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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Ernst Peter FISCHER zu
LISE MEITNERS STUNDE
Lise Meitner hat es als Frau in der männlich beherrschten Wissenschaftswelt des deutschen Kaiserreichs außerordentlich schwer gehabt, erst Zugang und dann etwas Anerkennung zu finden. [...] Die politische Tatsache, dass Lise Meitners Heimatland Österreich im März 1938 unter dem Jubel [eines Teils] der Bevölkerung an das »Dritte Reich« angeschlossen wurde, zwang die jüdische Wissenschaftlerin zur raschen Emigration, wobei sie glücklich war, überhaupt in einem freien Land - in ihrem Fall Schweden - Aufnahme zu finden.
Hinter dieser sachlich wirkenden Auskunft verbirgt sich ein schlimmer Schlag des Schicksals, den man sich vor Augen führen sollte. Denn die immerhin 60-jährige Lise Meitner befand sich plötzlich in einer völlig neuen Situation, vollkommen abgeschnitten von ihrem alten Leben. Um sie herum war ein Land, in dem sie niemanden kannte, dessen Sprache sie nicht beherrschte, in dem es keine Gelegenheit zur wissenschaftlichen Arbeit gab und wo ihr niemand sagen konnte, ob eine Rückkehr jemals möglich sein würde. Nach einem Leben voller Arbeit und Verdiensten war sie nun auf Spenden und Zuwendungen angewiesen, mit den alten Freunden in Berlin gab es nur wenig Kontakte. Immerhin funktionierte die Post, und kurz vor Weihnachten bekam sie einen Brief von Otto Hahn, der nach ihrer Vertreibung den Mut zeigte, ihre Experimente - gemeinsam mit dem Chemiker Fritz Straßmann - fortzuführen. Und dabei war den beiden eine merkwürdige Beobachtung gelungen.
Als Lise Meitner noch in der Reichshauptstadt war, hatte sie damit begonnen, Strahlen aus Neutronen auf Uranatome zu lenken, wobei sie und ihre Physikerkollegen die Ansicht vertraten und nachweisen wollten, dass die Neutronen von den Urankernen eingefangen werden und dabei größere Atome entstehen, sogenannte Transurane. Den um höchste Präzision bemühten Forschern fiel bald nach der Emigration Lise Meitners auf, dass die Neutronen das Uran nicht vergrößert, sondern im Gegenteil verkleinert hatten.
Im Rückblick kann man sagen, dass Hahn und Straßmann die Kernspaltung nachgewiesen hatten, aber das Wort »Spaltung« tauchte erst später auf. Hahn kannte sich nicht genügend in der Physik aus, um diesen Nachweis behaupten zu können (er hat für seine Arbeit ja auch [1945] den Nobelpreis für Chemie bekommen). In seiner Verwirrung schrieb er ratsuchend einen Brief an Lise Meitner, und damit kommt es zu dem existenziellen Moment, der meiner Ansicht nach nur in literarischer Form angemessen verarbeitet und vermittelt werden kann.
Der Brief erreicht Lise Meitner kurz vor Weihnachten in einer tief verschneiten schwedischen Landschaft [bei Kungälv], durch die sie mit ihrem Neffen Otto Robert Frisch spaziert. Frisch ist aus Kopenhagen angereist, wo er bei Niels Bohr arbeitet. Lise Meitner liest, was Hahn geschrieben hat, und sieht sofort, was tatsächlich bei den Experimenten gefunden worden ist, nämlich die Möglichkeit, Atomkerne zu verkleinern, zu teilen, eben zu spalten. Sie ist in diesem Augenblick der erste Mensch, der das weiß, und sie weiß sehr bald noch sehr viel mehr. Sie erinnert sich nämlich erstens sofort an Einsteins Formel E=mc², mit der sich berechnen lässt, wie viel Energie (E) in einer gegebenen Masse (m) steckt. Sie entnimmt den Mitteilungen von Hahn zweitens, wie viel Masse bei der Kernspaltung verschwunden ist. Und sie multipliziert diesen Betrag drittens mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit (c²), um mit dem Ergebnis der Rechnung zu wissen, welche ungeheure Menge an Energie freigesetzt werden kann, wenn man den Atomkern spaltet.
aus «Die Verzauberung der Welt»; S.251f