffnung (elpis [ἡ ἑλπίς]) ist Hoffnung jenseits aller Hoffnung nach dem Vorbilde Abrahams.⁸⁸ Sie ist die bewegende Kraft der Schöpfung überhaupt,⁸⁹ auf Hoffnung wurde der Glaubende gerecht gemacht, denn noch ist der Abfall (apostasia [ἡ ἀποστασία]) möglich. Die fortschreitende Wirkung der Gerechtigkeit wird offenbar durch das partielle Wiedererscheinen der Herrlichkeit Gottes (doxa [ἡ δόξα]), des Urlichtes der Schöpfung. Der Christus ist der Herr der doxa.⁹° Wird dem Menschen die Gnade der freien Tat zuteil, so setzt er damit die Schöpfung fort.⁹¹ In theologischer Ausdrucksart spricht der Apostel von elementaren anthropologischen Gegebenheiten. Die Rede ist von der geistigen Möglichkeit der Freiheit: Freiheit verwirklicht sich aufgrund des Glaubens als gerechtmachende Gnade.⁹² Deshalb mahnte Rudolf Steiner als Verfasser einer durch und durch individualistischen Freiheitsphilosophie zur Beachtung der christologischen Dimension des Freiheitsproblems: „Den Freiheitsgedanken sollten die Menschen nicht ergreifen können ohne den Erlösungsgedanken des Christus. Dann allein ist der Freiheitsgedanke ein berechtigter. Wenn wir frei sein wollen, müssen wir das Opfer bringen, unsere Freiheit dem Christus zu verdanken.”⁹³
Mit diesen Worten hat Steiner die sittliche Autonomie der Menschen, die er 1894 - in seiner Philosophie der Freiheit - entschieden vertrat, nicht etwa siebzehn Jahre später, 1911, verneint. Gnade ist die Erfahrungsseite der Intuition, Glaube die Hingabe an den Weltzusammenhang. Aus der Verbindung von Situation und Intuition kann Gerechtigkeit erwachsen, denn freie Taten müssen auch richtig sein.⁹⁴ Ist das der Fall, darf sich der handelnde Mensch als befriedet empfinden. In der Begegnung zwischen der gedankengetragenen Seele und dem Strom der Lebenssituationen bereitet sich - auch durch vermeintliche Nullpunkte hindurch - die Zukunft vor.
S.24ff
78 Rudolf Steiner, Vortrag vom 3.5.1911, gehalten in München (GA 127).
79 Nach Röm 10,17 stammt der Glaube aus dem Wort.
80 2 Kor 5,7; vgl. 1 Kor 13,12.
81 Röm 8,2; vgl. Ez 37,5; 1 Kor 15,45: „So steht es in der Schrift: Adam, der erste Mensch, wurde ein irdisches Lebewesen. Der letzte Adam wurde lebendigmachender Geist.”
82 in theosophischer Ausdrucksweise: Buddhi.
83 Röm 3,21; 1 Thess 4,14; Phil 3,20: „Unsere Heimat aber ist im Himmel. Von dort her erwarten wir auch den Christus Jesus als Retter, der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes...”. Im Vortrag vom 14.10.1911, gehalten in Karlsruhe (GA 131), spricht Rudolf Steiner von einem „Anziehungsband”, das geschafffen werden könne „zwischen dem Menschen, insofern er in einem physischen Leib verkörpert ist, und dem, was als das eigentliche Urbild des physischen Leibes auferstanden ist aus dem Grabe von Golgatha.”
84 Vgl. Anm. 73 [Eine Handlung wird gut, „wenn meine in Liebe getauchte Intuition in der rechten Art in dem intuitiv zu erlebenden Weltzusammenhang drinnen steht...” GA 4].
85 Emil Bock: Das Evangelium S.829.
86 Rudolf Steiner im Vortrag vom 18.9.1917, gehalten in Berlin (GA 176 [S.340f]): „Im fünften nachatlantischen, im materialistischen, naturwissenschaftlichen Zeitalter ist es dem Menschen nicht möglich, aus seiner eigenen Wesenheit heraus Handlungen zu vollführen, die geistdurchdrungen sind ... Dies ist der Ursprung der Lehre (Luthers, G.R.) von der Heilung durch den bloßen Glauben.”
87 Deshalb hat Herbert Witzenmann die Existenzform der Begriffe und Ideen im Bewusstsein als „hervorgebracht gegeben” bezeichnet.
88 Röm 4,18: 8,24.
89 Röm 8,20.
90 1 Kor 2,8.
91 Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit (GA 4) , Kap.XII.
92 G. Röschert: „Situationsethik und moralische Phantasie”, in: Karl-Martin Dietz (Hsg.): Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit, Stuttgart 1994.
93 Wilhelm Kelber: Der Menschensohn, Stuttgart 1967. Die entscheidenden Angaben Rudolf Steiners finden sich in dem Vortrgaszyklus von 1911: Von Jesus zu Christus (GA 131).Geopfert wird das Begehren des „Ich”. Es verwandelt sich in die Liebe zum Objekt.
94 Die stellenweise nachweisbare Annahme des Apostels, Gnade sei vorherbestimmt [vgl. E.Bock], ist eine bewusstseinsgeschichtliche Beschränkung auf die es jetzt nicht mehr ankommt.
S.31
aus «Wahrer Gott und wahrer Mensch»