zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Ernst Peter FISCHER zum
WAHRHEIT ERZÄHLEN
»Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Wissenschaft und kunst steht.« Dieser eingangs zitierte Satz von Albert Einstein kann jetzt mit dem Hinweis ergänzt werden, dass das Geheimnisvolle nicht nur in der Natur, sondern auch in der Wissenschaft selbst zu finden ist. Wie jeder Forscher gerne betont, bringt jede Antwort neue Fragen mit sich. Anders ausgedrückt: Wissenschaft verwandelt eine geheimnisvolle Natur in eine mysteriöse Erklärung. Wenn die Wissenschaft Wahrheit erkannt hat, kann sie ihre Einsicht nur so ausdrücken, dass sie ihr Geheimnis behält, also in poetischer Form. Wissenschaft muss erzählt werden.
Bei jeder Vermittlung von Wissenschaft wird der Wunsch geäußert, komplizierte Sachverhalte auf einfache Weise erläutert zu bekommen. Das ist verständlich, und tatsächlich kann man Erklärungen unnötig schwerfällig halten. Doch einfach meint nur, so einfach es geht, und meint nicht: noch einfacher. Sonst bleibt nichts übrig, was sich zu erklären lohnt. Niels Bohr hat einmal gesagt, wer einen Parallelschwung im Tiefschnee einfach erklärt, verwandelt ihn in einen Stemmbogen auf glatter Piste, also in etwas, das niemand wissen will.
Wenn die Formulierung ernst genommen wird, dass das Einfache das Schwere ist, dann kann eine einfache Erklärung von Wissenschaft nicht bedeuten, dass man die Einsicht der Forscher mit vertrauten Wörtern ausdrückt - etwa mit »Energie« -, denn ihre alltägliche Bedeutung ist derart verwaschen, dass sie nichts mehr von Relevanz besagen. Dann muss eine einfache Erklärung von Wissenschaft ihre Verwandlung in eine Form bedeuten, die dem Publikum besser zugänglich werden kann, etwa als Kinofilm, als Theaterstück, als Roman oder auf andere Weise. Hinter diesem Gedanken steckt der bereits zitierte Vorschlag von Goethe, die Wissenschaft als Kunst zu denken, um sie als Einheit, als Ganzes zu verstehen.
Dabei wird sie allerdings verwandelt, was den Gedanken erlaubt, dass wir das Verhältnis zwischen der Wissenschaft und ihrer Vermittlung anders sehen müssen als bisher. Bisher galt Wissenschaft als schwer und die Vermittlung als einfach. Vielleicht ist es gerade umgekehrt. Vielleicht ist die Vermittlung von Wissenschaft schwer, und möglicherweise kann Wissenschaft erst dann geeignet vermittelt werden, wenn sich darum nicht ein paar gut gelaunte Funktionäre kümmern, sondern Poeten, die es sich so lange schwer machen, bis sie endlich anfangen können, davon zu erzählen. Unser Gehirn [a] wartet auf diese Gelegenheit.
aus «Die Verzauberung der Welt»; S.260f
a] wohl eher unser Geist, der sich des Gehirns bedient