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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Ernst Peter FISCHER zur
BILDUNG
Alle wollen Bildung und reden davon, ohne wirklich etwas zu erreichen. Irgendwie scheint man sich nicht darauf einigen zu können, was gemeint ist. Dabei lässt sich durchaus einfach sagen, was Bildung ausmacht; das heißt, es lässt sich sogar auf zweifache Weise einfach sagen: Bildung zeigt sich zum einen als die Form, die eine Kultur in einem Individuum annehmen kann; und sie zeigt sich zum anderen in dem offenen Dialog, der zwischen Mitgliedern der jeweiligen Kultur geführt wird. Eine Person gilt nicht unbedingt dann als gebildet, wenn sie Quizfragen beantworten oder in Spielen der Art von »Stadt-Land-Fluss« brillieren kann. Eine Person gilt eher als gebildet, wenn sie in ihrem Denken ihr historisch gestaltetes Umfeld repräsentiert und anspricht und das dazugehörige Wissen mit anderen Menschen erweitern und ergänzen will.
Das Schöne an der Bildung zeigt sich doch an ihrer dialogischen Offenheit, die sich bereits im Wort selbst findet: »Bildung« meint das Bilden (den Prozess) und das Gebildete (das Ergebnis), das sich jemand anschaut. Bildung meint das Machen und das Gemachte, das jemand in die Hand nimmt, meint das Sagen und das Gesagte, das jemand hört, um darauf zu antworten. Bildung erweist sich auf diese Weise insgesamt als ein Abenteuer der kulturellen Neugierde mit offenem Ausgang, zu dem mindestens zwei gehören, die sich gegenseitig bilden. Dadurch wird Bildung zu einem anhaltenden und durchgehenden Vorgang, der keinen Abschluss findet.
Das drückt sich auch in der Idee der modernen Universität [a] aus, die im frühen 19. Jahrhundert in Berlin durch Wilhelm von Humboldt gegründet wurde. Er fasste die Wissenschaft als das niemals abschließbare Treiben und Suchen auf, und er unternahm dies in der Zeit der Romantik, die nicht in dem erworbenen Wissen das Ziel von Menschen sah, sondern in der Anstrengung, die zu ihm hinführt. Wissenschaft als Bildung - dieser schöne Gedanke geht über die Aufklärung hinaus, und er weist auf das Romantische hin, das in der Wissenschaft steckt.
In der öffentlichen Debatte meint man leider nur so etwas wie eine Aus-Bildung (zur Berufsfähigkeit), wenn von Bildung geredet wird, und damit zielt die Debatte in die falsche Richtung. In meinen Augen muss es vor allem um Ein-Bildung (zur Denk- und Dialogfähigkeit) gehen, wenn die Rede auf Bildung kommt. Und so ist der Begriff auch in die deutsche Sprache gekommen: Es war schließlich eine geheimnisvolle Ein-Bildung Gottes, die der Mystiker Meister Eckhart angestrebt hat. Es ging ihm um das Einholen des Bildes Gottes, und diese Bildung galt als Zweck und Ziel menschlicher Mühen.
aus «Die Verzauberung der Welt»; S.109f
a] vgl. Universitätsbildung